Konzertkritik
Patti Smith rockt auf Burg Abenberg

27.06.2023 | Stand 14.09.2023, 22:27 Uhr

Godmother of Punk: Die US-amerikanische Lyrikerin, Punk- und Rockmusikerin Patti Smith auf der Burg Abenberg. Foto: André De Geare

Dass das kein belangloser Singer-Songwriter-Abend wird, stellt Patti Smith gleich zu Beginn klar, als sie 20 nach 8 auf die Bühne kommt. Das Publikum wartet schon ungeduldig, immer wieder branden „Patti, Patti“-Rufe auf, wenn nur ein Roadie die Bühne betritt. Dann endlich tritt die Ikone in die gleißende Abendsonne: „Hello sun, please don‘t burn my eyes“, bittet sie die Sonne, um nach einer kurzen Begrüßung ihren Song „Spell“ vorzutragen. Wie der englische Name sagt, eher ein in fast atemloser Gedichtform vorgetragener Bannspruch mit dem Tenor „Everything is holy – alles ist heilig“, mit dem sie das Publikum einsegnet und -schwört auf einen friedlichen, mal lustigen, mal melancholischen Abend mit ihrer guten Freundin Patti.

Zwar nicht komplett ausverkauft, aber doch gut voll ist das Freiluftgelände unterhalb der Burg Abenberg. Dafür ist es ein ziemlich guter Ort, die Aussicht so weit wie Pattis Horizont, an dem sie das Publikum teilhaben lässt.

Mit ihren Liedern reist sie durch ihre 76 Lebensjahre. Zu Reisegefährten wie ihrem früh verstorbenen Mann Fred „Sonic“ Smith, dem sie ihren Song „Because The Night“ widmet – ein eingängiges Lied und gleichzeitig ihr größter kommerzieller Erfolg. Lang lässt sie das Publikum darauf nicht warten, schon an fünfter Stelle singt sie ihn. Vorgetragen mit der ihr eigenen Inbrunst – und doch fast so als müsste sie sich von der Erwartungshaltung befreien, wann denn endlich dieses Lied kommt, um danach freier weiter zu rocken.

Patti Smith ist keine Künstlerin, die einfach ihren Stiefel macht. Immer wieder blickt sie ins Publikum, erspäht das Schild, liest vor. Vorne steht „Patti you are“, hinten steht „great“. „Ihr seid auch alle großartig. Ich kann alle eure Gesichter sehen. Unglaublich!“, ruft sie in die Menge. Als Antwort fliegt ein Strauß Sonnenblumen auf die Bühne. „Meine bevorzugte Waffe“, witzelt sie weiter – ein junger Mann vor der Bühne hat sie geworfen. Zu Patti Smith kommen nicht nur die Alten, Nostalgischen, es ist ein Abend für alle Generationen, Töchter kommen mit ihren Müttern, Väter mit ihren Söhnen und alle haben eine gute Zeit. Patti nimmt sie mit ins Chelsea Hotel, wo sie in ihrer Jugend wohnte. Erzählt von Bob Dylan, der ihre Gibson-Gitarre bewunderte. Patti habe nur gesagt: „You can‘t have it.“ Du kriegst sie nicht. Punkt.

Sie streut Songs zwischen die Geschichten, Geschichten zwischen die Songs. So genau kann man das nicht sagen. Es bedingt sich.

Viele ihrer Weggefährten leben heute nicht mehr und so widmet sie den Abend über ihre Songs immer wieder anderen Musikern, Jim Morrison, Tom Verlaine, Tina Turner und Jeff Beck – den sie noch immer „awesome“ – beeindruckend – findet. Denn: „Wenn Du ‘awesome‘ bist, ist es egal, ob du lebst oder tot bist. Du bist immer ,awesome‘.“ Mit diesen und anderen Weisheiten, Geschichten und feinsinnigen, humorvollen Anspielungen rockt sie sich durch den Konzertabend und zeigt auch, was Patti Smith außerdem noch ist. Eine Kämpferin und Aktivistin für die Umwelt und eine gerechtere Welt: „People Have The Power“ spielt sie nicht nur einmal, sondern setzt es auch als eindrucksvolle Zugabe an den Schluss ihres Sets. „The future is now!“, brüllt sie dem Publikum entgegen und das feiert sie dafür.

Aber auch der Punk in ihr ist quicklebendig geblieben, wenn sie inbrünstig „Pissin In A River“ singt. Apropos singen, anders als bei manch anderen Künstlern ihres Alters, klingt ihre Stimme immer noch voll und kraftvoll, gar nicht gebrochen. Drahtig steht sie auf der Bühne, unprätentiös gekleidet mit Jeans, T-Shirt und einer Anzugweste. Die lange graue Mähne wallt ihr über die Schultern und mit ausgebreiteten Armen beschwört sie das Publikum wie eine Schamanin. Bei all dem bleibt sie auch noch auf mehr als sympathische Art äußerst authentisch. „Ich brauch‘ eine Minute“, sagt sie nach einem ziemlich langen Song, um erst einmal wieder zu Atem zu kommen und ihre Brille zu putzen. In einem der nächsten Lieder, während eines langen Solos ihres Gitarristen, steht sie am Bühnenrand, macht ein bisschen Pause und flicht sich zwei Zöpfe, bevor sie wiedererstarkt zurück in die Bühnenmitte kommt und die Punk-Messe weiter zelebriert im goldenen Licht des sinkenden Planeten. Als die Sonne langsam den Horizont erreicht und es auf der Bühne endlich schattig wird, sagt Patti „Thank you sun“ und gibt noch einmal Gas. Und als dann die blaue Stunde beginnt, macht Patti langsam Feierabend und entlässt ihr Publikum mit der Zugabe von „People Have The Power“ und einer Message im Herzen nach Hause.

DK