„Ausschließen kann man nichts“
Interview: Eichstätter Ex-Brigadegeneral Ulrich Heider über die Bundeswehr

18.05.2024 | Stand 18.05.2024, 19:00 Uhr

Brigadegeneral Ulrich Heider lebt seit 20 Jahren in Eichstätt. Nach Grundausbildung, Offiziersschule und Flugabwehrraketen-Offizierausbildung in den USA arbeitete er in Paris und im Nato-Hauptquartier im belgischen Mons ebenso wie im Planungsstab des Verteidigungsministeriums. Außerdem war er Verbindungsoffizier bei Bundespräsident Roman Herzog. Foto: Schneider

Nicht erst seit Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) eine groß angelegte Reform verkündet hat, steht sie im Fokus: die Bundeswehr. Schon seit dem Beginn des Ukrainekrieges gibt es Debatten – über Ausrüstung, Wehrpflicht, Verteidigungsfähigkeit. Nach wie vor einen guten Einblick in die Truppe hat General a. D. Ulrich Heider. Er wohnt in Eichstätt und ist hier vielseitig engagiert. Wir haben mit ihm über die Situation gesprochen.

Herr Heider, mit welchen Gefühlen beobachten Sie aktuell, wie die Bevölkerung auf die Bundeswehr blickt?
Ulrich Heider: Lange Zeit ist man seitens der Bevölkerung, wie es der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler ausdrückte, der Bundeswehr mit freundlichem Desinteresse begegnet. Durch den Auslandseinsatz war die Verbindung zur Zivilbevölkerung relativ gering ausgeprägt. Der Krieg war weit weg! Leider bedurfte es eines Krieges in Europa, um festzustellen, dass es nicht schlecht ist, Mitbürger zu haben, die bereit sind, das Land zu verteidigen. Die Bundeswehr wurde 1955 als Wehrpflichtarmee gegründet. Das Prinzip hat man bis 2011 durchgehalten.

Die Diskussion läuft, ob man nicht die Wehrpflicht wieder einführen könnte.
Heider: Ich glaube nicht, dass sie in der Form, wie sie bestanden hat, wiederkommen wird. Man hat die Kasernen, man hat das Ausbildungssystem nicht mehr. Das würde auch sehr viel Geld kosten, zusätzlich zu dem, was man sowieso für die Ausrüstung der Bundeswehr benötigt. Aber Verteidigungsminister Boris Pistorius lässt derzeit ja verschiedene Modelle überprüfen, unter anderem das schwedische Modell: Alle Jugendlichen eines Jahrgangs werden gemustert. Aus diesem gesamten Kontingent hat man dann einen bestimmten Bedarf zu decken. Dann schreibt man die Leute an und versucht, das Personal zu rekrutieren. Allerdings, unser Grundgesetz sieht die Wehrpflicht nur für Männer vor. Man wird künftig auch Frauen in die Überlegungen einbeziehen müssen, was dann jedoch eine Grundgesetzänderung erfordern würde.

Sie haben die Entwicklung der Bundeswehr in den vergangenen Jahren also durchaus mit Sorge beobachtet?
Heider: Mein Grundsatz war immer: Die Begründung für Streitkräfte in jedem Land ist die Verteidigung des eigenen Landes. Hinzu kommt bei vielen Ländern dann eben noch die Verpflichtung durch internationale Organisationen, Nato, EU, Vereinte Nationen. Wenn ein Land gut ausgebildete Streitkräfte hat, dann können sie beides, Landes- und Bündnisverteidigung und auch Auslandseinsätze. Landes- und Bündnisverteidigung und Auslandseinsätze waren gemeinsam vom Budget her nicht mehr zu schaffen. So hat man den Schwerpunkt auch aus diesem Grund auf Auslandseinsätze gelegt.

Was hat das konkret für die Bundeswehr bedeutet?
Heider: Es gab keine Einheiten, die man als homogene Einheit geschlossen in den Auslandseinsatz hätte senden können, mit allen damit verbundenen Nachteilen. Die Leute kennen sich nicht, die Ausrüstung passt zum Teil nicht. Ziel der Orientierung auf Professionalisierung der Bundeswehr war weniger die Einsatzfähigkeit als vielmehr Geld einzusparen. So hat der ehemalige Verteidigungsminister zu Guttenberg mit dem Aussetzen der Wehrpflicht etwa acht bis zehn Milliarden Euro eingespart. Bis 2015 haben wir den Verteidigungshaushalt immer reduziert. Der Verteidigungshaushalt diente immer als Steinbruch. Dann hat Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin angefangen, das Ruder umzudrehen.

Wenn Sie von Steinbruch sprechen: Sehen Sie es dann als gerechtfertigt, das Wenige, das vorhanden ist, zur Verteidigung der Ukraine zur Verfügung zu stellen?
Heider: Es blieb uns ja praktisch nichts anderes übrig. Es ist Krieg in Europa. Die Ukraine ist an alle westlichen Staaten herangetreten und hat gebeten, entsprechend zu unterstützen. Man darf nicht vergessen, dass ein Teil Material war, das die Bundeswehr gar nicht mehr im aktuellen Bestand hatte. Denken wir an den Leopard 1 oder den Gepard. Allerdings hat die Bundeswehr auch Waffen, Munition und Ausrüstung aus dem Bestand abgegeben, das jetzt ersetzt werden muss.

Nun hat Bundeskanzler Olaf Scholz aber von einer Zeitenwende gesprochen und ein Sondervermögen geschaffen.
Heider: Das ist aber inzwischen auch weitgehend verplant. Alleine die Munitionsbeschaffung wird über 20 Milliarden Euro benötigen. Munition, die wir abgegeben haben. Der Ersatz für den Tornado wird 15 Milliarden Euro kosten, Schiffe kosten. Es wird interessant werden: Die Regierung hat sich verpflichtet, zwei Prozent des Bruttosozialprodukts zur Verfügung zu stellen für die Verteidigung. Die Verteilungskämpfe haben begonnen.

Können Sie nachvollziehen, dass die Bevölkerung mit kritischem Auge auf diese Diskussion schaut – auch mit Blick darauf, dass man über die Bundeswehr eher wenig gehört hat?
Heider: Wenn man den Umfragen glaubt, möchte ich das etwas korrigieren. Ich glaube, man schaut inzwischen wohlwollend kritisch auf die Bundeswehr. 70 Prozent der Bevölkerung zeigt sich durchaus bereit, mehr zur Verfügung zu stellen und an anderer Stelle zu sparen. Da muss man natürlich überlegen: Wo ist die andere Stelle? Da gibt es sicherlich Möglichkeiten. Man wird zusätzliches Geld in die Hand nehmen müssen. Ohne das besonders herauszustellen: Der ehemalige US-Präsident Trump hat die Europäer und besonders uns damals eingehend gemahnt, mehr für die Verteidigung zu tun.

Die Sparmaßnahmen haben auch die Zahl der Soldaten reduziert.
Heider: Ich selbst komme aus der Luftverteidigung, war Flugabwehr-Raketenoffizier. Zu Zeiten des Kalten Krieges war etwa ein Drittel der Luftwaffe, über 20000 Soldaten, in der Luftverteidigung. Heute haben wir noch rund 2500, ein Geschwader Patriot mit 12 Staffeln. Früher waren es 60 Staffeln. Da fällt es natürlich schwer, Gerät abzugeben. Wir sehen jetzt in der Ukraine, wie wichtig es aber ist, vor allem die Zivilbevölkerung zu schützen.

Ist die Diskussion um einen drohenden Krieg und eine schnelle Eskalation in den Konfliktherden dieser Welt gerechtfertigt?
Heider: Ich habe in den 1990er-Jahren an der Führungsakademie des Öfteren Vorträge über Sicherheitspolitik gehalten. Man hat mich immer etwas komisch angeguckt, wenn ich gesagt habe, Russland mag im Augenblick relativ schwach sein. Es gab einen amerikanischen Präsidenten, der Russland zur Regionalmacht erklärt hat. Ich habe immer gesagt: Russland ist eine Weltmacht mit allem, was hierzu erforderlich ist: natürliche Ressourcen, geographische Ausdehnung, Menschen, den politischen Willen. Mit dem Überfall auf die Ukraine zeigt Russland das mehr als deutlich. Ich bin der Meinung, und da unterscheide ich mich von manchen Experten, die Ukraine wird den Krieg nicht gewinnen können, aber sie darf ihn nicht verlieren. Denn wenn sie ihn verliert, dann werden die Russen weitermachen. Dann kann es überall, wo es russische Bevölkerungsanteile gibt, wie in Transnistrien, Georgien, vielleicht auch in den Baltischen Staaten, problematisch werden. Ich glaube aber nicht, dass Putin bereit wäre, einen Krieg mit der Nato zu riskieren. Ausschließen kann man allerdings nichts.

Im Verteidigungsministerium ist immer Führungsschwäche kritisiert worden. Wie sehen Sie die Spitze des Ministeriums aktuell?
Heider: Alles, was Verteidigungsminister Pistorius in dem einen Jahr gemacht hat, zeugt von Führungsstärke. Man hat einen Verteidigungsminister, der etwas verändern will. Wir haben vor einigen Wochen die Reform der Bundeswehr vorgestellt bekommen, die Sinn macht, weil die Bundeswehr damit operationeller wird. Wenn ich politischer Entscheider wäre, würde ich so einen Mann als Verteidigungsminister behalten. Ich war zweimal im Verteidigungsministerium, auch im Beraterstab des Ministers. Es ist nicht einfach, dieses Ministerium zu führen.

Sie haben vorhin die zwei Prozent Wehr-Etat angerissen. Wenn jetzt der Minister statt zwei drei Prozent fordern würde: Soll das Parlament dann mitgehen?
Heider: Zwei oder drei Prozent: Alleine ein Prozent macht schon 50, 60 Milliarden Euro aus. Das sind irre Summen, die schneidet man nicht einfach aus dem Haushalt raus. Aber spätestens in zwei Jahren wird man entscheiden müssen: Welche Schwerpunkte werden gesetzt, welche Ressorts werden betroffen sein?

Wenn Sie jetzt noch einmal in einer früheren Funktion im Verteidigungsministerium wären, was wäre das Erste, was Sie dem Minister aktuell sagen würden?
Heider: Es ist wichtig, die Streitkräfte zu modernisieren. Das hat auch zu tun mit Attraktivität. Junge Leute, die in die Bundeswehr kommen, die gut ausgebildet sind und mit den modernsten Informationstechnologien umgehen können, finden zum Beispiel Funkgeräte vor, die 30, 40 Jahre alt und aus der Zeit des analogen Systems sind. Damit lockt man niemanden. Auch die marode Infrastruktur in Kasernen trägt nicht zur Attraktivität bei.



Was heißt dann „attraktiv werden“ für Sie?
Heider: Attraktiv heißt neben modernisieren, gute Bildungsangebote zu machen. Ich war überrascht, vor kurzem zu lesen, dass die Bundeswehr einer Studie zufolge als drittbeliebtester Arbeitgeber in der Bundesrepublik gilt. Und tatsächlich bietet die Bundeswehr einiges. So kann man an den Bundeswehr-Unis zwischen rund 40 Studiengängen auswählen, unter anderem Sport, Psychologie, Staats-und Sozialwissenschaften. Der junge Offizier, der studiert, bekommt sein Gehalt weiter als Soldat. Er muss sich um nichts kümmern, außer um sein Studium. Auch in der Unteroffizierlaufbahn bietet die Bundeswehr eine Vielzahl an zivil nutzbaren, beruflichen Qualifikationen an.

Und der Rat?
Heider: Die Ausrüstung modernisieren, auf Stand bringen, sodass die jungen Leute eben tatsächlich, wenn sie zum Beispiel in eine Panzerkompanie gehen, auch intakte Panzer vorfinden, Panzer, die auch fahren.