Donnerstag, 17. Januar 2019
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Der 25-jährige Vorsitzende des Soldatenvereins will die Erinnerung an die Weltkriege wachhalten

Damit sich das Grauen nicht wiederholt

Pfaffenhofen
erstellt am 14.01.2019 um 10:39 Uhr
aktualisiert am 14.01.2019 um 22:01 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (PK) Er ist gerade mal 25, war nicht bei der Bundeswehr, einen Krieg hat er erst recht nicht erlebt. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Warum hat der Pfaffenhofener Soldaten- und Kriegerverein Dominik Schmidt zu seinem Vorsitzenden gewählt? Und warum hat der die Wahl angenommen?
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Der Vereinsvorsitzende Dominik Schmidt konfrontierte sich mit den Grauen des Ersten Weltkriegs in den Resten der Schützengraben von Verdun. Dass der Krieg dort auch die gesamte Landschaft verwüstet hat, schockiert den damals 22-Jährigen.
Der Vereinsvorsitzende Dominik Schmidt konfrontierte sich mit den Grauen des Ersten Weltkriegs in den Resten der Schützengraben von Verdun. Dass der Krieg dort auch die gesamte Landschaft verwüstet hat, schockiert den damals 22-Jährigen.
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Pfaffenhofen
"Ja, warum?", sagt der 25-Jährige. "Das ist eine gute Frage." Er sitzt im Herrgottswinkel in der Wohnküche seines Elternhauses in Förnbach auf der Eckbank. Um das mit frischen Tannengrün und Strohsternen weihnachtlich geschmückte Kruzifix gruppieren sich Bilder und Figuren - und die geben schon einen Teil der Antwort: Da hängt eine Schützenscheibe (Schmidt ist Mitglied des Schützenvereins), daneben eine Hinterglasmalerei des heiligen Nikolaus, Schutzpatron der Schäffler (da ist er seit sechs Jahren aktiv); in einer Nische steht eine Figur des heiligen Florian, Patron der Wehrmänner. Richtig: Auch bei der Freiwilligen Feuerwehr macht der 25-Jährige mit, ebenso bei der Wasserwacht, außerdem bei einer katholischen Studentenverbindung in Berlin, wo er als Fahrzeugtechniker den Master-Abschluss gemacht hat. Kein Zweifel: Da sitzt jemand, der Vereinsleben als gesellschaftlichen Auftrag versteht. Das sei doch furchtbar zu sehen, wie viele Menschen allein für sich leben. In Vereinen könnten sie soziale Kontakte knüpfen. Irgendwie hat er das Vernetzen auch zu seinem Beruf gemacht: Er arbeitet bei einem Autozulieferer, der Kabelbäume herstellt, die alle Teile eines Autos miteinander verbinden.

Ganz wichtig ist ihm der Erhalt von Brauchtum, von bayrischer Kultur. Und die war, was den Soldaten- und Kriegerverein betrifft, akut bedroht. Der Verein ist der zweitälteste Pfaffenhofens, er war 1842 nach den vier Koalitionskriegen, ausgelöst durch die französische Revolution, gegründet worden. Jetzt, 176 Jahre später, drohte das Aus, der bisherige Vereinschef Richard Arzmiller trat nach 17 Jahren nicht mehr an, ein Nachfolger fand sich nicht. Konsequenz: Der Verein mit 56 Mitgliedern löst sich auf oder er fusioniert mit dem Niederscheyrer Verein. Keine gute Perspektive, weswegen auch Bürgermeister Thomas Herker ("Der Verein darf nicht untergehen!") und CDU-Stadtrat Martin Rohrmann auf der außerordentlichen Generalversammlung vor vier Wochen ihr ganzes Gewicht geltend machten, für den Fortbestand des Vereins kämpften und mit gutem Beispiel vorangingen: Sie wurden Mitglied. Dank so prominenter Unterstützung ließ sich dann Dominik Schmidt als Kandidat aufstellen ("Sie können ruhig ,breitschlagen' schreiben") und wurde prompt gewählt.

Nun ist Dominik im Verein kein Unbekannter: Seine Mutter ist dort seit Jahr und Tag Kassier, er selbst war früher als "Taferlbua" dabei: Bei Umzügen ist er mit der Standarte des Vereins vorangegangen. Vor sieben Jahren ist er dem Verein beigetreten. Seine persönliche Beziehung zu den Soldaten und Kriegern hängt im heimischen Herrgottswinkel hinter ihm. Ein Aquarell zeigt seine Großeltern, der Opa als Sudentendeutscher war mit einem Granatsplitter in der Brust 1946 nach Pfaffenhofen gekommen. "Den konnte ich deutlich fühlen", erinnert sich Dominik Schmidt, "wie eine kleine Erhebung." Sein Opa habe nicht viel vom Krieg erzählt, wohl aber von seiner Zeit als Gemeindeschreiber, zu dessen Aufgaben es gehörte, den Eltern die Nachricht vom Tod ihres gefallenen Sohnes persönlich zu überbringen.

Das hat ihn geprägt. Ihn treibt die Frage um: Was macht der Krieg aus den Menschen? Und: Haben sie aus diesem Grauen gelernt? Vor zwei Jahren ist er nach Flandern gefahren und hat Ypern besucht, wo im Ersten Weltkrieg die Westfront verlief und deutsche Truppen erstmals Chlor- und Senfgas einsetzten. 9,5 Millionen Tote hat dieser Krieg abverlangt, "junge Männer, die vor genau 100 Jahren in meinem Alter waren". In Verdun ist der damals 22-Jährige in die Schützengräben gestiegen. "Der Krieg", sagt Dominik Schmidt, "hat die ganze Landschaft verwüstet." Auch deshalb will er sich jetzt im Verein verstärkt engagieren. Wem bei einem Soldaten- und Kriegerverein "Preußens Gloria" und Alte-Kameraden-Marschmusik einfällt, liegt daneben. Der ursprüngliche Vereinszweck, bedürftige Kameraden würdig zu bestatten und die militärische Tradition zu pflegen, hat sich deutlich verändert. Versöhnung der Völker und die Bewahrung des Friedens stehen heute neben dem Brauchtumserhalt und dem Andenken an Gefallene und Vermisste ganz oben in den Statuten.
"Kriege stehen nie für sich", sagt Dominik Schmidt und bezieht sich auf den flämischen Schriftsteller Erwin Mortier: "Sie scheinen Tentakel zu besitzen, die schier unmerklich weiterwachsen, bis sie anderenorts in die Höhe schießen und wieder in neuen Konflikten entflammen."

"Und das erleben wir ja immer wieder", sagt der 25-Jährige. Aus der Vergangenheit Schlüsse ziehen, um diesen Kreislauf zu stoppen, das ist sein Anliegen. Warum ist er dann nicht der Friedensbewegung Pax Christi beigetreten? Immerhin ist Schmidt christlich geprägt, erst im Herbst ist er auf dem Jakobsweg 24 Tage lang die über 800 Kilometer in Nordspanien nach Santiago de Compostela gepilgert. "Ich bin kein Pazifist", erklärt Dominik.

Mit Bürgermeister Herker hat er bereits einen Termin vereinbart, um neue Ideen zu besprechen. So kann er sich vorstellen, dass Veteranen in Schulen vom Krieg erzählen. Die Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf dem Friedhof, auf der Vereine und Stadträte meist unter sich sind, will er in die Öffentlichkeit bringen. Und auf dem Oberen Hauptplatz könnte ein Mahnmal an das Brett erinnern, in das während des Ersten Weltkriegs Pfaffenhofener gegen eine Spende Nägel einschlagen konnten, um Kriegsopfer zu unterstützen. Vom Ausmaß eines Kriegs, sagt der 25-Jährige, hätten viele seiner Altersgenossen keine Ahnung.

Er hat noch viel vor. In diesem Jahr will er nach Iwanowo in Russland fahren, wo sein Großvater in Kriegsgefangenschaft war. Und, "wenn es sich ausgeht", natürlich auch Wolgograd besuchen. Im früheren Stalingrad fanden vor 75 Jahren 700 000 russische und deutsche Soldaten den Tod. Die Erinnerung daran will er mit dem Pfaffenhofener Soldaten- und Kriegerverein wachhalten.
 
Albert Herchenbach
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