Mittwoch, 26. September 2018
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Beim Poetry-Slam im Café Zeitlos präsentierten die Teilnehmer flotte Textrhythmen

Von Schläuchen und Vorurteilen

Neuburg
erstellt am 14.09.2018 um 19:09 Uhr
aktualisiert am 19.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Neuburg (DK) Gedämpftes Licht, freudiges Stimmengewirr und ein vollbesetzter Raum erwarteten die Besucher des fünften Poetry Slams am vergangenen Donnerstag im Café Zeitlos. Die Karten zum Dichterwettstreit waren schon vor Veranstaltungsbeginn ausverkauft. Gut 100 Gäste fanden sich an diesem Abend zusammen, um den Poeten beim Vortragen ihrer selbstgeschriebenen Texte zu lauschen.
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Sonderapplaus erhielten alle Teilnehmer des Neuburger Poetry-Slams im Café Zeitlos. Der Siegerpreis teilten sich letztlich die beiden Finalisten Bert Uschner und Flinn Schnee.
Sonderapplaus erhielten alle Teilnehmer des Neuburger Poetry-Slams im Café Zeitlos. Der Siegerpreis teilten sich letztlich die beiden Finalisten Bert Uschner und Flinn Schnee.
Verena Reißner
Neuburg
Dem Gewinner des Abends, der durch die Lautstärke des Applauses ermittelt wurde, erwartete eine Flasche Hochprozentiges. Tizian Neidlinger, Hauptorganisator mit Hilfe des Café Zeitlos und Mitgründer des Neuburger Poetry Slams, freute sich über die große Zustimmung. Zum zweiten Mal war er als Moderator dabei.

Er selbst begann mit seinem selbsternannten "Opferlammtext", der aber nicht in die Wertung mit einfloss, um auf den bevorstehenden Abend einzustimmen. 2018 war ein komisches Jahr, findet er. Da schien in London sogar die Sonne und man konnte dem Popcorn förmlich beim Wachsen zusehen. "Die Uhr steht auf zwei vor zwölf." Elektroautos, Umweltschutz und die Flüchtlingsthematik: Diese Dinge lassen sich doch eigentlich super miteinander verbinden. Man könnte Bäume pflanzen, um gegen etwas zu protestieren zum Beispiel. Wir können verschiedene Dinge tun, um später unseren Enkeln zu sagen, wir hätten die Welt gerettet - oder es zumindest versucht. Das war die Kernaussage seines Textes. Damit erntete Tizian Neidlinger großen Applaus.

Danach begann der erste der insgesamt acht Poeten an diesem Abend. Flinn Schnee erzählte über seine Erfahrungen, die er beim Bewerben an Schauspielschulen gesammelt hat. Teilweise gewöhnungsbedürftige Typen im Wartebereich oder halbnackte Mädchen auf der Bühne begegneten ihm. Auch Entspannungsübungen mit anderen Bewerbern stehen da auf der Tagesordnung, wobei es ihm nicht leicht fällt, bei der Suche nach seiner beruflichen Zukunft zu entspannen.

Es folgte Christian Schmitz-Linartz mit seiner humorvollen Erzählung darüber, der Polizei mit selbstgebauten Tütchen, gefüllt mir Oregano und weiteren Inhalten aus dem Gewürzregal, einen Streich zu spielen.

Die Dritte im Bunde war Henriette Appel mit ihrem ersten Auftritt bei einem Poetry-Slam: Sie entführte das Publikum zu einen Rundgang auf die Neuburger Hochzeitsmesse. Ist das alles nur Kommerz? "Ich heirat' mich selber im Stammcafé", war die Erkenntnis daraus.

Als Nächste slammte Rebecca Fisch über das prächtige Unterwasserreich Neptuns - und nein, das war keine Anspielung auf ihren Namen. Die Meerjungfrauen kämpfen um ihr Wa(h)lrecht und rufen dafür sogar Alice Schwarzer zur Hilfe.

Nach der Pause startete der "Special Guest" des Abends, Toni Enzersberger, mit dem Text "Master of Desaster", der ebenfalls nicht zur Wertung zählte. Sie möchte "der King in jedem Ding sein", beschrieb sie dabei.

Bert Uschner kam als Nächster mit seinem Vortrag, bei dem das Publikum auf Kommando "Feuerwehrschlauch" rufen sollte, sehr gut an. Es gibt wirklich mehr Wörter, die sich darauf reimen, als man denkt. Danach erzählt er vom Leben, in dem man wie ein Tier dressiert wird und man sich seine Anerkennung erarbeiten muss.

Als sechste Poetin im Rennen um den ersten Platz slammte Lea Winkler über ihre Vorurteile und wütenden Gedanken, die beim U-Bahn-Fahren entstehen. Der verführerische Duft eines Döners nach einer langen Schicht oder Männer, die im Ghetto-Slang sprechen: Sie versuche jetzt, toleranter zu werden. Ob ihr das gelingt? Sie sei ganz neu dabei beim Poetry Slam, erzählt sie am Schluss. Über soziale Medien versucht sie, Poetry-Slam, vor allem unter jungen Leuten, bekannter zu machen.

Theresa Köchl zog im Anschluss das Publikum mit ihrem Text in den Bann. Mit Hilfe eines Krokodils, das die Wahrheit in Person darstellen sollte, erzählte sie von einer Frau, die ihr erstes eigenes Wort findet, frei von jeglichen Zwängen.

Zuletzt war Anna Scheerer an der Reihe. Warum sie im Schatten der Bäume nicht entspannen kann? Weil Jens schon wieder seinen Lippenstift vergessen hat. "Komm nicht wieder mit der Geschichte, in der ihn deine Katze mit in die Dusche genommen hat!" Moment, war das alles nur ein Traum?

Im Finale standen sich Flinn Schnee und Bert Uschner nach sehr knappen Applaus-Abstimmungen des Publikums gegenüber.

Berts Text mit einem Rückblick in die Vergangenheit und der Aufforderung, sich öfter Kinder und deren Lebensfreude zum Vorbild zu nehmen, erntete riesigen Applaus beim Publikum. Auch Flinns gesellschaftskritischer Vortrag über Vorurteile gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften wurde stark bejubelt. Am Ende konnte nicht eindeutig entschieden werden, für wen der Applaus stärker war. Kurzerhand erklärte Tizian Neidlinger beide Finalisten zu den Gewinnern des fünften Poetry Slams, die sich die Flasche mit durchsichtigem Inhalt teilen durften.

Zum Schluss gab es noch einmal tosenden Applaus für alle Poeten sowie für den Moderator des Abends. Denn sie alle begeisterten mit ihren tollen, kreativen Texten das Publikum und machten den Abend zu einem Erfolg.
Verena Reißner
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