Beilngries

Kein Job, sondern eine Berufung

Verbands-Versammlung in Beilngries: Drechsler berichten von ihrem besonderen Handwerk

24.05.2022 | Stand 24.05.2022, 16:48 Uhr

Stolz auf ihr Handwerk sind Katharina Lachermeier (von rechts – im Hintergrund das Zunftzeichen der Drechsler), Markus Günther und Wolfgang Miller. Foto: Adam

Von Regine Adam

Beilngries – Die Gefahr, sich zu infizieren, ist groß: Wer sich länger als zehn Minuten mit den Drechslermeistern Katharina Lachermeier aus Beilngries, Markus Günther aus Filderstadt und Wolfgang Miller aus Maßbach über ihren Beruf unterhält, der wird schnell überzeugt, dass das Drechsler-Handwerk durch nichts zu übertreffen ist. Sei es bei der eigenen Kreativität, die man spielen lassen könne, sei es bei der ständigen Bewegung, durch die das Fitness-Studio locker ersetzt werde. Außerdem braucht es keine Entspannungskurse, denn das „Sprühen der Späne“ habe wunderbar meditative Wirkung. Nicht zuletzt werde der Geist bis ins hohe Alter wach und fit gehalten, beim Drechseln muss man mitdenken – und „es geht immer, auch dann noch, wenn andere schon längst im Ruhestand sind“. Aufwändige Hobbys neben dem Drechslerberuf sind überhaupt nicht nötig: „Drechsler ist kein Job, das ist ein Beruf. Das kommt von Berufung und macht einfach Riesenspaß. Und wenn man etwas gern macht, dann ist es nicht mühsame Arbeit, sondern läuft wie von alleine“, schwärmt Wolfgang Miller.

In Beilngries fand vor Kurzem der 141. Deutsche Drechslertag statt. Im Vorfeld der viertägigen Veranstaltung durfte sich unsere Zeitung einen kleinen Einblick in das Drechsler-Handwerk verschaffen, nicht nur über die erwähnten vielen positiven Aspekte, sondern doch auch über Schwierigkeiten und nicht zuletzt über Hoffnungen für die Zukunft.

Katharina Lachermeier arbeitet neben ihrem Drechslerberuf zudem in der familiengeführten Schreinerei, Wolfgang Miller ist noch Fachlehrer an der Berufsschule Bau, Holz und Farbtechnik in Bad Kissingen und stellvertretender Bundesinnungsmeister im Drechslerhandwerk, Markus Günther engagiert sich als Landes-Innungsobermeister von Baden-Württemberg und im Arbeitskreis Europadrechsler. Geballte Fachkompetenz also und alle drei haben die große Hoffnung, „dass unserem Handwerk wieder so viel Wertschätzung entgegen gebracht wird, dass auch künftige Generationen sich für diesen Beruf entscheiden und davon leben können“. Erste Schritte dazu sind getan, sagt Wolfgang Miller. Einer davon ist, dass das Drechsler-Handwerk im Frühjahr 2018 als immaterielles Kulturerbe eingetragen wurde. So finde das Drechseln „Anerkennung als sehr beständiges, wandlungsfähiges und innovatives Handwerk“. Zweiter und wohl noch wichtigerer Schritt: die „Rückvermeisterung“. Unter dem sperrigen Begriff verbirgt sich ein wichtiger Vorgang: 2004 wurde die Meisterpflicht für Handwerksbetriebe abgeschafft, ab diesem Jahr konnte sich jeder ohne meisterliche Qualifikation selbstständig machen und seine Arbeiten anbieten. Dass das nicht funktionierte, fachliches Wissen oft fehlte, viele Betriebe schnell wieder verschwanden, Kunden unzufrieden waren, kam auch bei der Politik an. Und so wurden immerhin zwölf Handwerkszweige wieder mit der Meisterpflicht versehen – rückvermeistert –, einer davon das Drechsler-Handwerk. „Sehr, sehr wichtig“, bestätigen alle drei Drechslermeister übereinstimmend. Die zuverlässig hohe Qualität sei gerade das Aushängeschild aller ihrer Arbeiten, von Kunsthandwerk bis zu großen Serienteilen. „Die Qualität muss tipp topp sein, das ist klar, dann erkennen Kunden auch Preise für Handarbeit an. Die Ansprüche der Kunde sind gestiegen, man muss auf Zack sein und technisch fit, dann geht das gut“, sagt Markus Günther. Er verkauft seine hochwertigen Produkte auf Kunsthandwerkermärkten oder direkt in der Werkstatt, nie nur online, denn: „Direkte Beratung ist etwas wert, das darf man nicht vergessen.“ Wichtig ist allen: Auch wenn mittlerweile CNC-Maschinen in der Werkstatt Einzug gehalten haben, „ohne das Wissen und die Handarbeit eines Drechslers funktioniert es nicht“.

Und genau da liegen die Sorgen. Das Drechsler-Handwerk sucht Nachwuchs, wie viele andere Handwerksberufe auch. Deshalb sei es sehr wichtig, dass Betriebe für Auszubildende werben, Meister gern ausbilden und sich die Zeit nehmen, ihr Wissen weiterzugeben, sagt Wolfgang Miller. „Das ist ja oft sogar ein großer Gewinn für beide Seiten. So ein junger Mensch hinterfragt, schlägt bestenfalls auch mal einen anderen Weg vor. Davon kann der alte Meister genauso Neues lernen, wenn er sich darauf einlässt, wie der junge Auszubildende das alte Handwerk“, ist er sich sicher. Katharina Lachermeier bestätigt das gern: „Ich habe einen Praktikanten, der im Herbst mit einer Schreinerlehre bei uns beginnt und auch das Drechsler-Handwerk lernen will. Er hat mir wirklich einen Schubs gegeben, mir selbst wieder mehr Zeit für meine Drechselleidenschaft zu nehmen, neben den Arbeiten in der Schreinerei.“

Einen „Schubs“, davon ist Wolfgang Miller überzeugt, erhalten alle Drechsler immer auch durch die jährlichen Verbandstreffen, die in den Corona-Jahren sehr gefehlt hätten. Der Erfahrungsaustausch an den Tagen, die Fachgespräche und auch der gesellschaftliche Teil mit Gleichgesinnten motiviere und bestätige. Denn das sei klar, beschreibt Markus Günther: „Wenn wir mit Blumen vergleichen, dann haben wir eindeutig die Orchidee unter den Berufen.“

UMFANGREICHES PROGRAMM

Das laut gesungene „Grüß euch Gott miteinander“ von Wolfgang Miller vertrieb schnell jede Müdigkeit, die vielleicht nach dem Mittagsessen aufgekommen wäre. Die Jahresversammlung des Verbands des Deutschen Drechsler- und Holzspielzeugmacher-Handwerks am frühen Nachmittag war Mittelpunkt eines viertägigen Programmes, zu dem eine Vorstandssitzung, ein Drechslerstammtisch und ein umfangreiches Rahmenprogramm für die deutschlandweit angereisten Drechsler und ihre Begleitungen vorbereitet worden waren. „Gastgeberin“ Katharina Lachermeier hatte eine Führung durch das Brauereimuseum, eine Führung durch die Altstadt von Beilngries, einen Ausflug nach Eichstätt zum Jura-Museum, eine Busfahrt nach Kelheim zur Befreiungshalle mit Schifffahrt zum Kloster Weltenburg und vieles mehr organisiert. Zudem war viel Zeit für gemeinsame gesellige Stunden eingeplant.

Bei der Jahresversammlung begrüßten sowohl Bürgermeister Helmut Schloderer (BL/FW) als auch Landrat Alexander Anetsberger (CSU) die Gäste in der Altmühlstadt. Die gesangliche Einlage zur Sitzungseröffnung kam offenbar bestens beim Stadtoberhaupt an, denn Schloderer versicherte: „Das werde ich mir für die nächste Stadtratsitzung mal überlegen.“ Dann stellte er Beilngries kurz vor und lud die Drechsler ein, „gern auch einmal mit Familie unsere schöne Stadt für einen Urlaub zu besuchen“.

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