Landkreis Roth

30 Jahre Main-Donau-Kanal: „Die Meisten haben ihren Frieden gemacht“

22.09.2022 | Stand 22.09.2022, 17:35 Uhr
Viola De Geare

Schiffsparade mit Wasserwand zur Eröffnung eines europäischen Großprojekts: Am 25. September 1992 wurde der Main-Donau-Kanal offiziell eingeweiht. Foto: Archiv

Hilpoltstein – Am kommenden Sonntag, 25. September, feiert der Main-Donau-Kanal seinen 30. Geburtstag. „Freie Fahrt für einen europäischen Traum“ titelte unsere Zeitung damals. Hat sich die Verheißung erfüllt? Wir sprachen mit Historiker Daniel Gürtler, der dazu mit Markus Urban 2013 das Buch „Der Main-Donau-Kanal. Idee, Geschichte und Technik“ veröffentlicht hat. Er hält zudem regelmäßig Vorträge auf Flusskreuzfahrtschiffen zu Geschichte und Technik des Bauwerks.

Herr Gürtler, wie sind denn die Rückmeldungen der Gäste zum Kanal?

Daniel Gürtler:

Die Rückmeldungen sind extrem positiv. Ich erkläre den Gästen etwas zur Geschichte des Kanals, gehe mit ihnen aber auch aufs Sonnendeck der Schiffe, wenn wir gerade durch eine Schleuse fahren und erkläre, was passiert. Viele sind fasziniert von der schieren Größe der Schleusen. Hier bei Hilpoltstein haben wir ja drei der höchsten Kanalschleusen Europas mit 24,67 Metern Höhe. Die Technik mit den Wasserspeicherbecken und Schwimmpollern in den Schleusen begeistert viele, auch mich hat das anfangs echt gepackt.

Diese positive Sicht auf den Kanal gab es ja nicht schon immer. Besonders nach dem Dammbruch in Katzwang wurde die Kritik ziemlich laut.
Gürtler: Ja, das stimmt, damals gab es richtige Massenproteste.

Aus heutiger Sicht war das auch gut so, dadurch hat man zum Beispiel in den späteren Bauabschnitten im Altmühltal doch etwas kleiner dimensioniert gebaut bei den Schleusen und mehr Geld in ökologische Ausgleichsmaßnahmen investiert, so dass der Kanal sich in die Landschaft besser einfügt. Ich finde, heute ist das auch gelungen. Von Nürnberg bis Bamberg ist er eine richtige Betonwanne, im Altmühltal könnte man schon eher denken, es ist ein Fluss. Ich denke auch, dass die meisten Anwohner heute mit dem Kanal ihren Frieden gemacht haben.

Es gibt aus heutiger Sicht durchaus positive Aspekte. Die ganze Region profitiert durch den Tourismus, den das Fränkische Seenland mit sich bringt und das gäbe es ohne Kanal nicht.
Gürtler: Durch das Seenland profitiert die Region wirklich enorm und auch die Anwohner sind gern an den Seen unterwegs. Das war ein echter Gewinn. Auch ökologisch kann man den Kanal nicht nur negativ sehen. Ja, es wurden Feuchtwiesen im Altmühltal zerstört, genauso hat sich an den Seen aber auch eine vielfältige Flora und Fauna entwickelt. Allein an der Vogelinsel im Altmühlsee leben heute bis zu 300 Vogelarten.

Wie fällt damit nach 30 Jahren Ihre Bilanz des Kanals aus?
Gürtler: Rein wirtschaftlich gesehen sind wir weit weg von den prophezeiten Zahlen, was den Güterumschlag angeht. Der Kanal war als reiner Industriekanal gedacht, aber der Güterstrom hat sich zwischenzeitlich mehr auf Straße und Schiene verlagert. Damit hat der Kanal das gleiche Problem wie viele Großprojekte: dass solche Entwicklungen zum Zeitpunkt der Planung und des Baubeginns noch nicht absehbar sind. Heute werden fast alle Güter in Standard-Containern transportiert – dafür sind die Brücken beim Kanal zum Beispiel viel zu niedrig und auch die Kapazität des Kanals zu gering. Außerdem ist der Kanal viel langsamer als Schiene und Bahn. Wir sind momentan bei einer Auslastung von nur rund 20 Prozent. Seinem eigentlichen Zweck wird er damit nicht gerecht, aber heute spielen auch andere Faktoren mit rein.

Sie spielen auf die Flusskreuzfahrt-Schiffe an?
Gürtler: Ganz genau. Das hatte niemand so auf dem Schirm. Wir haben allein in Nürnberg rund 1000 Anlegevorgänge im Jahr, auch kleinere Städte wie Roth oder Forchheim haben ihre Anlegestellen ausgebaut. Auch wenn die Gäste ihr Hotel mit dabei haben und so nicht in Nürnberg schlafen, so bleiben doch rund 30 Euro pro Gast in der Stadt hängen.

Ein anderes Thema spielt auch eine Rolle: die Wasserüberleitung über den Kanal in den wasserarmen Norden Bayerns.

Gürtler: Die Wasserüberleitung war von Anfang an eine Kernidee, aber dass das mit dem Klimawandel eine solche Bedeutung bekommen würde, war damals natürlich nicht klar, wenngleich der Main natürlich schon immer extrem seicht ist.

Denken Sie, dass der Kanal eine Zukunft hat, oder wird er irgendwann still gelegt, wie sein Vorgänger, der Ludwigs-Kanal?

Gürtler: Es sind in Zukunft einige Herausforderungen zu bewältigen. So müssen aktuell die Schleusen Erlangen und Kriegenbaum neu gebaut werden, das kann anderen Schleusen auch blühen. Grundsätzlich glaube ich aber an die Zukunft der Binnenschifffahrt. Gerade bei den steigenden Energiepreisen könnte das wieder relevant werden. Und wer weiß, vielleicht gibt es in zehn bis 15 Jahren ja sogar elektrische Schiffe?

Die Fragen stellte Viola De Geare