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Neuburger Volkstheater inszeniert die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens sehr beeindruckend

Die wundersame Wandlung des Geizhalses

Untermaxfeld
erstellt am 30.11.2018 um 18:35 Uhr
aktualisiert am 05.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Untermaxfeld (DK) Atmosphärisch ungeheuer dicht, großartig gespielt, mit eingängigen Songs, die teils das Zeug zum Ohrwurm haben und packend inszeniert - mit "Ebenezers wundersame Weihnachtszeit" setzt das Neuburger Volkstheater einen neuen Glanzpunkt in seine Erfolgsgeschichte.
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Unerbittlich ist die Zeit. Die riesige Uhr im Chorraum der evangelischen Kirche Untermaxfeld tickt, gelegentlich wandert der Zeiger in Windeseile weiter. Noch unerbittlicher ist das Innenleben der Uhr. Nicola Kloss, metallisch-kupfern gekleidet und geschminkt, tritt immer wieder heraus und sagt Ebenezer Scrooge (ausdrucksstark, aber nicht überzeichnend, somit absolut überzeugend: Martin Göbel), ungeschminkt die Meinung. Ganz direkt oder auch mal nur mit ironisch hochgezogener Augenbraue. Dazu pendelt sie im Takt und spricht abgehackt im Sekundentakt - ganz so wie es einer Uhr zukommt. Jedenfalls, sofern sie sprechen kann.

Es gibt noch mehr wundersame Dinge, die sich in jener Heiligen Nacht ereignen, die am Ende aus dem alten, hartherzigen Geizhals aus Charles Dickens legendärer Weihnachtsgeschichte einen Wohltäter machen. In dem zu Herz gehenden Weihnachtsmusical können sogar Geldsäcke singen, herzig mit rotem Mund, den sie als Begleitchor für Ebenezer bei "Zeit ist Geld" weit öffnen.
Die Freunde und Geschäftspartner von Ebenezar Crooge wundern sich über seine plötzliche Wandlung (oben). Erst drei schaurige Geister bringen den verbitterten Geizkragen zum Nachdenken (Bilder unten).
Die Freunde und Geschäftspartner von Ebenezar Crooge wundern sich über seine plötzliche Wandlung (oben). Erst drei schaurige Geister bringen den verbitterten Geizkragen zum Nachdenken (Bilder unten).
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In ganz London sind die Menschen erfüllt von Hoffnung und Freude auf das Weihnachtsfest, selbst wenn es noch so ärmlich gefeiert wird wie bei Scrooges unterbezahltem Angestellten Bob Cratchit (Jürgen Gottschall) und seinen beiden Kindern, Martha (Fabienne Sigl) und Tim (Titus Schwesinger), der unter seinem steifen Bein leidet. Scrooge hat für weihnachtliche Gefühle nur Verachtung übrig - Weihnachten hindert ihn schließlich am Geldverdienen, weshalb er die Geschäftsleute (Pfarrer Reinhold Fritzsch, Sepp Reichart) abweist, als sie ihn um Spenden für die Armen bitten.

Doch dann erscheint der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Marley (schaurig zurechtgemacht: Matthias Bosse), dessen Klagelied nicht ganz spurlos an Scrooge vorbeigeht, zumal Marley mit heraushängendem Auge und sich auflösender Leichenhaut wirklich schrecklich aussieht. "Du stinkst nach Tod", stellt Scrooge fest, will aber dessen Warnung nicht verstehen, dass jede böse Tat im Diesseits die schwere, im Jenseits mitzuschleppende Kette verlängert.
 
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Dazu bedarf es noch der drei Geister der Weihnacht. Mutwillig wie ein kleiner Derwisch gebärdet sich die lispelnde vergangene Weihnacht (Nadine Stückle), erinnert direkt an Mozart in "Amadeus". Sie versetzt Scrooge in die Vergangenheit, zeigt ihm seinen gütigen Lehrmeister Fezziwig (Lucas Rathmann), dessen weise Ratschläge der Nachfolger in den Wind geschlagen hat, und lässt den jungen Ebenezer (David Munzinger) den Verlust seiner Jugendliebe Betty (Pauline Wutzer) erneut erleben. Der zweite, rustikal auftretende Geist (Eva-Maria Schuster) führt ihm das Fest seiner Zeitgenossen vor, doch erst dem dritten (Katrin Mitko als der Königin der Nacht nachempfundene Fantasiegestalt) gelingt es, Scrooge die Augen zu öffnen.

Plötzlich bekommen die philosophischen Worte der Uhr Sinn, Geld wird vom Selbstzweck zum Mittel, Gutes zu tun. Nun wärmt das Glück der anderen endlich auch Scrooges Herz - und natürlich das der Zuschauer in der Kirche.
Die wird von Regisseur Oliver Vief und Assistentin Stephanie Geier in Gänze bespielt. So erscheinen mehrere Geister auf der Kanzel, ein Paar tanzt ausgelassen die Heilige Nacht feiernd durch das Mittelschiff, gelegentlich nehmen Schauspieler Platz in den Kirchenbänken. Genial die Idee der lebendigen Uhr von Librettist Florian Schmidt, zum Träumen die abwechslungsreiche, durchkomponierte Musik von Thomas Erich Killinger - mal beschwingt wie im Ohrwurm "Heut' ist Heilige Nacht", mal flott-anklagend in "Du" des zweiten Geistes, aufrüttelnd das Lied "Zeit" der Uhr, zart-melancholisch das Liebeslied "Wir gehör'n einander", witzig "Zeit ist Geld", eingängig "Horch, Horch" der Uhr.

Herzerwärmend schaurig-schön und familientauglich - Prädikat sehr empfehlenswert für Groß und Klein.
Andrea Hammerl
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