Angriff in Kiew erlebt

Judoka des TSV Abensberg steht mitten im Krieg

Abensberger Top-Athlet Georgii Zantaraia will für sein Land kämpfen<?ZE?><?ZE?>

28.02.2022 | Stand 28.02.2022, 14:03 Uhr

Zu den besten Judoka der Welt zählt der Ukrainer Georgii Zantaraia, der für den TSV Abensberg antritt. Er ist derzeit in Kiew und will nun für sein Heimatland kämpfen. Foto: Kahler/MZ



Gegen 5 Uhr Ortszeit war es , als die Detonationen die Familie Zantaraia weckten. „Die Einschläge kamen von einem Flughafen, der militärisch genutzt wird. Er liegt etwa fünf Kilometer von unserem Haus in Kiew entfernt“, erzählt der Ukrainer unserer Zeitung am Telefon. Nach den ersten TV-Bildern erkannte der frühere Weltmeister das ganze Ausmaß. „Es ist unfassbar, was hier geschieht! Im Jahr 2022, ein Aggressions-Krieg gegen ein friedliches Land.

Zantaraias neunjähriger Sohn zupfte seinen Vater mehrmals am Arm. „Papa, was ist da los?“ Eine Erklärung fällt ihm schwer. Der Ukrainer hat mit seiner Frau auch eine vierjährige Tochter und gehört wie viele Spitzensportler dem ukrainischen Militär an. Als Soldat meldete er sich gleich am Donnerstagmorgen bei seiner Dienststelle. „Ich gab meine Dokumente ab und sagte: Ich bin bereit.“

Den übrigen Tag blieben die Zantaraias zu Hause. „Wir verfolgten ungläubig die Nachrichten.“ Parallel bekam er mit, was sich in der Hauptstadt mit fast drei Millionen Einwohnern tat. „Die einen flüchteten in Bunker, andere versuchten die Stadt zu verlassen. Sie wollen an die Grenze oder in ruhigere Städte.“ An Tankstellen und Lebensmittelgeschäften warteten Menschen stundenlang. Auch seine Familie harrte Stunden beim Einkauf aus.

Zantaraia will die Stadt, wo er mit Familie ein Haus bewohnt, nicht verlassen – vor allem weil er für die Stadtverwaltung von Kiew arbeitet. „Vitali Klitschko ist mein Boss“, sagt er über den früheren Box-Star und jetzigen Bürgermeister. Auch „Zanta“ hat den Leistungssport zurückgeschraubt und ist in einem Büro für Sportangelegenheiten tätig. „Wir wollen die Sportmöglichkeiten in der Stadt verbessern.“

Die aktuelle Lage schätzt der 34-Jährige als „sehr gefährlich“ ein. Darum wüsste er seine Kinder und seine Frau lieber in Sicherheit. „Auf der anderen Seite wollen sie bei mir bleiben. Wir besprechen das laufend.“ Selbst eine Flucht ist angesichts zunehmender Kampfhandlungen riskant. „Es ist alles nicht normal“, wiederholt Zantaria mehrmals.

Am Vorabend des Angriffs war es das noch. „Wir führten ein alltägliches Leben.“ Der 34-Jährige ging nicht von einer derartigen Invasion aus. „Ich dachte nicht, dass Präsident Wladimir Putin so weit gehen würde. Ich weiß auch nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Aber selbst Experten wissen es nicht.“ Zantaraia ahnt Schlimmes: „Er will sich die ganze Ukraine unterwerfen.“

Freudige Momente bescheren ihm seine ebenfalls judoverrückten Kinder. „Meine Frau und meine Freunde trainieren sie, nicht ich“, erzählt der Judoka, der die große Wettkampfbühne (vorerst) verlassen hat. „Aber wenn Abensberg mich braucht, bin ich bereit“, sagt der Leichtgewichtler.

Gegen den russischen Einmarsch will sich Zantaraia auch mit Waffengewalt wehren. „Ich würde alles tun, um meine Familie, meine Freunde und mein Land zu verteidigen.“ Aber Kriegsgerassel ist nicht die Stimme eines Judoka, der mit den respektvollen Werten dieses Sports aufgewachsen ist. „Ich hoffe, es gibt noch eine diplomatische Lösung.“

Zantaraia setzt auf die westliche Welt. „Wir brauchen die Unterstützung der EU, der USA. Das wäre wichtig für unser Land.“ An militärische Hilfe denkt der 34-Jährige nicht. „Es geht um Verhandlungen und Sanktionen. Sonst geht ein demokratisches Land unter.“ Am liebsten, sagt Georgii Zantaria, „würde ich aufwachen und feststellen: ,Es war nur ein böser Traum.‘ Aber das ist wohl ein Traum.“

DK