Jonas Deichmann
Abenteurer erklärt: So schaffe ich jeden Tag einen Triathlon – Experte Froböse warnt vor Folgen

25.06.2024 | Stand 25.06.2024, 6:00 Uhr |

Jonas Deichmann und seine Eigenkreation, das „Pasta-Pack“ am Lenker: Die Balance zwischen Leistung und Energiezufuhr muss stets stimmen. Fotos: Bernreuther, Imago Images

„Das ist übermenschlich“, sagt Ingo Froböse. Der bekannte Sportwissenschaftler und ehemalige Leichtathlet kann eigentlich von sich behaupten, dass er in seinem Kerngebiet Sport und Gesundheit schon alles gesehen hat. Mehrere Sachbücher hat er verfasst, ist Dozent an der Deutschen Sporthochschule, ein gefragter Experte in Funk und Fernsehen. Als „übermenschlich“ bezeichnet der Fachmann das Vorhaben von Extremsportler Jonas Deichmann.

Der steckt mittendrin in seinem Rekordversuch, 120 Triathlons an 120 Tagen auf der Strecke des Challenge Roth zu absolvieren. „Das Projekt zollt mir Respekt ab, gleichzeitig mache ich mir aber auch Sorgen: Wie soll diese Leistung möglich sein?“, fragt Froböse.

Balanceakt und „Fließbandarbeit“

Der Status quo: Deichmann hat gestern Tag 47 geschafft. Das heißt, er ist in knapp eineinhalb Monaten 178,6 Kilometer geschwommen, hat 8460 Kilometer auf dem Rad in den Oberschenkeln und ist 1974 Kilometer gelaufen.

„Menschliche Ressourcen werden in kurzer Zeit bei maximaler Belastung verbraucht“, erläutert Froböse, welche Prozesse im Körper ablaufen. „Ganz wichtig ist, dass immer ausreichend Sauerstoff zur Verfügung steht. Dadurch werden Fette rekrutiert, die wiederum Kohlenhydrate brauchen, wodurch dauerhaft Leistung möglich ist. Aber es ist ein schmaler Grat. Er muss genau wissen, wann er Energie zuführen muss und darf nie überziehen.“

Der Balanceakt ist Deichmann bewusst. Seit 2017 ist er professioneller Abenteurer, umrundete schwimmend, Fahrrad fahrend und laufend die Welt. Nach Roth ist er mit einem Team angerückt und ist fest entschlossen, den Rekord für die meisten Triathlons am Stück zu knacken. Den hält aktuell der Brite Sean Conway für 105 Langdistanzen an 105 Tagen.

„Für seine Sehnen ist das Projekt quasi eine Fließbandarbeit. Er wird geschundene Füße und Gelenke haben und ich hoffe, dass keine Entzündungsreaktionen auftreten“, erläutert Froböse. „Dazu kommt die mentale Komponente: Das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen und dem Bedürfnis des Körpers, aufzuhören, ist groß. Das alles wird Spuren hinterlassen. Ein Triathlon ist ja schon viel. 120 Triathlons in 120 Tagen: Das ist ein überproportionaler Reiz.“

Schwieriger als jedes andere Deichmann-Projekt

Ein Reiz, der gegen 7 Uhr morgens beginnt, wenn Deichmann in den Rothsee springt und nach etwa 13 bis 14 Stunden mit dem Zieleinlauf endet. Da bleibt nicht viel Zeit zur Regeneration. Auf Physiotherapie und Schlaf setzt Deichmann, hat einen Ernährungsberater zur Hand. Aber: „Generell kann man das Immunsystem nicht überlisten“, sagt Froböse. „Die Arbeit des Immunsystems wird bei diesem Projekt durch die zu kurzen Regenerationsphasen nie beendet sein. Das hat bis jetzt funktioniert. Die letzten Wochen seiner Challenge könnten deswegen aber eine echte Qual werden.“

Deichmann selbst betonte, sein aktuelles Projekt sei sein bis dato schwierigstes. Froböse bestätigt: Die Challenge 120 sei „definitiv“ das anspruchsvollste Projekt des Abenteurers. „Sportler bleiben vor allem durch ausreichend Pausen gesund. Die hat er diesmal nicht.“

Die Deichmann-Formel: Immer schön langsam und gut essen

Und was sagt Deichmann selbst dazu? Der grinst nicht nur täglich im Zieleinlauf, sondern macht auch gute Miene wenn es um das Thema Gesundheit geht. „Mir geht es körperlich richtig gut. Das wurde mir auch vom Arzt bestätigt: Die Organe sind frisch, die Blutwerte top, die Entzündungswerte gehen gegen null und die Muskulatur ist butterweich. Das einzige: Ich habe einen leichten Kaliummangel.“

Deichmann wirkt mit vier bis fünf Bananen täglich entgegen. Generell optimiert er laufend die Energiezufuhr. Rote Beete für genug Eisen steht auf dem Speiseplan, dazu seit neuestem auch Advocado oder die Trinkmahlzeit „YFood“. 10 000 Kalorien muss Deichmann zu sich nehmen, um die sportliche Höchstleistung stemmen zu können. Und er baut auf, statt ab: „Ich habe letzte Woche drei Kilo zugenommen“, schmunzelt Deichmann.

Das Geheimnis seins Erfolgs: Immer schön langsam machen. Er bewegt sich in einem Pulsbereich von 108/109. Zum Vergleich: Bei Männern gilt ein Ruhepuls bis 90 noch als normal. Knapp drüber bewegt sich Deichmann – und zwar nur dort. „Müsste ich einen Berg hochsprinten, würde ich das am nächsten Tag sofort merken“, sagt er. Durch sein Projekt wird Deichmann auch aus sportwissenschaftlicher Sicht ein Pionier. „Es gibt noch keine medizinischen Studien zu dem Thema“, sagt er. „Aber Hinweise, dass ein top-trainierter Körper, der sich einer solchen Belastung aussetzt, einfach anpasst.“ Deichmann pausiert und sagt: „Bei mir ist das so.“

DK