Im Einsatz für Indigene

Shalom-Aktionen richteten ihren Blick 1989 und 2013 auf die prekäre Situation in Brasilien

04.11.2022 | Stand 04.11.2022, 21:00 Uhr

2013 freute sich der AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden über die Vergabe an Padre da Silva, ein unerschrockener Kämpfer für die Menschenrechte in Brasilien. Foto: AK Shalom/Archiv

Von Dagmar Kusche

Eichstätt – Viele der zwischen 1982 und 2021 vergebenen Shalom-Preise an Menschen, die sich unerschrocken und beharrlich für Menschenrechte und Frieden einsetzen, haben nichts an Aktualität verloren, ja könnten heute ebenso wie vor Jahrzehnten überreicht werden. Dazu zählen die Auszeichnungen von 1989 an den Theologen Paolo Süss, der den Shalom-Preis stellvertretend für den Indigenenmissionsrat CIMI und die indigenen Völker Brasiliens entgegennahm, sowie an Padre Joanil da Silva 2013, den der Arbeitskreis (AK) Shalom für seine Arbeit in der CPT, der Kommission für Landpastoral, würdigte. Beide Shalom-Preisträger stehen für die bis heute drängendsten Konflikte in Brasilien, die nach wie vor Ursache von Marginalisierung, Ausbeutung, Armut und Gewalt sind: die Situation der indigenen Bevölkerungsgruppen und die ungleiche Verteilung des Landbesitzes.

„Keinen Zentimeter Land mehr an Indigene“, hatte Brasiliens Präsident, Jair Bolsonaro, vor seiner Wahl 2018 gesagt. Während seiner Amtszeit, die vor wenigen Tagen mit der Wahl des ehemaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei PT endete, schwächte Bolsonaro die Institutionen zum Schutz der Indigenen gezielt und förderte die Freigabe ihrer Territorien für den Bergbau und die Rodung. „In Brasilien erleben wir die programmierte Ausrottung indigener Völker, die sich in Freiheit oder in freiwilliger Isolation befinden, weil die Bundesregierung vorsätzlich zulässt, dass diese Völker massakriert werden“, prangerte im März 2022 der Indigene Missionsrat (CIMI) das Verhalten der brasilianischen Regierung vor dem Genfer Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (UN) an.

1989: Lange Diskussion über Preisvergabe

Für die Arbeit des 1972 auf dem Höhepunkt der Militärdiktatur gegründeten CIMI (Conselho Indigenista Missionário), einer mit der Nationalen Brasilianischen Bischofskonferenz verbundenen Kommission, die sich vor allem als Rechtsbeistand für die von Seiten der Regierung ignorierten Rechte der Ureinwohner einsetzt, verlieh der AK Shalom 1989 seinen damals sechsten Preis stellvertretend an den bekannten, heute 84-jährigen Befreiungstheologen Paolo Süss, der über viele Jahre Generalsekretär und später theologischer Berater der CIMI war. Sein Einsatz für die Rechte der indigenen Völker Lateinamerikas zeigte sich auch in der Gründung und Herausgabe einer Zeitschrift zur Verteidigung der Rechte der Indigenen und der Landlosenbewegung in Brasilien. Unvergesslich ist die Preisverleihung 1989 für den Eichstätter Theologiestudenten Hubert Hirt, von 1983 bis 1991 Mitglied im AK Shalom und aktiv an der Shalom-Aktion 1989 beteiligt.

Denn lange setzten sich Hirt und seine Shalom-Mitstreiter mit der Frage auseinander, wer den Preis erhalten sollte. Der Theologe und CIMI-Präsident Erwin Kräutler, Missionar und von 1981 bis 2015 Bischof und Prälat von Xingu, der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens, bekannt auch als „Amazonas-Bischof“, äußerte dann den ausdrücklichen Wunsch: Der Indigenen-Missionsrat CIMI, vertreten durch Pater Paolo Süss, solle den Shalom-Preis erhalten.

Wie 1989 kämpft der Indigene Missionsrat bis heute für die Rechte und Lebensperspektiven der rund 240 indigenen Gruppen, die es heute noch in Brasilien gibt – oftmals unter Morddrohungen, wie sie auch Bischof Kräutler wiederholt erhielt. Mehrere seiner Mitarbeiter wurden brutal ermordet. Doch seit der Militärdiktatur (1964-1985) erlebt die indigene Bevölkerungsminderheit Brasiliens heute die schwerwiegendste Bedrohung ihrer Land- und Lebensrechte: systematische Menschenrechtsverletzungen, Verfolgungen, Vertreibungen und Gewalt durch Holz- und Agrarindustrie, Bergbau und den Energiesektor sind weiterhin an der Tagesordnung – nicht selten unter staatlicher Beteiligung. Daher tragen die Aktiven der CIMI ihre Forderungen nun mit Nachdruck in internationalen Gremien vor und machen deutlich, dass sie internationale Unterstützung brauchen, damit ihre Rechte endlich respektiert werden. Auch in Eichstätt und Region durch die Verleihung des Shalom-Preises die Aufmerksamkeit auf die dramatische Situation der Indigenen zu richten, war daher 1989 von großer Bedeutung für die Arbeit des CIMI.

CPT-Organisation und Padre da Silva: „Mutige Menschen“

Eng verknüpft mit der prekären Situation der indigenen Bevölkerung und dem Shalom-Preis von 1989 ist ein weiteres drängendes Problem in Brasilien: die Landfrage. Auf die extrem ungleiche Landverteilung lenkte der AK Shalom 2013 die öffentliche Aufmerksamkeit, als er den Friedens- und Menschenrechtspreis an Padre Joanil da Silva, damals Regionalkoordinator der Amazonasregion Pará für die ökumenisch ausgerichtete Organisation CPT, die Kommission für Landpastoral, verlieh: „Für mich ist Padre da Silva einer der beeindruckendsten und mutigsten und dabei so bescheidenen Menschen, die ich je erlebt habe“, erinnert sich Ulrike Schurr-Schöpfel vom AK Shalom. Die 1975 von der brasilianischen Bischofskonferenz gegründete CPT kann als langjährige Unterstützerin der Kleinbauern, Landlosen und Ureinwohner Brasiliens gelten, aus der eine der bedeutendsten sozialen Bewegungen Brasiliens, das Movimento sem Terra (Bewegung der Landlosen) hervorging.

Beim Shalom-Festakt 2013 veranschaulichte auch Padre Paulo Joanil da Silva die alltäglichen Gefahren wie Bedrohung, Vertreibung und todbringende Gewalt beim fortwährenden Kampf um Land, von dem sich 80 Prozent in Händen von 10 Prozent der Brasilianer konzentriert. Kleinbauern werden von Großgrundbesitzern verdrängt; die Regierung verfolge Großprojekte wie Staudämme oder Flussumleitungen zugunsten von Minenbesitzern und Industrie. Riesige Monokulturen – etwa für den Anbau von Soja als Masttierfutter oder für die Produktion von Bio-Ethanol als Beimischung für Benzin – ruinierten die Böden und zerstörten die wertvolle Biosphäre des Regenwaldes für immer.

Da Silva klagte auch Sklaverei im Amazonasgebiet an und betonte die Rolle der Kirche als Fürsprecherin der Armen, die an der Seite der rechtlosen indigenen Völker Brasiliens stehen müsse. „Die schlimmste Schande ist die Rechtlosigkeit der indigenen Bevölkerung und die Straflosigkeit der Grundbesitzer“, betonte Padre Paulo Joanil da Silva 2013. Daran dürfte sich bis heute wenig geändert haben. Denn bis heute gab es in Brasilien keine Agrarreform – eine Reform, für die die gerade gewählte Arbeiterpartei PT mit ihrem jetzt wiedergewählten Präsidenten Lula immer gekämpft hat.

Preisträger 2022

Mit dem Shalom-Preis wird der ehrenamtliche Eichstätter Arbeitskreis in diesem Jahr das Youth Peace Ambassadors Network (YPAN) auszeichnen. Bei dem pan-europäischen Netzwerk handelt es sich um eine internationale Gruppe junger Engagierter mit über 100 Mitgliedern aus rund 30 Ländern, deren Ziel es ist, Menschenrechte durch Bildung, Lobbyarbeit und andere gewaltfreie Aktionen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu fördern.

Die Verleihung wird am 10. Dezember 2022 im Holzersaal der Sommerresidenz der KU stattfinden. Um Spenden wird gebeten: Katholische Hochschulgemeinde, Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte eG, IBAN: DE 34721608180109620320; Stichwort „Shalompreis 2022“. Die Spenden fließen ausschließlich in die Dotierung des Preises.

EK