Eichstätt

Damit die Orgeln wieder kraftvoll erklingen

Martin Bernreuther ist seit 20 Jahren Amtlicher Orgelsachverständiger im Bistum Eichstätt

31.05.2022 | Stand 31.05.2022, 9:01 Uhr

Schlichte, moderne Optik: Die Orgel in der Pfarrkirche von Roth hängt wie ein Gemälde an der Wand. Umrahmt wird das Instrument von einer LED-Beleuchtung. Die Schleifladenorgel hat 24 Register, zwei Manuale und ein Pedal Fotos: Schönach, Wissing/pde, Staudt/pde

Von Lina Schönach

Martin Bernreuther weiß, wie verstimmte, verschmutzte und veraltete Orgeln wieder kraftvoll erklingen. Seit 20 Jahren arbeitet der Eichstätter als Amtlicher Orgelsachverständiger. Jedes Projekt hat für ihn seinen Reiz.

Mit Holzwürmern, toten Fliegen und Fledermäusen setzt sich Martin Bernreuther öfter auseinander. „Wenn bei Umbauten Brocken in die Pfeifen fallen oder Wasser etwas beschädigt, macht es das besonders schwer“, sagt der 52-Jährige. Seit 2002 ist er Domorganist, stellvertretender Diözesanmusikdirektor – und Amtlicher Orgelsachverständiger im Bistum Eichstätt. Er besetzte die Stelle, nachdem sich der ehemalige Domkapellmeister Wolfram Menschick in den Ruhestand verabschiedet hatte.



150 Reinigungen, Renovierungen und technische Instandsetzungen, 50 Restaurierungen und 15 Neubauten hat Bernreuther, der an der Staatlichen Hochschule für Musik in München Katholische Kirchenmusik und Konzertfach Orgel studiert hat, begleitet. „Meistens melden sich die Mitglieder der Kirchengemeinde. Sie bemerken zuerst Auffälliges an den Instrumenten.“ Die Beteiligten vereinbaren einen Termin vor Ort.

Spezialmittel oder Staubsauger

Der 52-Jährige findet heraus, warum die „Königin der Instrumente“ verstimmt ist, Tasten ausgefallen sind oder Bauteile nicht funktionieren. „Ich überprüfe Augenscheinliches und höre hin.“ Häufig genügt es, dass Bernreuther nach seiner Einschätzung eine Orgelbaufirma kontaktiert, die Elemente und Pfeifen von Hausstaub oder toten Tieren befreit. Die aus Holz saugen die Expertinnen und Experten ab und säubern sie mit feuchten Tüchern. „Bei stark angegriffenen Metallpfeifen kommen spezielle Mittel zum Einsatz.“

Restaurierungen sind komplizierter: Meist in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalschutz sollen möglichst viele Originalteile erhalten bleiben. Man greife nur ein, wenn es absolut notwendig sei. Abgespielte Tasten tauschen die Fachleute aus. Ist eine Pfeife – beispielsweise durch den Holzwurm − so beschädigt, dass sie kaum einen Ton von sich gibt, „müssen die Firmen diese mit Harz ausgießen“.

In manchen Fällen bleibt nur der Neubau einer Orgel. Bernreuthers letztes Projekt – in der Wolkertshofener Dorfkirche „Sankt Quirinus“ – liegt fünf Jahre zurück und war eines der kleinsten. Nach einem langen Prozess hat sich die Gemeinde entschieden, in ein neues Instrument zu investieren. Die alte Orgel sei qualitativ schlecht und manche Teile schwer zugänglich gewesen – das hatte Reparaturen kompliziert gemacht. Die Dresdner Fachfirma Kristian Wegscheider hat ein Instrument im Stil der sächsischen barocken Silbermannorgeln realisiert. „Manche Projekte werden nach langer Zeit endlich gut“, freut sich Bernreuther über das Ergebnis. Rund 160000 Euro hat das Instrument gekostet. Bei guter Qualität müsse man mit einem Registerpreis von 20000 Euro rechnen.

Dieser gilt für Stilkopien und moderne Instrumente: In höchsten Tönen schwärmt Bernreuther von der „Gemälde-Orgel“ in der Pfarrkirche „Mariä Aufnahme in den Himmel“ Roth, um die eine LED-Beleuchtung herumläuft. Dadurch wirke es, als schwebe das Instrument im Raum. „Wir haben uns 2012 für einen zeitgenössischen Entwurf von Orgelbau Claudius Winterhalter aus dem Schwarzwald entschieden, weil die Kirche modernisiert worden war.“ Die Vorschläge für neue Orgeln machen die Fachfirmen; Bernreuther und die Kirchenstiftungen geben Ideen. „Ich beziehe die Architektur und den Klang in meine Überlegungen ein.“ Das solle harmonieren.

Um als Amtlicher Orgelsachverständiger Vorschläge und Einschätzungen zum Zustand der Instrumente abzugeben, hat Bernreuther in Ludwigsburg an der Oscar-Walcker-Schule Blockkurse besucht. Im Studium habe man Orgelbaukunde, „es fehlt die Praxis und das tiefere Wissen“. Während der Seminare bauen die angehenden Expertinnen und Experten Pfeifen, um die Funktion zu verstehen. „Die aus Holz dauert nicht so lange – vielleicht eine Stunde.“ An der aus Metall ist Bernreuther länger gesessen. Die einzelnen Teile hat er ausgeschnitten und verlötet. Altdeutsche Inschriften, die in den Instrumenten auftauchen, entziffert der 52-Jährige, weil er in Ludwigsburg Sütterlin und Kurrent gelernt hat. „Es sieht nicht schön aus, aber ich kann es schreiben“, sagt er und schmunzelt. Die lateinische Aufschrift „organis cantate domino cantica“ („mit Orgeln spielt dem Herrn Lieder“) hatte der 52-Jährige auf der historischen Hepp-Orgel der Wallfahrtskirche „Herz Jesu“ in Velburg (Landkreis Neumarkt) entdeckt, bevor eine Firma diese restaurierte.

Als Amtlichem Orgelsachverständigen wird Bernreuther die Arbeit nicht ausgehen: 600 Pfeifenorgeln stehen in den Pfarr-, Filial-, Kuratie-, Expositur- und Klosterkirchen des Bistums Eichstätt. Hauptsächlich gestaltet der Domorganist die Liturgie des Domkapitels, des Bischofs und der Dompfarrei – derzeit in der Schutzengelkirche. Konzerte spielt und organisiert der 52-Jährige ebenfalls. Eines seiner Highlights: Vor 5000 Menschen musizierte er im Kölner Dom. Ob er nach vielen Jahren aufgeregt war? „Das war prickelnd“, sagt der gebürtige Waldsassener und lacht.

„Altes erhalten, Neues erschaffen“

In Erinnerung geblieben ist ihm ein Auftritt im vergangenen Jahr in der Warschauer Johanneskathedrale. „Als deutscher Organist an dem Tag, an dem die Menschen des Warschauer Aufstands gedenken, zu spielen, ist tiefgehend.“

Bernreuther möchte die Orgel als „Königin der Instrumente“ an die nachfolgenden Generationen weitergeben – das ist sein Ziel als Organist und als Amtlicher Orgelsachverständiger. „Altes und Wertvolles erhalten, Neues und Kreatives erschaffen. Das ist spannend.“ Holzwürmer, tote Fliegen oder Fledermäuse halten den 52-Jährigen nicht auf.

Zur Person

Nach dem Abitur in Tirschenreuth absolvierte Martin Bernreuther die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Hochschule für Musik in München. Dort erwarb er die Abschlüsse Kirchenmusik Diplom A, Künstlerisches Diplom „Mit Auszeichnung“ und das Meisterklassen-Diplom. Als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ging Bernreuther im Anschluss nach Paris. Unter anderem wurde der Eichstätter Domorganist vor seiner Tätigkeit im Altmühltal zum Professor für Orgel und Improvisation an die Hochschule der Künste der Katholischen Universität von Porto, Portugal, berufen. Bernreuther ist verheiratet und hat zwei Kinder.

EK