Freitag, 16. November 2018
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Vor 100 Jahren schickten die Bayern den König davon - Ausstellung "Friedensbeginn?"

Schleichens eana, Majestät!

Ingolstadt
erstellt am 09.11.2018 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 12.11.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) In der Dürnitz des Neuen Schlosses in Ingolstadt ist die Ausstellung "Friedensbeginn?" eröffnet worden. Sie erstreckt sich im Reduit Tilly über 15 Räume und erzählt vom zunächst friedlichen Umsturz in Bayern vor genau 100 Jahren, den dann aber um so blutigeren, bürgerkriegsähnlichen Kämpfen 1919 bis zum rechtsextremen Abdriften des Freistaats. "Es ist einer der turbulentesten Abschnitte in der Geschichte Bayerns", sagte der Historiker Georg Köglmeier.
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Mit einem Vortrag des Historikers Georg Köglmeier wurde die Ausstellung gestern in der voll besetzten Schloss-Dürnitz eröffnet.
Mit einem Vortrag des Historikers Georg Köglmeier wurde die Ausstellung gestern in der voll besetzten Schloss-Dürnitz eröffnet.
Hammer
Ingolstadt
Derart entschlossen, ja stur sind Bayern gewiss noch nie gegen Klischees zu Felde gezogen, die Fremde gemeinhin mit ihnen verbinden: Von wegen immer gemütlich, königstreu und gottgefällig! Vor 100 Jahren haben außerordentlich rebellische Landeskinder das Gegenteil bewiesen: vier Revolutionen binnen fünf Monaten. Darunter eine von auffällig vielen Dichtern getragene linksintellektuelle Räterepublik, die immerhin sechs Tage alt wird. Und eine kommunistische Sowjetrepublik, die es auf zwei Wochen bringt, bevor auch sie hart weggeputscht wird. So was muss ein Volk den Bayern erst mal nachmachen!

Es beginnt am 7. November 1918 mit einer großen Friedensdemonstration auf der Münchner Theresienwiese und mündet in einer der ungewöhnlichsten Revolutionen der deutschen Geschichte: Der Sozialist Kurt Eisner erklärt die seit 700 Jahren regierende Dynastie der Wittelsbacher für abgesetzt und ruft einen "Freistaat Bayern" aus. Der Monarch wird ohne jeden Widerstand der Polizei, des Militärs oder anderer Autoritäten verjagt. Ja unerhörter noch: Es sind Soldaten der Münchner Garnison, die nicht mehr an die Front wollen und den Umsturz in der Heimat vorantreiben. König Ludwig III. flieht nach Salzburg. Sinngemäß hat man ihm zu verstehen gegeben: "Schleichens eana, Majestät!" Revoluzzer Eisner formuliert es freilich anders; der Mann ist Berliner.

Doch dem erstaunlich reibungslosen Ende der Monarchie und dem Systembruch samt der Auflösung der bayerischen Armee 1919 folgen um so blutigere Kämpfe zwischen Roten und Weißen um die Macht. In München gibt es mindestens 500 Tote. "Vielleicht waren es sogar 1200", sagt Georg Köglmeier, Historiker an der Universität Regensburg, der in seinem Vortrag "einen der spannendsten und turbulentesten Abschnitte in der Geschichte Bayerns" kompakt wie lebendig zusammenfasst.

Aber noch einmal: Wie konnte es so weit kommen, dass bayerische Bürger ihren König davonschicken? Ansgar Reiß, der Leiter des Armeemuseums, bietet Erklärungen: "1918 schweigen die Waffen plötzlich. Das massenhafte Töten hört auf. Doch zugleich brechen neue Differenzen auf. Die Bürger erkennen: ,Man hat uns betrogen, der Krieg ist längst verloren!' Eine emotional dramatische Situation. Sie werfen dem bayerischen König vor, weiterhin preußische Interessen zu vertreten." Und so was geht natürlich gar nicht.

Der Katalog zur Ausstellung ist im Museumsladen im Schloss sowie an der Kasse im Reduit Tilly, wo die Schau ab sofort zu sehen ist, für 20 Euro erhältlich. Das sind fünf Euro weniger als im Buchhandel.

Christian Silvester
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