Auftritt der Couplet-AG
Boshafte Pointen und bissige Parodien

Vier Kabarettisten feiern in Riedenburg ein Hochamt der Satire

26.02.2024 | Stand 27.02.2024, 10:07 Uhr

Sie packen scharfsinnige Politik- und Gesellschaftssatire in funkelnden Humor: Die Couplet-AG beim Auftritt in Riedenburg. Foto: Erl

„Haaam sie meine Flasche gsehn“ krächzt Jürgen Kirner nervig-schrill gleich schon in den ersten Minuten von der Bühne des Fuchsstadels herab in den fast schon übervoll besetzten Saal. Eine leere Bierflasche baumelt an seinem Gehstock, Bademantel und überreizte Mimik weisen ihn als schrulligen Rentner aus. Sein Publikum kennt diese Bühnenfigur, denn Kirner und seine Couplet-AG sind öfter schon hier zu Gast gewesen.

Am Freitagabend sind Kirner, Bianca Bachmann, Bernhard Gruber und Berni Filser mit ihrem Jubiläumsprogramm „30 Jahre Couplet AG“ zurückgekehrt. Als mittlerweile erfolgreichste Musikkabarettgruppe Süddeutschlands füllen sie selbst in München große Hallen, im Fuchsstadel kehrt der in Hemau aufgewachsene und in Riedenburg zur Schule gegangene Kirner sozusagen an seine Wurzeln zurück.

Seinen Bühnenerfolg verdanken Kirner und seine Truppe nicht zuletzt solchen skurrilen Typen wie dem flaschensammelnden Rentner, über die er seine scharfsinnige Politik- und Gesellschaftssatire mit funkelndem Humor und beißendem Hintersinn ins Publikum impft. „Sei dankbar unserem Staat, weil er für solche Sachen das Flaschenpfand erfunden hat“, ätzt er über die Altersarmut im zunehmenden Rentenfiasko.

Mit hinterfotziger Ironiegegen die Welt der Sektierer

Die Kunst seiner Satire ist, die Leute trotz aller Bissigkeit nicht in Trübsinn verfallen zu lassen. Der Schlüssel dafür ist, heimelig-gefällige Melodien mit bittersüßen, nadelspitzen Texten voller Schalk und Hintersinn zu kombinieren. Die Aktionen der Klimakleber samt pikanter Nebenaktionen kam ihm dafür gerade recht. „Unser Nachbarsbua heißt Uhu-Pattex Schmidt, er durfte schon als Sperma zum Klimakleben mit“, singen Kirner und Bachmann im traulichen Duett und parodieren in sprühend-spritzigen Verszeilen voll hinterfotziger Ironie die Welt manch ideologischer Sektierer.

Bachmann und Kirner lassen den Besuchern kaum Zeit, die Pointen und bissigen Parodien auszukosten. In kurzer Taktfolge dengeln sie die nächsten Themen wie Lobbyismus, Verführungen der Zuckerindustrie und immer wieder die vielen Variationen des menschlichen und partnerschaftlichen Miteinanders mit gezielten verbalen Hammerschlägen bis zur Gluthitze. „Dick ist schick und fett ist nett“, witzeln beide und raten zu süßem kollektivem Glücklichsein.

Meister sind Kirner und Bachmann auch im schnellen Umziehen, für fast jeden Sketch müssen sie dazu rasch hinter die Bühne. Berni Filser füllt die Lücke als stylischer moderner Influencer auf der Suche nach Followern. „Ich motiviere meine Follower, indem ich zeige, dass ich blöder bin als sie“, verrät er sein Erfolgsrezept. Als „Running Gag“ treten auch Bernhard Gruber und Kirner in den Übergängen mit kurzen, aber bissig-ätzenden Parodien im Stil von „Da bin i dahoam“ auf. Dabei scheuen sie weder vor Politik und deren Hintergrundstrukturen, vor Kirche und den Missbrauchsfällen noch vor den Untiefen zwischenmenschlicher Beziehungen zurück.

Kirner und Bachmann könnten das ideale Langzeit-Ehepaar sein, zumindest spielen sie diese Rollen in jahrzehntelanger Couplet-AG-Gemeinschaft höchst überzeugend. „Lass uns am Abend müde sein“, singen sie als Landwirtsehepaar in schmutzigen Latzhosen und Gummistiefeln, um der gemeinsamen Ödnis ausweichen zu können. Süffisant überlegen sie in einem wundervoll gesungenen Duett, ob sie den Saustall zu einem Swingerclub ausbauen oder lieber einen Wallfahrtsort gründen sollen. „Dann ham ma endlich Abwechslung und schaun den andern zu“, lautet der viel beklatschte Schlussrefrain.

Der bitter-schwarze Humorwird köstlich verpackt

Manche Programmpunkte aus 30 Jahren Couplet-AG erhalten im Jubiläumsprogramm eine top aktuelle Auffrischung, andere sind einfach zeitlos gut und viele direkt am Puls der Zeit. „Als die Kraft zu Ende ging war es kein Sterben – es war Erlösung“, trägt Kirner als Trauerschärpe in einer Rolle als letztes SPD-Ortsmitglied um den Hals. Erschüttert berichtet er von seinem Alptraum dazu. „Ich stehe am Schlachthof und Sarah Wagenknecht am Bolzenschussapparat“ erzählt Kirner zu Lachsalven aus dem Saal. „Mit Willi Brandt gab es noch Charakterköpfe – aber wenn Saskia Esken heute auf die Knie fällt, dann ruft man höchstens die Rettung“, beißt er satirisch nach und wieder jubeln die Leute zum bitterschwarzen, köstlich verpackten Humor.

Nach zwei Stunden Musik- und Satire-Hochgenuss will das Publikum seine Stars natürlich nicht gehen lassen. Drei Zugaben und eine Couplet-Premiere vorab aus der nächsten Brettlspitzen-Sendung sind fällig, bis die Leute mit einem gemeinsam gesungenen „Oh wie herrlich ist das Leben“ als Schlusslied aus dieser Musiksendung zufrieden sind.

err