Donnerstag, 24. Mai 2018
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Im rumänischen Armenis werden die wilden Rinder aus dem Donaumoos in die Natur entlassen

Wisenten winkt ein Leben in Freiheit

Kleinhohenried
erstellt am 26.01.2018 um 18:32 Uhr
aktualisiert am 01.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Kleinhohenried (DK) Gelassen käuen die Wisente beim Haus im Moos ihr Futter wieder. Drei Herden sind es inzwischen mit fast 40 Tieren. Nun hat die Naturschutzorganisation WWF Interesse an den Rindern bekundet. Mindestens zwei davon sind für ein großes Auswilderungsprojekt in Rumänien vorgesehen.
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Kleinhohenried: Wisenten winkt ein Leben in Freiheit
Bausteine für die Erhaltungszucht: Wisentkälber im Donaumoos. Diese echten Mösler, die im Herdbuch erfasst sind, wecken das Interesse im Ausland. So sollen heuer mindestens ein Stier und eine Jungkuh für ein großes Auswilderungsprojekt nach Rumänien abgegeben werden. Der WWF und die Organisation Wildering Europe wollen dort eine 500-köpfige freilebende Herde aufbauen. ‹ŒArch - fotos: Frank
Kleinhohenried

Was der World Wide Fund for Nature (WWF) gemeinsam mit der Organisation Rewilding Europe bis zum Jahr 2025 anstrebt, ist die größte Wiederansiedlung von Wisenten in Europa. 500 Tiere sollen nach Abschluss des Projekts frei in den Südkarpaten umherziehen. Der Wisent, das urige Wildrind, das fast zwei Meter Schulterhöhe erreichen kann, ist das größte Landsäugetier des Kontinents. Ausgewachsene Bullen können eine Körpermasse von bis zu einer Tonne erreichen, die weiblichen Tiere erreichen etwa die Hälfte dieses Gewichts.

In Rumänien schlug dem Wisent im 18. Jahrhundert die letzte Stunde. Durch Jagd und Wilderei erlosch die Population. Im Bewusstsein der Rumänen hat der Wisent aber überdauert, er findet sich in Ortsnamen und ist als König der Wälder so etwas wie das Nationaltier. Nun ist er in die Karpaten zurückgekehrt.

Bereits im Jahr 2014 wurden unweit des Dorfes Armenis im Tacu-Gebirge 17 Tiere in die Freiheit entlassen. Weitere 18 waren es ein Jahr später. Heuer soll weiter aufgestockt werden. 500 Tiere sind das Ziel.

Nachdem die heute lebenden Wisente auf dem sehr dürftigen Genpool von zwölf Gründertieren fußen, richtet sich das Augenmerk bei der Vermehrung darauf, Inzucht zu vermeiden. Einer, der dafür im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen Verantwortung trägt, ist Johannes Riedl. Der promovierte Veterinärmediziner ist Amtstierarzt und seit Jahren für die Wisente im Moos zuständig. "Die Tiere sind nach aktuellem Stand gesund", erklärte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Er sei der Mann für die Wisente, "weil ich am schnellsten laufen kann." Das ist natürlich ein Scherz, der aber den Respekt vor den großen Tieren zum Ausdruck bringt. Sie sind unglaublich stark, haben Sprungkraft und können deutlich schneller sprinten als ein Mensch. Anfassen lassen sie sich auch nicht - höchstens unter Narkose. Riedl muss geeignete Tiere für die Karpaten aussuchen. Sie sollen fit sein, gut aussehen und die genetischen Voraussetzungen mitbringen. "Bei einem Stier und einer Jungkuh ist das schon ziemlich konkret." Sie dürften die Reise nach Armenis wohl antreten. Vielleicht braucht der WWF noch mehr wilde Rinder aus dem Moos, wo "drei Bullen züchterisch ganz interessant sind", wie Riedl versichert, denn beim Erbgut könne man noch einiges verbessern.

Auch wenn der Bestand freilebender Wisente die Talsohle durchschritten hat, gefährdet sind die mächtigen Grasfresser immer noch. Weltweit gab es im Jahr 2016 nach Angaben Riedls 4472 Tiere in Freiheit, 1706 wurden in Gehegen gehalten und 395 hatten den Haltungsstatus "semifrei", sind also nicht ganz auf sich gestellt. Die Rückkehr der imposanten Tiere in die freie Wildbahn wird in mehreren Ländern forciert. Unter anderem in Russland. Insofern erhält der Donaumoos-Zweckverband immer wieder Anfragen. Wenn alles passt, wechseln die Wildrinder für einen symbolischen Preis den Besitzer, denn es geht um den Arterhalt, nicht um schnöden Mammon. Spezialtransporte bringen sie in ihre jeweilige neue Heimat. Riedl ist optimistisch, weitere Wisente an Russland, Spanien und auch innerhalb von Deutschland abgeben zu können. Die Auswilderung im rumänischen Banat wird übrigens zu 75 Prozent von der Europäischen Union gefördert.

Als im Jahr 2014 die ersten Tiere in den Karpaten ankamen und Station in einem Eingewöhnungsgehege machten, war die Reaktion der Bevölkerung durchweg positiv. In Armenis gab es eine Wisentparty, um die Ankunft der Könige des Waldes zu feiern. Medienberichten zufolge haben sich gleich 25 Familien zu einem Unterstützerverein formiert und die Zimbri, wie Wisente auf Rumänisch heißen, freudig begrüßt. Neugierige nahmen lange Anfahrten in Kauf, um die Rückkehrer zu sehen, und der örtliche Pfarrer segnete die Herde. Die Dorfbewohner versprachen sich durch den Tourismus wirtschaftlichen Aufschwung für die Region. Wiederkäuer als Innovation gegen Armut, Abwanderung und Arbeitslosigkeit. Das Dorf liegt in einem Natura-2000-Schutzgebiet und den Tieren stehen 60 000 Hektar Fläche zur Verfügung.

Der Start des Auswilderungsprojektes stand also unter einem guten Stern. WWF und Rewilding Europe wollen aber weitermachen. Die Wisente aus dem Donaumoos, die frisches Blut in die Grenzregion zu Serbien bringen, können durch ihr Erbgut mit dazu beitragen, dass die Zimbri in Rumänien nicht nur in Erzählungen weiterleben.

Von K. P. Frank
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