Schrobenhausen
Wie bei Hitchcock: Massenhaft Rabenkrähen sammeln sich an einem Platz

06.01.2023 | Stand 17.09.2023, 6:07 Uhr

Ein großer Schwarm Rabenkrähen kehrt bei Dämmerung zum Massenschlafplatz bei den Leinfelder-Fußgängerbrücken an der Schrobenhausener Paar zurück. Foto: S. Floerecke

Hunderte Rabenkrähen haben es sich zurzeit auf einer Laubbaumgruppe in Schrobenhausen bei den beiden Leinfelder-Fußgängerbrücken bequem gemacht. So mancher Spaziergänger ist zuletzt erschrocken, wenn die Vögel ihren Schlafplatz verlassen.



Auch entlang der Paar, über die Aichacher Straße bis zum Kreisverkehr am Thiers-Platz, haben sich Rabenkrähen in Massen eingerichtet. Warum gerade hier, in unmittelbarer Nähe zum Menschen? Und wie gestaltet sich überhaupt der Tagesablauf der Rabenkrähen? Der Blick in die aktuelle ornithologische Fachliteratur und die Erkundigung bei einem Vogelexperten des Naturschutzbund Deutschland liefern Antworten auf diese Fragen.

Das sogenannte Schlafplatzflugsystem



Laut aktueller Forschung verlassen Rabenkrähen bei Sonnenaufgang den Großverbund und fliegen in Kleingruppen in ihre bis zu 30 Kilometer entfernten Futtergebiete. Nahrungssuche auf Feldern und in Parks sowie Ruhephasen bestimmen ihren Tagesablauf. Kleine und größere Trupps von Rabenkrähen wurden tagsüber von Lesern der Heimatzeitung schon des Öfteren im Schrobenhausener Goachat sowie entlang der Rettenbacher Straße bei Rosensteig gesichtet. Bei Eintritt der Dämmerung machen sich die Vögel dann wieder auf den Rückweg – man braucht nur in den Schrobenhausener Himmel zu blicken – und treffen nach und nach unter lautem Krächzen und Geschrei aus allen Himmelsrichtungen in lang gezogenen Schwärmen am Massenschlafplatz ein.

Vom Himmel schweben sie herab, um wiederholt mit bereits anwesenden Vögeln zu kreisen und sich schließlich für die anstehende Nacht eng beisammen auf den Ästen niederzulassen. Dieses allabendliche Ritual gilt unter Fachleuten als ein atemberaubendes, gleichzeitig fast beängstigendes Naturereignis und Ausdruck des ausgeprägten Sozialverhaltens der Rabenkrähen. Es erinnert allerdings auch ein Stück weit an „Die Vögel“, den Kult-Horrorfilm von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1963. Am nächsten Morgen beginnt das Ganze dann wieder von vorne.

Im März oder April löst sich der Großverbund auf und die Brutpartner nächtigen bis zum kommenden Winter paarweise in ihrem jeweils eigenen Revier.

Für die Massenschlafplätze gibt es laut Stefan Bosch, Fachbeauftragter für Ornithologie und Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland, mehrere Gründe: Erstens hätten die intelligenten Vögel gelernt, dass sie im Verbund eine größere Chance haben, sich gegen Feinde zu behaupten. Zweitens könnten sie durch die Großgruppenbildung ergiebige Futterplätze erfahren und gleichzeitig leichter Brutpartner finden. „Dabei zeigen sie große Toleranz gegenüber Lärm und anderen Störungen“, sagt Stefan Bosch.

Kulturfolger nicht leicht abzuschrecken



Das ist in Schrobenhausen offensichtlich der Fall: Selbst die ständigen Motor- und Fahrgeräusche und die Abgase der viel befahrenen Aichacher Straße können die Tiere nicht abschrecken. Rabenkrähen würden als ausgeprägte Kulturfolger sogar ganz bewusst die Nähe zum Menschen suchen, sagt Bosch, denn „die Stadt ist warm, schneearm und bietet Abfälle zum Fressen, Kunstlicht in kurzen Wintertagen, Masten und hohe Bäume als übersichtliche Sitzplätze“.

Lärm und Schmutz können für Anwohner bei aller Begeisterung für ein Naturphänomen durchaus zur Herausforderung werden. Sie dauerhaft zu vertreiben, ist laut Vogelexperte Bosch jedenfalls schwer, denn Rabenkrähen sind intelligent und hartnäckig.