Eine „kitschige Fußballgeschichte“
Alexander Böni hat beim SV Hörzhausen eine sportliche Heimat gefunden und fiebert bei der EM mit der Schweiz

22.06.2024 | Stand 22.06.2024, 0:09 Uhr |

Eine „Schweizer Naturgewalt“ beim Torabschluss: Diesen Spitznamen hat Alexander Böni in Hörzhausen liebevoll verpasst bekommen. Foto: M. Schalk

Sein Spitzname verrät schon ein bisschen was über ihn: „Schweizer Naturgewalt“ wird Alexander Böni von seinen Mitspielern genannt, was einerseits auf den Spielstil des Stürmers, zum anderen natürlich auf seine Nationalität hinweist. Vor drei Jahren hat der 33-Jährige beim SV Hörzhausen eine sportliche Heimat gefunden. Bei der Fußball-Europameisterschaft fiebert er aktuell mit seinem Heimatland und freut sich auf das Duell gegen Deutschland an diesem Sonntagabend.

Der Abteilungsleiter spricht plötzlich Schwyzerdütsch

„Grüezi“, sagt Alexander Böni zur Begrüßung, spricht dann in einer Mischung aus Bayrisch und Schweizerdeutsch weiter. „Ich versuche ja, mich ein bisschen anzupassen“, sagt er mit einem Grinsen. Immerhin ist Böni seit neun Jahren in Bayern zu Hause. „Der Liebe wegen“ habe es ihn einst aus der „Postkartenschweiz“, wie er seinen Heimatort Glarus im gleichnamigen Kanton beschreibt, über die Zwischenstation München hierhergezogen. So viele Postkartenmotive von Sandizell, wo der 33-Jährige heute lebt, gibt es zwar nicht. „Und manchmal vermisse ich die Berge“, sagt er, betont aber trotzdem: „Bisher habe ich den Schritt hierher nie bereut.“

Im Schrobenhausener Nordwesten lebt und arbeitet der Malermeister und Bauleiter in der Firma seines Schwiegervaters in spe, Fußball spielt er allerdings ein bisschen südlicher. Und das kam so: „Immer, wenn wir vor einer neuen Saison unsere Neuzugänge begrüßen, muss ich diese Geschichte erzählen“, sagt Böni vorab und lacht. Es folgt die Geschichte von einer Geburtstagsfeier einer Freundin seiner Freundin, bei der Böni erstmals auf SVH-Abteilungsleiter Andreas Greppmair traf. Man habe sich irgendwann auch über Fußball unterhalten – und als Greppmair davon Wind bekam, dass Böni früher in der Schweiz gespielt hatte, ließ er nicht mehr locker. „Er hat dann auf Schwyzerdütsch versucht, mich zu überzeugen“, erinnert sich Böni grinsend: „So lange, bis ich gesagt habe: Ich komme ja ins Probetraining, aber bitte hör auf damit!“ Böni kam, fühlte sich wohl und ist seitdem aus dem Team nicht mehr wegzudenken.

Eine Mischung aus Müller und Shaqiri

Das verdeutlicht schon alleine die Statistik des Stürmers, der in bislang 58 Ligaspielen für den SVH 57-mal getroffen hat. Sein Erfolgsrezept sieht ungefähr so aus: „Ich bin ein recht robuster Stürmer, gehe gerne mit dem Kopf durch die Wand“, sagt er – Stichwort Naturgewalt. Aus dem Schweizer Nationalteam fällt Böni da Xherdan Shaqiri als Referenz ein. „Und ich stehe auch irgendwie oft richtig“, fügt er mit einem Grinsen an: „In der Art wie Thomas Müller.“ Das sei übrigens nicht immer so gewesen. „In der Schweiz war ich eher der Chancentod“, muss Böni lauthals lachen.

Dass er bei seiner jetzigen Quote das Wort „Torflaute“ überhaupt noch in den Mund nimmt, verwundert ein wenig. Doch er tut es vor allem, um auf das tolle Gemeinschaftsgefühl beim SVH hinzuweisen: „Wenn ich mal nicht treffe, rufen mich sogar Zuschauer an und fragen, was denn los sei“, erzählt er. Wie sich das alles in den vergangenen Jahren entwickelt habe, „das ist schon irgendwie eine kitschige Fußballgeschichte“, freut er sich darüber. Ein Ausdruck dieser nationenverbindenden Freundschaft sei auch das: Als die Schweiz bei der EM 2021 das Viertelfinale erreicht hatte, „da sind sogar deutsche Freunde von mir im Schweizer Trikot rumgelaufen“, erzählt Böni. Das habe ihm viel bedeutet.

Bestes Schweizer Team, das es je gab

Dass es dazu nun auch am Sonntag kommt, ist eher unwahrscheinlich. Denn natürlich möchten beide Mannschaften das Spiel in Frankfurt gerne gewinnen, um sich den Gruppensieg zu sichern. „Unser Team ist wohl die beste Schweizer Mannschaft, die es je gab“, meint Böni und schwärmt von tollen Spielern wie Granit Xhaka oder den vielen guten Torhütern. Das Teamgefüge funktioniere wie – diesen Spruch bringt Böni selbst – „ein Schweizer Uhrwerk“. Das Problem aus seiner Sicht: Die deutsche Mannschaft sei für ihn das „Nonplusultra“, sodass er seine „Nati“ eben doch in der Außenseiterrolle sieht.

„Aber vielleicht können wir Deutschland ja ein bisschen ärgern“, sagt der 33-Jährige. Das Weiterkommen sollte mit vier Punkten aus den bisherigen zwei Spielen in jedem Fall drin sein. So oder so betont der Sandizeller: „Es ist das erste Mal, seit ich in Bayern bin, dass die beiden Nationen gegeneinander spielen. Ich freue mich wahnsinnig darauf.“

Keine Ambitionen, den SVH zu verlassen

Apropos: Wie er seinen persönlichen Weg in nächster Zeit sieht? „Die Deutschen sind da irgendwie viel fußballverrückter“, wundert sich Böni. „Da wird man schon in unteren Klassen angesprochen und es versuchen Leute, dich von einem Wechsel zu überzeugen.“ Bei ihm allerdings erfolglos, versichert er: „Warum sollte ich etwas aufgeben, wo ich mich doch wohlfühle und hier eine Art dritte Familie gefunden habe?“ Eine Aussage, die gut zur „kitschig-schönen“ Fußballgeschichte des Alexander Böni passt.

SZ