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American Drama Group zeigt Shakespeares Julius Caesar im Hof von Schloss Stepperg

Eine 2000 Jahre alte Mordgeschichte

Stepperg
erstellt am 25.06.2018 um 19:26 Uhr
aktualisiert am 29.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Stepperg (ahl) Gaius Julius Caesar stirbt langsam; quälend langsam sinkt er von mehreren Messern getroffen in Zeitlupe zu Boden, während seine Mörder rote Bänder als Symbol für sein Blut um ihre Hände wickeln.
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Meuchelmord oder Tyrannenmord aus hehren Motiven? Cascas (Oliver Davis), ein nicht näher benannter Verschwörer (Kelly Griffiths), Brutus (Dan Wilder) und Cassius (Gareth Fordred) ermorden Gaius Julius Caesar (Gareth Davies, Mitte).
Meuchelmord oder Tyrannenmord aus hehren Motiven? Cascas (Oliver Davis), ein nicht näher benannter Verschwörer (Kelly Griffiths), Brutus (Dan Wilder) und Cassius (Gareth Fordred) ermorden Gaius Julius Caesar (Gareth Davies, Mitte).
Foto: Hammerl
Stepperg
Mörder oder Verteidiger der Demokratie? Das ist die Frage in William Shakespeares Historienspiel.

Rund 2000 Jahre alt und wohlbekannt ist Caesars Ermordung an den Iden des März auf den Stufen des Kapitols, aber immer noch Stoff für ergreifende Theaterstunden. Jedenfalls dann, wenn sie von einem so hochkarätigen Ensemble wie The American Drama Group Europe dargeboten wird. Da lassen sich sogar tiefsitzende Vorurteile leicht widerlegen. "Wer sagt, die Deutschen wollten nur Fußball sehen? ", fragt Produzent Grantley Marshall, "das Einzige, was sie sehen wollen, ist Theater. " Zufrieden blickt er in die Runde, als er gemeinsam mit Gastgeber Guy Graf von Moy die zahlreichen Zuschauer im gräflichen Schlosshof in Stepperg begrüßt. Auch der Graf ist überzeugt: "Das wirkliche Drama findet hier auf der Bühne statt". Wie groß das Fußballdrama werde, sei hinterher immer noch zu erfahren.

Und dann geht es los. "Caesar" erklingen Stimmen von allen Seiten aus dem Off. Beschwörend, geheimnisvoll, bedrohlich kommen sie immer näher, bis die Schauspieler auf der Bühne stehen. Als Bühnenbild reicht die angedeutete Treppe des Kapitols, ein liegendes Stück Säule und gelegentlich ein roter Vorhang, der häusliche Intimität symbolisiert, ob in der Eheszene zwischen Brutus und Portia (Kelly Griffiths) oder im Heim Caesars. Der schwankt kurz, ob er Cascas (Oliver Davis) schmeichelnder Einladung ins Kapitol folgen soll, obwohl Caesars Frau ihn aufgrund eines Traums warnt und auch die Seher Unheil verkünden. Gareth Davies interpretiert den römischen Imperator als Gemütsmenschen, der sich am liebsten mit "dicken Zeitgenossen, die Musik hören und lächeln", umgeben möchte und Cassius - zu Recht, wie sich zeigen wird - als gefährlich einstuft, weil der einen gefährlichen Blick habe. Tatsächlich ist Cassius (Gareth Fordred) der wirklich Böse im Spiel, der Initiator, der den zwischen seiner Verehrung für Cäsar und der vermeintlichen Notwendigkeit, die Republik vor dessen Ambitionen schützen zu müssen, schwankenden Brutus, beeinflusst. Der scheint weit mehr die tragische Figur des Stücks zu sein als das eher oberflächlich angelegte Mordopfer selbst.

Dan Wilder gibt einen großartigen Brutus, lässt die Zuschauer dessen Gewissensqualen und Überzeugungen nicht nur hören, sondern regelrecht spüren. Brutus "will Richter, nicht Mörder genannt werden" und besteht darauf, Marcus Antonius (Adam Pelta-Pauls) zu schonen, Caesar allein solle sterben. Ein verhängnisvoller Fehler, wie sich im zweiten Akt nach der Pause zeigen wird, denn Antonius verbündet sich mit Oktavian, dem späteren Kaiser Augustus, und schlägt Cassius und Brutus vernichtend in der Schlacht. Was bekanntlich das Ende der ohnehin maroden römischen Republik besiegelte und ins Kaiserreich führte.

"Julius Caesar" ist Shakespeares einziges Werk ohne humoristische Einlagen und daran hält sich Paul Stebbings Truppe weitgehend, von einer alkoholgeschwängerten Szene mit Antonius mal abgesehen. Ganz großes Theater mit durchgängig hohem Spannungsbogen, wunderbar ausgearbeiteten Charakteren, die authentisch rüberkommen, und einer fesselnden Performance mit teils mystisch anmutenden Auftritten der Wahrsager. Und wenn die Englischkenntnisse mal nicht ausreichen, helfen ausdrucksvolle, aber keineswegs übertriebene Mimik und Gestik dem Verständnis nach. Dazu die wunderbare Rhythmik der gesprochenen und gesungenen Texte - ein Erlebnis im zunehmend dunkler werdenden Ambiente des Schlosshofs.

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