Sehnsucht nach einfachen Antworten

Forschende untersuchen im Rahmen eines Projekts den Zusammenhang von Desinformation und Affekten

19.09.2023 | Stand 19.09.2023, 20:30 Uhr

Friederike Herrmann, Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt forscht über Desinformation. Foto: Herrmann

Was macht Menschen besonders anfällig für Desinformationen und wie kann man präventiv dagegenhalten? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des neuen Forschungsprojektes „Innovative Kommunikationsstrategie zur Intervention und Prävention bei Desinformationskampagnen“ (IKIP), das Professor Friederike Herrmann als Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft koordiniert. Gefördert wird das Vorhaben durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das dreijährige Forschungsprojekt wird von vielen Partnerinnen und Partnern, beispielsweise der Media School Hamburg, unterstützt.

Zwar zieht sich die gezielte Streuung von Desinformation durch die Geschichte der Menschheit. Doch die zunehmende Digitalisierung trägt nicht nur dazu bei, dass seriöse Nachrichten jederzeit und überall verfügbar sind, sondern dass sich auch Falschinformationen rasant verbreiten. „Desinformationskampagnen benötigen dafür aber nicht nur technische Möglichkeiten. Widerhall finden sie nur, wenn ihre Inhalte und Darstellungsweisen an Bedürfnisse und Gefühle des Publikums anknüpfen“, schildert Herrmann. Einen solchen Kontext würden Narrative etwa im Hinblick auf Rassismus und Antisemitismus bieten: Die Erzählungen greifen Ängste auf und rechtfertigen diese, indem sie scheinbare Ursachen und angeblich Schuldige dafür benennen. „Solche Erklärungen können die Empfängerinnen und Empfänger erleichtern – egal, wie absurd sie bei nüchterner Betrachtung sind. Die Erzählungen bedienen affektive Bedürfnisse, doch bleibt dieser Zusammenhang meist unbewusst. Gerade in Krisensituationen haben Menschen die Tendenz, einfache Lösungen zu bevorzugen“, so Herrmann.

Die Corona-Pandemie sei ein gutes Beispiel für die Neigung, sich klare Ursachen und Schuldige zu wünschen. Doch die Informationen seien nicht eindeutig und zum Teil widersprüchlich gewesen, weil sich das Wissen um die Pandemie erst im Laufe der Zeit ausdifferenziert habe. Diese Ambiguität sei für manche Menschen gerade in Krisensituationen nur schwer auszuhalten und verursacht Ängste.

Die Kommunikationswissenschaftlerin erklärt: „Wir setzen einen Schritt vor den eigentlichen Desinformationskampagnen an und beschäftigen uns mit ihrem Nährboden. Die These dahinter ist, dass bestimmte Narrative den Boden dafür bereiten, dass Desinformation und Polarisierung bei Menschen überhaupt vergangen und sie nur noch schwer erreichbar sind für die Richtigstellung von Fakten.“

Zwar seien Narrative als Triebfeder von Desinformationskampagnen etwa zu Fragen von Migration schon eingehend Thema der wissenschaftlichen Diskussion gewesen, jedoch meist bezogen auf explizit sichtbare Inhalte. Unberücksichtigt geblieben sei bislang die subtile Wirkung von latenten Narrativen, die „gewissermaßen zwischen den Zeilen stehen und sich erst durch die Reaktion der Mediennutzenden darauf entfalten“. So schenkten Menschen einer Information eher Glauben, die ihnen bereits vertraut vorkomme, etwa weil sie häufig wiederholt wurde – ein Merkmal von Kampagnen.

Vor diesem Hintergrund haben es seriöse Informationen schwer, durchzukommen, weil sie differenzieren und keine einfachen Lösungen präsentieren. „Sie können damit nicht in gleicher Weise an bestimmte Grundmuster des Denkens und Fühlens anknüpfen und keine vergleichbare Macht entfalten“, erklärt Professorin Herrmann.

Doch mit rationalen Argumenten sei nur schwer gegen Emotionen anzukommen. Deshalb verfolgt das IKIP-Projekt einen breiteren Ansatz: „Die Funktionen der in Desinformation enthaltenen Narrative und Frames müssen in ihrer Wirkungsweise bewusstgemacht werden.“ Auch Journalisten sind, wie alle Menschen, in bestimmten Situationen anfällig für einfache Lösungen. Deshalb gehören neben Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in Hochschule und Schule auch explizit Medienschaffende zur Zielgruppe von speziellen Trainings, die dazu beitragen sollen, einfachen Antworten und Polarisierungen zu widerstehen. In Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung und der Medienakademie von ARD und ZDF sollen außerdem Konzepte entstehen, die im Journalismus Orientierung dafür bieten, wie sich Desinformationskampagnen in sozialen Medien, Nutzerkommentaren oder der Berichterstattung entgegenwirken lässt.

Die Entwicklung der Präventions- und Interventionsmaßnahmen beruht auf Fragebogen- und Interviewstudien der IKIP-Forschenden zu den psychischen Faktoren, die für Desinformation anfällig machen.

Bisher gebe es, wie Herrmann schildert, erst relativ wenig Forschung dazu, welche Personen in besonderer Weise für Desinformationskampagnen anfällig sind; der Zusammenhang der Empfänglichkeit für bestimmte Narrative aufgrund spezifischer psychischer Dispositionen wurde bislang noch nicht untersucht. Gerade in Krisensituationen neigen manche Menschen zu einfachen Antworten und schablonenhaftem Schwarz-Weiß-Denken, das durch Angstnarrative und Verschwörungserzählungen bedient wird, so Herrmann. Menschen mit geringer Ambiguitätstoleranz würden unerwartete, schwer kontrollierbare Situationen oft als Bedrohung wahrnehmen.

Vom Wunsch nach Eindeutigkeit ist es nicht weit zu einfachen Antworten, wie sie von den Verschwörungserzählungen und Desinformationskampagnen geliefert werden. Sie stellten den Versuch dar, Ambiguität gar nicht erst spürbar werden zu lassen, und seien damit eine Triebkraft für radikale Einstellungen sowie eine Bedrohung für die Demokratie. „Denn die psychische Entlastung erfolgt um den Preis einer verzerrten Wahrnehmung der Realität und damit verbundenen Einschränkungen der Handlungsoptionen.“

upd