Gutes Leben für Seppi

Nah an der Natur: Stefanie Leitenstern liegen ihre Angus-Rinder in Ehekirchen am Herzen

21.09.2022 | Stand 21.09.2022, 14:02 Uhr

Stefanie Leitenstern ist es wichtig, dass sich die Rinder auf der Wiese wohl fühlen. Hier haben sie 24 Stunden täglich freien Zugang zum Gras oder können im Unterstand Heu fressen.

Neugierig kommen die Tiere an den Zaun und schauen die Spaziergänger aus ihren großen, dunklen Augen an. Die Angus-Rinder, die an der Hauptstraße in Ehekirchen auf der Wiese laufen, bekommen regelmäßig Besuch, vor allem Kinder halten gern dort an.



Die Jungtiere sind nur ein Teil der Herde - Kühe, Kälber und Stier Seppi leben auf dem Hof von Stefanie Leitenstern in familiärer Mutterkuh-Haltung. Stall und Weide sind nur ein paar Häuser weit voneinander entfernt. Die Wiese grenzt an das Getreidesilo, das an der Ehekirchener Hauptstraße einen markanten Punkt darstellt. „Landesprodukte“ steht auf einer alten Tafel an der Wand von Silo und Wohnhaus. „Heute sagt man regional“, erklärt die Mutter von Stefanie Leitenstern, Eva und sie erzählt, dass der Hof schon immer eine richtige Landwirtschaft war, „mit Feldern, Wald, Kühen, Schweinen und Hühnern. Die Tiere hatte man zur Selbstversorgung - alles, was dazugehört.“

Wiese am Silo statt Anbinde-Haltung

Geändert hat sich manches seit der Zeit, als das Wohnhaus Anfang des 19. Jahrhunderts an der Hauptstraße gebaut wurde, aber Mehl kann man bis heute kaufen. Es gibt im Hofladen, den Tochter Stefanie selbst ausgebaut hat, die ganze Mehlpalette und Produkte wie Dinkelpaniermehl, Kartoffeln aus eigenem Anbau, Allgäuer Heilkerzen, Nudeln oder Gewürze für Salat, zum Brotbacken und, seit jüngster Zeit, auch für Fleisch.

Stefanie Leitenstern ist gelernte Landschaftsgärtnerin und Hauswirtschaftsmeisterin. 2018 hat sie den Hof von ihren Eltern übernommen. Bis dahin standen im alten Stall 15 Milchkühe in Anbinde-Haltung. „Ich wollte es nicht so lassen, aber auch nicht aufgeben und nicht verpachten.“ Dann hatte sie die zündende Idee: Auf die Wiese am Getreidesilo „müssen ein paar Viecher hin“. Gleichzeitig war klar: „Wenn wir Tiere holen, machen wir es gescheit.“ Das bedeutet für Stefanie Leitenstern und ihren Lebenspartner Roland Engel, dass die Tiere möglichst naturnah gehalten und gefüttert werden.

So entschieden sie, den alten Stall abzureißen und einen neuen Laufstall zu bauen. Förderprogramme hätte es gegeben, doch die nahmen sie nach vielen Überlegungen nicht in Anspruch. Stefanie Leitenstern fiel diese Entscheidung nicht leicht: „Man muss sich an Vorgaben halten, aber wir haben ja nicht gewusst, wie es läuft.“ Auf der einen Seite stand die Möglichkeit, alles nach eigenen Wünschen umzusetzen, aber auch das Risiko, das die Umstellung mit sich bringt. Durch den Verzicht auf die Förderungen ist das Gebäude nun nicht zweckgebunden: „Wenn es nichts ist mit den Tieren, haben wir eine Halle, die man anders nutzen könnte“, sagt die Bäuerin.

Stier Seppi ist brav - treiben lässt er sich aber nicht

Seit einem Jahr steht das Gebäude mit etwa 380 Quadratmetern Fläche jetzt, die Tiere leben dort wie in einer Familie: „Das ist Mutterkuhhaltung“ erklärt Stefanie Leitenstern, „die Kühe bekommen ihr Kalb, das bleibt ein halbes Jahr bei ihnen und Seppi, der Stier, ist auch in der Gruppe mit drinnen.“ Zwölf Kühe haben sie momentan und vier Rinder, die der Stier decken darf. „Seppi ist schon brav“, meint die Bäuerin, „aber man muss wissen, worauf man sich einlässt, wenn man reingeht - treiben lässt er sich nicht.“

Sie findet es interessant, das Herdenverhalten der Tiere zu sehen, „was man von der Anbinde-Haltung her ja gar nicht kennt.“ Einmal konnte sie bei einer Geburt zuschauen, „das war das erste Mal, ohne irgendetwas zu machen“, sagt sie, „die Kuh macht alles allein.“ Als das Kälbchen da war, kamen einige der anderen Kühe, schleckten es ab und gingen wieder. „Und dann kam der Seppi und hat sich vorn quer hingestellt, wie so eine Wand, dass nichts passiert.“

Auch das Futter kommt aus eigener Produktion

Gefüttert werden die Tiere mit Heu und Grassilage aus eigener Produktion. Drei Rundballen von je zirka 250 Kilogramm reichen ungefähr für drei Tage. Die Silage sprüht sie mit Milchsäure-Bakterien ein: „Es siliert schneller und die Qualität ist um einiges besser“, sagt Stefanie Leitenstern. Sie sprüht auch den Stall damit ein, dadurch rieche der Mist nicht so stark: „Das merken wir, wenn wir misten.“ Sie verwendet Milchsäurebakterien mit Meerrettich: „Das ist gut für die Atmung, die Verdauung und den ganzen Körper.“

Sie möchte auf dem Hof alles „so natürlich wie möglich“ haben. Die Tiere sind sehr gesund, aber wenn mal etwas ist, versucht Stefanie Leitenstern, naturheilkundlich zu helfen: „Aber so geht’s ihnen gut – sie haben ja Familienanschluss“, ist sie von den Vorteilen der Haltungsform überzeugt. „Groß, groß, groß, das gefällt mir nicht. Ich behaupte, da schmeckt auch das Fleisch ganz anders. Wir schauen, dass die Tiere ein schönes Leben haben und dann geben sie uns dafür das Gute wieder zurück.“

DK