Beeindruckt und skeptisch
Bei Hasan Ismaiks Auftritt in Karlshuld werden die Risse in der 1860-Fanszene deutlich

12.06.2024 | Stand 12.06.2024, 9:22 Uhr |

Wahlkampf im Donaumoos: Bei seinem einzigen Besuch in der Region vor der Mitgliederversammlung des TSV 1860 München am kommenden Sonntag warb der jordanische Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik (Mitte, links sein Dolmetscher) um Stimmen für seinen Kurs. Foto: Vogt

Seine persönliche Bayern-Tour führte 1860-Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik jetzt auch nach Karlshuld im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, seinem einzigen Stopp in der Region.



Eineinhalb Stunden lang beantwortete Ismaik im Donaumoos die Fragen ganz verschiedener Löwen-Fans und machte dabei in erster Linie Wahlkampf für die richtungsweisende Mitgliederversammlung am kommenden Sonntag. Einige ließ das kopfschüttelnd zurück, viele andere der etwa 100 Gäste waren angetan. Ismaiks Botschaft: Schlimmer als im Moment könne es bei Drittligist 1860 nicht werden. Die Gräben zwischen dem Investor und den Vertretern des Vereins auf der anderen Gesellschafterseite scheinen kaum noch überbrückbar.

Ismaik genießt „die schöne bayerische Landschaft“

Mit einer guten halben Stunde Verspätung erscheint Ismaik samt Gefolgschaft an diesem Abend in der Karlshulder Klosterwirtschaft, in die er sich quasi selbst eingeladen hatte. Eine gesperrte Autobahnausfahrt sei der Grund für die Verzögerung, wie der Dolmetscher des Jordaniers entschuldigend erklärt. Immerhin gab es für Ismaik dadurch noch ein bisschen länger die Möglichkeit, die „schöne bayerische Landschaft zu genießen“, die er nach 13 Jahren als Löwen-Investor nun entdeckt.

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Dass ihn seine derzeitige Wahlkampf-Tour in verschiedene Regionen des Freistaats führt und mit verschiedenen Menschen (vornehmlich Löwen-Fans) zusammenbringt, sei ein großer Gewinn, erzählt der Jordanier. Ein paar Leute in Karlshuld müssen bei dieser Aussage zwar ungläubig schmunzeln. In den vergangenen Jahren hatte er sich an der Grünwalder Straße in München sehr rar gemacht. Was man Ismaik aber lassen muss: Er ist in diesen Wochen tatsächlich präsent, scheut keinen persönlichen Kontakt mit allen Fanlagern – außer direkt mit dem Präsidium des TSV 1860, das eigentlich sein Hauptgesprächspartner sein sollte. Aber auch der Empfang bei den Anhängern des Klubs ist nicht immer nur angenehm. In Karlshuld gibt es zwar viel Applaus, aber genauso kritische Stimmen und auch mal einen „Pfui“-Ruf zwischendurch, als Ismaik die Strukturen bei 1860 mit einer „diktatorischen Situation“ vergleicht. Der Riss, der mehr denn je tief durch die Fanszene geht, ist auch im kleinen Mikrokosmos der Klosterwirtschaft deutlich spürbar.

Bekannte Anschuldigungen und ein dringender Appell

Alles läuft aber im Rahmen, sodass Organisator Michael Hemauer aus dem Vorstand des 1860-Fanklubs Klosterlöwen hinterher von einer „interessanten Veranstaltung“ spricht. Ein paar gewinnbringende Einblicke gibt es in der Tat, ansonsten vor allem die bekannten Anschuldigungen des Investors und den dringenden Appell, bei der Wahl des Verwaltungsrates etwas zu ändern.



Die mutmaßlich richtungsweisende Mitgliederversammlung wirft ihre Schatten voraus. Sie spitzt sich vor allem zwischen Ismaik und e.V.-Präsident Robert Reisinger zu, obwohl der ja gar nicht zur Wahl steht. In Karlshuld wird Ismaik trotzdem sehr deutlich: „Wenn Herr Reisinger, wie er behauptet, ein echter Löwe ist, dann soll er sein Amt abgeben!“ Rumms. Die Wahl des mächtigen Verwaltungsrates – er schlägt den Präsidenten vor und muss die Entscheidungen, die beim TSV 1860 getroffen werden, überwachen und absegnen – wird darüber entscheiden, ob das aktuelle Präsidium (auch Ex-Vizepräsident Hans Sitzberger hört in Karlshuld aufmerksam zu) seinen Kurs weiterfahren kann oder ob sich die Machtverhältnisse zugunsten der Ismaik-Seite verschieben. Hier liegt die Brisanz. Und auch hier hat der Jordanier eine Botschaft mitgebracht: „Wenn diese Leute den Verein lieben, dann sollten sie die Chance jetzt anderen geben. Sie sind gescheitert. Schlimmer als jetzt kann es nicht sein!“

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Das neue Präsidium um Reisinger hatte nach dem Zwangsabstieg bis in die Regionalliga nach der katastrophalen Zweitliga-Saison 2016/17 2017 die Scherben zusammengekehrt und den Klub mit einem Konsolidierungskurs in die 3. Liga zurückgeführt. Dort war man unter Trainer Michael Köllner zweimal knapp an der Rückkehr ins Fußball-Unterhaus gescheitert.

Nicht sein „Hobby, Geld zu verlieren“

Vielen ist das zu wenig im Klub. Wie dem „Bündnis Zukunft 1860“, das prominente Kandidaten zur Wahl stellt. Auch Saki Stimoniaris, der Aufsichtsratsvorsitzende der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA, ist ein weiterer Kandidat. Er begleitet Ismaik auf seiner Tour, schaltet sich am Montagabend bei einer kritischen Frage ein. Ein Fan will wissen, wie viele Schulden der Verein in der Abstiegssaison 2016/17 gemacht hat. Eine konkrete Summe bleibt zunächst aus. Aber Stimoniaris bekräftigt leidenschaftlich: „Der einzige, der den Bach runtergeht, wenn 1860 den Bach runtergeht, ist Hasan Ismaik.“ Später verrät der Jordanier, dass er bislang 75 Millionen investiert habe. „Und es ist nicht mein Hobby, Geld zu verlieren“, sagt er. Lachen im Saal. Wie viel davon Darlehen – und somit Schulden des Klubs bei ihm – ist, darüber haben viele Fans längst den Überblick verloren.

Ismaiks Analyse und der Drang, Strukturen zu ändern, neue Energie hineinzubringen, finden Anklang. Genauso lassen aber die – manchmal zu Verschwörungstheorien abgleitenden – Anschuldigungen einige zweifeln. „Sie haben den Verein von innen geschwächt, damit Hasan Ismaik die Hoffnung aufgibt und rausgeht“, beschreibt der Jordanier den vermeintlich „heimtückischen Plan“ der Vereinsführung gegen sich. Doch das werde „nie passieren“, wiederholt er eine altbekannte Position. Sogar die Spieler hätten sich angeblich auf dem Platz davon anstecken lassen und absichtlich dementsprechende Leistungen abgeliefert, so seine wilde Theorie.

Energische Stimme und viel Pathos

In den vergangenen sieben Jahren unter Reisinger habe man nichts geerntet außer „unerfüllten Versprechungen und Fälschungen von Wahrheiten und Tatsachen“, behauptet der 46-Jährige, der vor Jahren selbst schon unter anderem ein eigenes Sechzig-Stadion mit Löwen-Zoo in Riem in Aussicht gestellt hatte. Zuletzt hatte er einem Teil des 1860-Anhangs mit der Aussicht auf 200 Millionen Euro den Mund wässerig gemacht.

Seine Tiraden (auf Arabisch) gegen das aktuelle Präsidium unterstreicht Ismaik mit energischer Stimme und leidenschaftlichen Gesten, was sein Dolmetscher zusätzlich mit ordentlich Pathos anreichert.

„Er ist schon ein vereinnahmender Mensch“, meint ein Fan nach der zweistündigen Veranstaltung. Und so geht es wohl den meisten in Karlshuld, die durchaus beeindruckt sind vom Auftritt des Jordaniers, seine Ideen und neuerlichen Versprechen – ein neues Stadion innerhalb von fünf Jahren – aber nicht frei von Skepsis hinnehmen. Abschließend stoßen alle gemeinsam auf die Löwen an und machen Fotos mit dem seltenen Gast. Am Ende einen alle Sechzig-Fans in Karlshuld zumindest diese zwei Dinge: der Wunsch nach mehr Miteinander im Verein. Und die ungebrochene Leidenschaft für die Giesinger.