Dienstag, 18. September 2018
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Referendarin Corinna Kesslinger hat mit ihren sechsten Klassen Küken gezüchtet - Und die dürfen nun mit in den Unterricht

Es fiept und zwitschert im Biologiesaal

Neuburg
erstellt am 31.01.2018 um 16:36 Uhr
aktualisiert am 04.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Neuburg (DK) Das ist keine normale Biologiestunde am Descartes-Gymnasium. Lehrerin Corinna Kesslinger öffnet sorgsam eine kleine Transportbox auf dem Pult und hebt nach und nach acht kleine Küken heraus. Die sind nicht nur niedlich und flauschig - sondern seit Anfang Januar Teil des Unterrichts.
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Auch Schulhefte sind vor den Küken nicht sicher.
Schmidt
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Die Idee, ein paar lebendige Unterrichtsmaterialien für ihre sechsten Klassen bereitzuhalten, kam Kesslinger auf der Suche nach einem Hausarbeitsthema. Denn die 28-Jährige absolviert momentan noch das Referendariat, also den letzten Ausbildungsabschnitt, bevor sie vollwertige Lehrerin wird. Ein Kollege hatte im vergangenen Schuljahr selbst gezüchtete Stabheuschrecken mit in den Unterricht gebracht. Und da Kesslinger schon einmal ausgesetzte Entenküken großgezogen hatte, war der Weg zu den Hühnern nicht mehr weit. Sie besorgte also Eier, um sie in der Schule auszubrüten. Doch die Küken entwickelten sich nicht weiter und starben - "wahrscheinlich war es ihnen in der Schule zu laut".

Deshalb ein zweiter Durchgang, acht neue Eier - und der Brutkasten plus Wärmelampe zog in Kesslingers Wohnzimmer ein. Doch sie brachte die Eier auch mit in den Unterricht. "Das war ein wahnsinniger Moment, als wir die Eier mit der Taschenlampe durchleuchtet haben, um uns die Entwicklung anzusehen. Ein stockdunkler Raum, 30 mucksmäuschenstille Kinder und plötzlich: ein schlagendes Herz. Und die Kinder schrien ,es lebt, es lebt'." Kesslingers Plan war eigentlich, dass die Küken in der ersten Schulwoche nach den Ferien schlüpfen würden. Doch daraus wurde nichts. Schon am 4. Januar brach die erste Schale, die Schüler konnten das später nur noch per Handyvideo bestaunen.

Bei Anastasia und Hannah (von rechts) bleiben die jungen Vögel ruhig in der Hand sitzen.
Schmidt
Neuburg

Nun aber sitzen die jungen Vögel alle versammelt auf dem Lehrerpult. Eigentlich sollten sie sorgfältig in Reihe auf einer Stange sitzen - doch das sehen die Küken natürlich anders. Eines hat den Heftstapel erklommen, eines ist schon auf den Boden gehüpft. Geduldig sammelt Kesslinger sie wieder ein.

Bei Vinzent nimmt das Küken allerdings Reißaus und landet auf der Schulter.
Schmidt
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Was am besten daran sei, nun kleine gefiederte Mitschüler zu haben? Die Schüler der sechsten Klasse sind sich einig: "Das ist mal was anderes", erklärt Lena. "Ja, sonst schreiben wir bloß", ergänzt Emilie. Luisa findet es gut zu sehen, wie sich die Küken entwickeln. Schließlich sind sie in den knapp vier Wochen schon um einiges gewachsen. Und Annika macht es einfach mehr Freude, das lebendige Tier zu bestaunen anstatt "bloß ein Foto".

Auch einige Tricks können die Jungtiere schon, wie Lehrerin Corinna Kesslinger zeigt.
Schmidt
Neuburg

Denn die Tiere sind natürlich nicht zur Bespaßung der Sechstklässler gedacht. Nicht nur die Entwicklung des Tieres im Ei, sondern auch die Veränderung der Küken und auch Federbestandteile und -formen waren Thema im Unterricht. Den Schülern ist naturgemäß allerdings viel besser in Erinnerung geblieben, wie sie sich Namen für das kleine Federvieh überlegen durften. "Manche hatten von Geburt an so starke Charakteristika oder Merkmale, dass der Name schon feststand", erklärt Kesslinger. Einige Namen durften sich die Schüler überlegen. Und so werden Tweety, Blacky, Veggie, Grey, Brownie, Johannes, Baby und Sugar immer mal wieder von den Kindern auf den Arm genommen, flattern herum - oder verrichten ihre Notdurft auf dem Pult.

Dass die Tiere zahm sind, war eines der großen Anliegen Kesslingers: "Damit ich sie mit in den Unterricht nehmen kann, musste ich sie früh an Lärm, Stimmen und Berührung gewöhnen." Dafür war das Wohnzimmer perfekt, schnell waren Menschen oder laute Geräusche kein Problem mehr. Nur eines machte den jungen Vögeln in der Schule dann trotzdem Angst: "Der Gong hat sie die ersten Male richtig zusammenzucken lassen", erzählt Kesslinger und lächelt. Doch ansonsten sind die Küken entspannt. Auch einen Trick können einige schon: Kleine Strecken fliegen sie von Stange zu Stange. "Aber nur, wenn es dafür einen Wurm gibt. Für Würmer machen sie alles", sagt Kesslinger schmunzelnd.

Am Freitag wird es dann noch einmal aufregend für die Jungtiere: Sie ziehen vom Schulhaus in den Garten - mit Wärmelampe, versteht sich. Irgendwann sollen sie dann mal auf einem großen Hof mit vielen Artgenossen leben, doch bis dahin dürfen die Sechstklässler noch ganz viel lernen - und kuscheln.

Sophie Schmidt
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