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Trotz inkompletter Querschnittslähmung kämpft Andreas Pirstadt für ein selbstständigeres Leben

Mit eisernem Willen

Pfaffenhofen
erstellt am 14.02.2018 um 12:55 Uhr
aktualisiert am 18.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (PK) Erfolg misst Andreas Pirstadt in anderen Maßeinheiten als die meisten Menschen. Für ihn ist ein ohne fremde Hilfe gestreckter Finger eine kleine Sensation. Der ehemalige Schiedsrichter kämpft gegen die Folgen einer inkompletten Querschnittslähmung an.
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Er kämpft weiter: Aufgeben ist für den Pfaffenhofener Andreas Pirstadt keine Option.
Er kämpft weiter: Aufgeben ist für den Pfaffenhofener Andreas Pirstadt keine Option. Er trainiert gegen die Folgen einer inkompletten Querschnittslähmung an. Auf seinem Spezialfahrrad übt er täglich im Wohnzimmer.
Pirstadt
Pfaffenhofen

Vor rund fünf Monaten hatte der Pfaffenhofener Kurier im Zusammenhang mit der Herausgabe der Pflegebroschüre des Landkreises über den 55-Jährigen berichtet. Seitdem sind aus der Sicht des Familienvaters "viele kleine Wunder passiert". Laut Ehefrau Birgit, die neben ihrem Job an der Tankstelle die aufwendige Pflege ihres Mannes übernommen hat, handelt es sich eher um das "Ergebnis seines unermüdlichen Durchhaltevermögens oder seiner Starrköpfigkeit." Denn der ehemalige Kurierfahrer trainiert täglich "mit eisernem Willen".

Im Juli hatte er die Besucherin der Zeitung noch im Bett liegend empfangen und ohne jede Wehleidigkeit von seinem Schicksal erzählt: die Diagnose Krebs, die Entfernung des Tumors aus der Halswirbelsäule, die daraus resultierende inkomplette Querschnittlähmung, die ihn vom Fußballer und Schiri zum Pflegefall machte.

Doch Pirstadt kämpfte weiter, und wurde belohnt. Im Sommer hatte er nur einen Finger der linken Hand strecken können. Mit etwas Hilfe und gewissen Einschränkungen "kann ich jetzt sogar einen Joystick bedienen, um mein Gefährt zu lenken", lässt er wissen. Die komplett zur Faust verkrampfte rechte Hand, die damals nur unter Brechen der Knochen zu öffnen gewesen wäre, "die kriegt meine Frau mit sanftem Druck aufgebogen". Und von einem Helfer gestützt kann der bekennende Dickschädel sogar im warmen Wasser die Beine bewegen.

Wie er diese aus der Sicht eines Querschnittgelähmten "riesigen Fortschritte" geschafft hat? Das zählt der einstige Kicker nicht ohne Stolz auf: Zwei Mal die Woche werde er bei speziellen Übungen vom sozialen Dienst der Regens Wagner offenen Hilfen im Haus unterstützt, dessen Leistung die Pflegekasse über den Entlastungsbeitrag finanziere. Zusätzlich eine Wassertherapie in Bad Gögging "auf Rezept". Darüber hinaus kommt täglich ein Spezialfahrrad im Wohnzimmer zum Einsatz. Und so oft es geht, fährt seine Frau ihn auf eigene Kosten nach Bad Füssing, wo er ebenfalls besondere Übungen absolviert. "Die weite Anfahrt lohnt sich, weil das Wasser hier zwei Grad wärmer ist als üblich und meine Muskeln dadurch lockerer werden", meint Pirstadt, der immer wieder unter Spastiken leidet. Neu auf seinem Trainingsplan ist die Elektro-Myo-Stimulation (kurz EMS), die als effektive Methode des Muskelaufbaus gilt. Beim Training werden schnell zuckende Muskelfasern zirka 150 Mal in der Sekunde mit schwachem Strom angeregt. 300 Mal intensiver als beim herkömmlichen Krafttraining sei das und gleichzeitig deutlich weniger belastend für Gelenke, Bänder oder Herz und Kreislauf, so Pirstadt. Anstrengend ist diese Methode der Muskelstimulation dennoch. "Ich bin danach komplett kaputt, fühle mich aber gleichzeitig total wohl, weil ich mich endlich mal wieder ausgepowert habe", betont er.

"Dieses Training kommt aus der Physiotherapie", erklärt dazu Anthony Gräber. Der Inhaber des EMS-Studios in Pfaffenhofen nennt einen besonderen Vorteil für Menschen wie Pirstadt, bei denen die direkte Kommunikation von Gehirn und Muskel teilweise nicht mehr möglich ist: "Der Kopf ist quasi ausgestellt und der Strom übernimmt die Steuerungsaufgabe." Das weitere Plus: Der Trainierende sieht, wie seine Muskeln sich bewegen und das Gehirn erhält salopp gesprochen die Botschaft: Hier tut sich was. Inwieweit es dadurch animiert wird, die Befehlsgewalt sukzessive wieder selber zu übernehmen, "bleibt abzuwarten", so Pirstadt. In jedem Fall aber wirkt sich das Training jetzt schon motivierend auf seine Psyche aus. "Herr Pirstadt ist der erste Kunde im Rollstuhl, der sich das Training bei uns zutraut", so Gräber, der den "Biss" des ehemaligen Fußballers bewundert. Für jede wöchentliche Trainingseinheit à 20 Minuten (Kostenpunkt 30 Euro), die von Familien in Not bezahlt wird, will er deshalb eine kostenlose "drauflegen".

Pirstadt selber hofft mittels EMS eines Tages wenigstens "allein vom Bett in den Rollstuhl und umgekehrt" zu kommen. Seinem Traum, mit einem Roboteranzug ("Exoskelett") trainieren zu können, ist er noch nicht näher gekommen. "Das kann sich jemand wie ich einfach nicht leisten", sagt er. Ihm sei sogar der Antrag auf eine weitere Reha-Maßnahme abgelehnt worden, mit der Begründung, dass "ich ja eh nie mehr arbeiten kann". Das sei "bitter" meint er mit einem resignierten Schulterzucken. Und freut sich umso mehr über die Unterstützung von Familien in Not.

DK
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