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Mythos und Faszination Hinterkaifeck

erstellt am 31.03.2012 um 04:45 Uhr
aktualisiert am 30.06.2016 um 13:30 Uhr | x gelesen
Neuburg (dk) Die Faszination des Sechsfach-Mordes von Hinterkaifeck ist ungebrochen - auch 90 Jahre nach der grausamen Tat. In der Nacht zum 1. April 1922 sind auf dem Einödhof Hinterkaifeck sechs Menschen mit einer Reuthaue erschlagen worden. Am Freitagabend haben vier Experten im voll besetzten Stadttheater Neuburg nochmal intensiv über den ungeklärten Kriminalfall diskutiert.
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Wenn die Faszination Hinterkaifeck darauf beruht, dass der Mord bis heute nicht aufgeklärt werden konnte, wird dieser Mythos die Menschen noch länger fesseln. Denn den Mörder, der vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sechs Menschen bestialisch erschlug, werden heute weder Hobbydedektive noch professionelle Kriminalistiker mehr finden.
 
Diskuission zum Jahrestag Hinterkaifeck in Neuburg
Nicht immer einer Meinung: Dieter Distl (links), der Kulturamtsleiter der Stadt Neuburg, und der Hinterkaifeck-Autor Peter Leuschner.
Limmer
Selbst bei der Suche nach dem Motiv gehen die Theorien auseinander. War es ein Raubmord, oder steckt ein Beziehungsdrama hinter der grausigen Tat? Für den Journalitsen und Hinterkaifeck-Autor Peter Leuschner basiert der Mythos auch auf dem fehlenden Motiv. Für ihn ist eine Beziehungstat wahrscheinlich. "Als ich mein erstes Buch schrieb, glaubte ich zu wissen, wer es war. Inzwischen bin ich weit davon entfernt", hält er sich mit Vermutungen über den Täter bedeckt.
 
Eine Beziehungstat vermutet auch Michaela Forderberg-Zankl. Die Kriminalkommissarin hat sich an der Fachhochschule der Polizei in Fürstenfeldbruck mit Hinterkaifeck beschäftigt. Sie räumt ein, dass die Ermittler vor 90 Jahren nicht die heutigen Möglichkeiten hatten, kritisiert dennoch die damalige Ermittlungsarbeit: "Das persönliche Umfeld ist nicht genügend untersucht worden."
 

 

Distls Theorie der versteckten Waffen

 
Dieter Distl, der scheidende Kulturamtsleiter der Stadt Neuburg, treibt die Spekulationen in eine dritte Richtung. Er vermutet den Mörder im politisch motivierten Umfeld. Der Beginn der Weimarer Republik war eine Zeit politischer Morde. Distls Theorie nach hätten Freikorps Waffen auf dem Hof versteckt haben können. Als sie diese wieder abholen wollten, hätten die Morde passieren können. Distl stützt seine Theorie auch darauf, dass der Mörder nach der Tat noch mehrere Tage auf dem Hof gewesen sein soll. Diese Zeit hätten die Freikorps benötigt, um die Waffen abzutransportieren.
 
Diskussion zum Jahrestag Hinterkaifeck in Neuburg
Intensiv mit dem Mordfall Hinterkaifeck beschäftigt haben sich Michaela Forderberg-Zankl von der Fachhochschule für Polizei und Kriminalkommissar Konrad Müller.
Limmer
"Die Menschen in Hinterkaifeck waren skeptische Leute", widerspricht Konrad Müller der These, die Hinterkaifecker hätten sich mit Freikorps-Kämpfern eingelassen. Der Ingolstädter Kriminalkommissar im Ruhestand beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem ungeklärten Sechsfach-Mord. Seine Recherchen füllen mittlerweile zwölf Aktenordner, die er irgendwann an das im Dezember 2011 eröffnete Polizeimuseum in Ingolstadt übergeben will. Gespräche mit Museumsleiter Ansgar Reiß hätten bereits stattgefunden, sagt er gegenüber donaukurier.de. Für ihn, der bei seinen Nachforschungen auch mit Zeitzeugen gesprochen hat, ist der zweieinhalb Jahre alte Josef das Mordmotiv. Müller hat einen Verdacht. Doch den Namen spricht er nicht aus, er  redet stattdessen vielsagend von "S". Konkreter wird Müller, wenn er von Rache und einer emotionalen Beziehung zwischen Täter und Opfer spricht.

So schwierig wie die Suche nach Täter und Motiv sind auch die Versuche, dem Mythos Hinterkaifeck auf die Spur zu kommen. "Man sollte den Fall ruhen lassen", sagt Konrad Müller fast schon beiläufig gegen Ende der Diskussion. Er denkt an die Bürger von Gröbern, die auch 90 Jahre später noch immer mit den Morden konfrontiert werden. Doch auch ihn wird der Fall Hinterkaifeck nicht loslassen.
 
Dieter Distl beschreibt seine Beziehung zu Hinterkaifeck als emotional. Der Kriminalfall habe ihn schon als kleiner Junge begleitet, als ihm seine Schwester die Serie aus dem Donaukurier von 1951 vorgelesen hat. Michaela Forderberg-Zankl nennt Hinterkaifeck schlicht einen Virus, der sie infiziert hat. Peter Leuschner recherchiert im Gegensatz zu Konrad Müller nicht mehr, doch in zehn Jahren, zum 100. Jahrestag der Bluttat, "werden wir wieder hier versammelt sein". Und Konrad Müller, mittlerweile 76 Jahre alt, prophezeit, sich bis zu seinem letzten Tag mit dem spektakulären Mordfall zu beschäftigen. Das Polizeimuseum in Ingolstadt wird sich noch gedulden müssen.
 

Filmrarität zum 90. Jahrestag

 
Genau 90 Jahre nach dem Sechsfach-Mord auf dem Einödhof von Hinterkaifeck präsentiert das Bayerische Armeemuseum in Ingolstadt an diesem Samstag (31. März) eine echte Rarität: den 45-minütigen Spielfilm von 1981, den Hobbyfilmer Hans Fegert mit dem Theaterspielkreis Pfaffenhofen unter der Leitung von Siegfried Ostermeier auf Super-8 gedreht hat und der seit vielen Jahren nicht mehr öffentlich gezeigt wurde. Als Sprecher konnte Fegert vor 31 Jahren die berühmten Volksschauspieler Karl Obermayr und Hans-Reinhard Müller gewinnen. Außerdem war es damals noch möglich, Zeitzeugen zu interviewen. Gezeigt wird der Film im Fahnensaal des Neuen Schlosses aufgrund des zu erwartenden Andrangs gleich drei Mal: um 15, 17 und 19 Uhr. Der Eintritt kostet vier Euro. Im Anschluss an die Vorführung wird Kriminalhauptkommissar a.D. Konrad Müller einen Vortrag über die Aufklärungsversuche der Polizei halten.
 
Bernd Limmer (Text, Fotos, Videodreh)
und Uwe Ziegler (Interviews, Videodreh und -schnitt), Online-Redaktion
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