Pfaffenhofen
Das Ende der Künstlerwerkstatt

Stephan Ebertshäuser erinnert sich zurück

10.05.2022 | Stand 23.09.2023, 1:30 Uhr

Ein Mann und sein ganz besonderer Oldtimer: Stephan Ebertshäuser muss im Spätsommer das Tonstudio in der ehemaligen Künstlerwerkstatt räumen – und ob er einen neuen Platz für das riesige Mischpult aus DDR-Zeiten findet, wagt er selbst zu bezweifeln. Fotos: Fuhrmann

Von Nicole Gigler

Pfaffenhofen – Jazzmusik aus der Pfaffenhofener Künstlerwerkstatt dringt nach draußen an die Münchener Straße. Die Passanten draußen neigen verwundert den Kopf – und gehen mit einem Lächeln auf den Lippen weiter. Drinnen sitzt Stephan Ebertshäuser im seinem Panorama-Tonstudio und dreht an den Reglern seines Mischpults. „Ein Oldtimer“, sagt er, „aus der DDR.“ Es handelt sich um das letzte Mischpult aus dem Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamt der Deutschen Demokratischen Republik, das noch läuft. Und trotzdem: Bald verstummt die Musik in Pfaffenhofen. Denn Ebertshäuser muss nach 13 Jahren raus aus dem Tonstudio – und aus seiner Wohnung. Stattdessen wird in dem Gebäude, das der Firma Hipp gehört, eine Erweiterung des angrenzenden Naturkinderhauses entstehen.

Dafür hat der Babybrei-Produzent neben Ebertshäuser auch allen anderen Bewohnern des Gebäudes – darunter auch das Atelier der Künstlerin Helene Charitou – Anfang März die Kündigung zugestellt. Ebertshäuser muss das Tonstudio spätestens Ende August räumen, seine Wohnung bis Ende September. „Damit geht einer der wenigen Treffpunkte der Pfaffenhofener Musikszene zu Ende“, sagt Ebertshäuser mit großem Bedauern in der Stimme. Bereits 2019 wurde es in den Räumlichkeiten leiser, als Wacky Singer seine Jazz-Schreinerei nach 24 Jahren aufgab. Es war das Ende des „ungewöhnlichsten Jazzclubs Bayerns“, wie es damals in der Heimatzeitung stand. Nun heißt es auch für Ebertshäuser Abschied nehmen von der Künstlerwerkstatt – und das fällt ihm nicht leicht. Sein Tonstudio sei gleichzeitig sein „Sozialraum“ gewesen, auch wenn das 1906 erbaute Haus viel Arbeit bedeutet. „Ich heize zum Beispiel noch mit Holz“, sagt der Tontechniker. Zusammen mit Freunden hat er das Studio über Jahre in Handarbeit aufgebaut.

In dem 70 Quadratmeter großen Raum stecken aber nicht nur unzählige Arbeitsstunden, sondern auch ähnlich viele Erinnerungen. Zwischen drei und sechs größere CD-Produktionen schaffte er pro Jahr; zudem viele Einzelsongproduktionen, Kunstprojekte, DJ-Abende und vieles mehr. Von seinen Aufnahmen erzählt Ebertshäuser: „So eine Session geht oft über mehrere Tage und kann eine sehr intime Sache sein, wenn zum Beispiel der Künstler in seiner Musik eine schwere Phase seines Lebens reflektiert.“ Die für ihn persönlich schönste Aufnahme hatte er mit der Band Lovemaster aus Prien. „Mit dieser Band hat die Chemie zwischen allen Beteiligten einfach perfekt gestimmt. Als Tontechniker wird man dann während der Aufnahme ein Teil der Band und der Musik“, erinnert er sich zurück. Eine weitere Aufnahme, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben ist, war mit Titus Waldenfels. Mit ihm und dessen Band habe er die schnellste LP-Produktion seiner Laufbahn erlebt. „Die Band ist angereist und hat das ganze Album in dreieinhalb Stunden eingespielt. Ich habe den Mix live am Pult gemacht. Und es wurde später genau so auf Platte gepresst.“

Neben Bands nutzen auch lokale DJs das Studio. „Wir legen dann zusammen auf und machen Jam-Sessions für uns selbst. Anders geht es nicht. Es gibt in der Nähe nichts, wo man auflegen könnte“, sagt Ebertshäuser. Dass ganze Bands in sein Studio passen, sei etwas Einzigartiges in der Umgebung, erzählt er. „Die Band kann hier live spielen, ich hatte dort schon 20 Menschen auf einmal drin.“

Das wird sich jetzt wohl ändern, denn Ebertshäuser geht davon aus, dass er sich ein derart großes Studio bei den jetzigen Preisen nicht mehr leisten kann. Trotzdem ist er sicher: „Ich muss wieder ein Studio machen. Für mein eigenes Empfinden und weil ich viele Freunde habe, die Songs aufnehmen wollen. Aber es wird sicher nicht mehr so groß werden.“ Mit einem kleineren Studio müsse er viele seiner Utensilien verkaufen, darunter bestimmt auch sein „Oldtimer-Mischpult“.

Was trotz räumlicher Verkleinerung auf jeden Fall mit kann: seine Maultrommel. Für das acht Zentimeter kleine Instrument hat Ebertshäuser sogar ein Zertifikat bei einem Musikwettbewerb in Sibirien gewonnen. Weniger Sorgen bereitet dem 41-Jährigen die Wohnungssuche. „Eine Wohnung findet man einfacher“, sagt er. Ob er’s übers Herz bringt, in den leeren Räumen eine Abschiedsfeier zu veranstalten, weiß Ebertshäuser noch nicht. „Lieber würde ich woanders eine Neueröffnung feiern“, sagt er. Deswegen sei er auch für jegliche Angebote von Räumlichkeiten dankbar, in denen er sein Studio aufbauen könnte.

Doch obwohl die Musik in der Münchener Straße verstummen wird, leise wird es in dem Gebäude wohl trotzdem nicht. Laut Hipp-Sprechers Clemens Preysing wird der Ort durch das Naturkinderhaus „eine bunte und lebendige Kulturstätte“ bleiben. „Denn auch Kinder sind Kreativkünstler“, sagt er. Allgemein möchte sich die Firma weiter für die Förderung von Kunst und Kultur einsetzen, ergänzt Preysing. Eines ist trotzdem nicht mehr zu verhindern. Passanten, die sich an den Jazzklängen aus der Künstlerwerkstatt erfreuen, wird es schon sehr bald nicht mehr geben.

PK