Neuburg

Dem Kreischef geht’s beim PFC-Problem zu langsam

Landrat drängt bei belastetem Grundwasser, dass der Bund nach dem Verursacherprinzip Verantwortung übernimmt

10.10.2022 | Stand 10.10.2022, 19:00 Uhr

Über Jahre hinweg hat die Bundeswehr Löschschaum mit per- und polyfluorierten Chemikalien verwendet, so wie hier bei dieser Phantom auf dem Neuburger Flugplatz. Jetzt sorgen die als krebserregend geltenden Stoffe für Probleme. Foto: Frank, DK-Archiv

Von Sebastian Hofmann

Neuburg – Es kommt Bewegung in den Fall des mit per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) belastetem Grundwassers rund um den Flugplatz in Zell – wenn auch nicht so, wie sich Landrat Peter von der Grün (FW) das vorstellt. Der Kreischef und seine Behörde informieren am kommenden Montag die betroffene Bevölkerung über den aktuellen Stand der Dinge. Zwar steht der Prozess kurz davor, in die praktische Phase der Sanierungsplanung überzugehen. Mehr Bewegung würde sich der Landrat dennoch vom Bund wünschen, da er diesen als Verursacher der Wasser-Kontamination ansieht.

„Das muss schneller gehen“, befindet der Landrat. Seit 2011 schwele das Thema um das mit potenziell krebserregenden Stoffen belastete Grundwasser rund um den Nato-Flugplatz bereits in der Bevölkerung. Im Mai 2019 war die Kreisverwaltung in den Transparenzprozess mit einer Bürgerversammlung im Neuburger Stadtteil Rödenhof eingetreten.

Nun will man wieder Fakten und Informationen aufbereitet zur Verfügung stellen. Und der Landrat wird am kommenden Montag in Karlshuld auch deutlich machen, dass er sich von der Bundeswehr mehr erwartet. „Mir fehlt bis heute klipp und klar ein Satz vom Bund, wo’s heißt: Ja, wir sind für die Kontamination verantwortlich.“ Dem Kreischef wie auch seinem Gesundheitsamtsleiter Johannes Donhauser geht es nicht darum, mit dem Finger auf die Bundeswehr zu zeigen. Einen Vorsatz, dass diese das Grundwasser absichtlich verunreinigt hat, wollen beide auf keinen Fall erheben. Es gehe, betont von der Grün, darum, dass das Problem nach dem Verursacherprinzip gelöst werden müsse.

Zahlreiche Untersuchungen

Dahingehend scheinen alle Fakten eigentlich auf dem Tisch zu liegen: Wie mehrfach berichtet, hat die Bundeswehr – und auch zivile Wehren – in der Vergangenheit auf Löschschäume zurückgegriffen, die PFC-Verbindungen enthalten. Diese stehen heute im Verdacht, krebserregend zu sein, waren seinerzeit allerdings erlaubt und sind es in Teilen heute noch. Rund um den Flugplatz Zell wurden diese Stoffe im Grundwasser nachgewiesen. Als Folge davon haben Landratsamt und Gesundheitsamt ein großes Monitoring mit zahlreichen Beprobungen der Gewässer und auch von tierischen Produkten und Pflanzen gestartet.

Die Ergebnisse sind zunächst eher abstrakter Natur. So rechnete Gesundheitsamtsleiter Donhauser vor, dass beispielsweise Kinder zwischen ein und drei Jahren 16-mal in den Zeller Weiher, in dem PFC-Verbindungen nachgewiesen wurde, baden gehen und dabei jeweils 50 Milliliter Wasser schlucken können, ohne das ein erhöhtes Krebsrisiko entstehe. Man wolle generell nicht vom Baden im Zeller Weiher abraten. „Aber für Vielbader könnte es problematisch werden“, so Donhauser.

Für ihn ist es ein Spagat, in seinen Aussagen den richtigen Ton zu treffen, der einerseits dem vorsorglichen Gesundheitsschutz Rechnung trägt, auf der anderen Seite aber keine Panik bei den Menschen in den betroffenen Gebieten rund um den Flugplatz auslöst. Dass mit dem Thema PFC aber generell nicht zu spaßen ist, verdeutlicht er anhand neuer Richtlinien: Vor zwei Jahren hatte die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) noch die wöchentliche Zufuhr von 13 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche ein Leben lang als in Ordnung angesehen. Nun liegt dieser Wert aber bei einem Drittel davon, nämlich 4,4 Nanogramm.

Fließgeschwindigkeit 50-mal höher als angenommen

Nicht nur das Wasser selbst ist von der Kontamination betroffen, die PFC-Stoffe sind auch in den Lebensmittelkreislauf gelangt. Veterinäramtsleiter Johannes Riedl berichtet, dass vor allem tierische Erzeugnisse wie Fisch und Eier am meisten betroffen seien. Eier von einem Geflügelbetrieb in der Nähe des Flugplatzes hätten seinerzeit positiv auf eine Belastung angeschlagen.

Wie Riedl betont, ist dies aber nicht mehr der Fall: „Sobald die Hühner mit Leitungswasser getränkt wurden, war die Belastung nach wenigen Wochen nicht mehr da.“ Generell sei es nur um diesen einen Betrieb gegangen, für Eier könne man eine Kontaminierung mit PFC auf keinen Fall generalisieren. Das gilt auch für Fisch. Nur Fisch, der aus Gewässern rund um den Flugplatz stammt, könnte diese Stoffe enthalten. Riedl rechnet vor, dass Erwachsene zum Beispiel 42 Gramm Aal pro Woche ein Leben lang essen könnten, ohne dass mit gesundheitlichen Konsequenzen zu rechnen sei.

Auch Donhauser betont, dass der Prozess aus Sicht der Gesundheitsvorsorge zu langsam geht. Denn die Zeit dränge mehr, als man bislang angenommen hatte: Genauere Untersuchungen des Wasserwirtschaftsamtes Ingolstadt haben ergeben, dass sich das Grundwasser nämlich 50-mal schneller ausbreitet als zuvor vermutet und so ungefähr 800 Meter pro Jahr in nordöstlicher Richtung zurücklegt. „Das ist schon ’ne Hausnummer“, so Donhauser.

Nicht zuletzt deswegen fordert Landrat von der Grün deutliche Handlungsbereitschaft der Bundeswehr. Diese scheint sich aber gerade bei einer Abstromsicherung zu sperren. Es sei Fakt, dass weiterhin kontaminiertes Wasser im Untergrund vom Flugplatz abfließe, nur sehe der Bund aufgrund der Werte keine Veranlassung, etwas dagegen zu tun. „Aber es geht darum, die Gefahr in Zaum zu halten. Da dürfen wir nicht nachlassen“, so der Kreischef.

Die Bürgerversammlung zum Thema PFC findet am Montag, 17. Oktober, von 18 bis 20 Uhr in der Mehrfachturnhalle Karlshuld, Kindergartenstraße 2a, statt. Fragen können bereits vorab über die E-Mail-Adresse pfc@neuburg-schrobenhausen.de eingereicht werden.

DK