Samstag, 23. Juni 2018
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Michael Altinger geht in seinem neuen Programm in Neuburg auf eine amüsante Identitätssuche

Lichtgestalt in den Abgründen unserer Welt

Neuburg
erstellt am 12.03.2018 um 16:51 Uhr
aktualisiert am 16.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Neuburg (DK) Michael Altinger glaubt an "unseren" Gott - oder doch nicht? So ganz genau erfährt man es nicht. "Von Einparkhilfen versteht er jedenfalls nichts", meint Altinger bei seinem Auftritt in Neuburg.
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Kabarettist mit Gitarre: Michael Altinger zeigte in Neuburg sein Programm "Hell".
Kabarettist mit Gitarre: Michael Altinger zeigte in Neuburg sein Programm "Hell".
Hamp
Neuburg
Und so kommt es zu einem Unfall, der die Moral des Kabarettisten auf eine schwere Probe stellt. Vor knapp 200 Besuchern tritt Altinger von Beginn an so spritzig auf, wie man ihn aus der Serie "Schlachthof" des Bayerischen Rundfunks kennt. Ein perfekter Schauspieler, der mit dem ganzen Körper, mit Mimik und Gestik seine Redetiraden unterstützt. Und weil ihm das noch nicht genügt, hat er noch seine Ein-Mann-Band Martin Julius Faber dabei, der als Prellbock für alles Mögliche herhalten muss.

 

Altinger ist Mitte vierzig. Mittvierziger haben was erreicht. Er zum Beispiel ist so beschäftigt, dass er eine Putzfrau braucht. Die hat ihrerseits eine Putzfrau aus Rumänien, bei der wiederum eine Putzfrau aus Eritrea arbeitet, alle freilich schwarz. Aber man ist mit dem Leben unzufrieden, fühlt sich ferngesteuert. Ferngesteuert von einer Geheimloge mit genau 16 Mitgliedern, welche das ganze Weltgeschehen lenken und Fake News verbreiteen. Wer die Mitglieder sind, weiß niemand; auf alle Fälle aber die Autoindustrie, Rosi Mittermeier und Markus Söder - und ein Bekannter von Altinger, ein gewisser Hellmut Lux. In dessen Name steckt der Programmtitel des Abends "Hell" und "Licht" (lateinisch: Lux).

Für alle Mittvierziger fordert Michael Altinger: "Aus uns muss noch was werden." Möglichst eine Lichtgestalt wie Franz Beckenbauer, aber wenigstens mehr, als man jetzt ist. "Mitte 40 muss der Hintern nach oben" - was er deutlich vormacht. Und weil er an Gott glaubt, schon viel Kirchensteuer bezahlt hat und als Kind vom Vater auch manche Watschn als moralische Sättigungsbeilage gekriegt hat, will er moralisch einwandfrei sein, so wie sein Namenspatron der Erzengel Michael. Was im Internet aber rasch verloren gehe: Übelste Beleidigungen und Beschimpfungen seien dort alltäglich. Auch "bescheißen" gehe heute überall. Er aber mache so was nicht. "Keiner ist so ehrlich, so rein, so menschheitsverliebt wie ich." Vor allem will er niemals eine Versicherung betrügen. Deshalb räumt er gegenüber seinem Unfallgegner, einem Maserati-Fahrer, an dessen Auto er die Seite verkratzt hat, sofort die eigene Schuld ein; ja gemeinsam bewerfen sie sogar Altingers Auto mit Steinen, bis es schrottreif ist. Danach beschließen sie Blutsbrüderschaft.

Seine "Band" Martin Faber schweigt den ganzen Abend. Was der ihm aber auf der Fahrt nach Neuburg zu seinem Verhalten am Unfallort gesagt habe, schildert Altinger so: "Ja bist du ganz deppert?" Und als ihm auch noch sein Versicherungsberater mitteilt, dass er von der Vollkasko-Versicherung für sein Auto keinen Cent bekommt, weil niemand an einen derartigen Steinschlag mitten in München glaubt, bekommt sein moralisches Reinheitsbedürfnis einen gewaltigen Knacks. Und als die "Drecksau", sein Unfallgegner, auch noch wochenlang einen Ferrari-Leihwagen fährt, denkt auch er über Versicherungsbetrug nach. Damit hätten andere schon ihren Thailand-Urlaub finanziert. Im rechten Licht betrachtet, gehe das aber auch als Entwicklungshilfe durch.

Nach der Pause wandelt sich der "Erzengel" Michael Altinger rapide zum Höllenengel. Auch in der Hölle gibt es Licht, das Höllenfeuer. Nebenbei bemerkt: Die Hölle, das sind die Baumärkte, wo man nie das findet, was man braucht. Und der Oberteufel ist der Baumarktleiter, der darüber höhnisch lacht.

Altingers zentrales Thema ist der Zustand unserer Gesellschaft. Er zeigt, wie zerbrechlich das Gerüst aus Moral, Höflichkeit, Respekt und Fairness ist, das eigentlich unser Zusammenleben stützen soll. Das Thema sei so umfangreich, dass er daraus eine Kabarett-Trilogie machen möchte. Auf das jetzige Programm "Hell" soll 2019 "Halblicht" folgen und 2022 der dritte Teil "Finster".

Rainer Hamp
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