Affen, Handys und die eigene Endlichkeit
25 Jahre Little Smile: „Das Beste, was ich aus meinem Leben machen konnte“

22.06.2024 | Stand 22.06.2024, 19:00 Uhr |

Michael Kreitmeir ist glücklich, mit Little Smile vielen Mädchen eine Zuflucht zu geben, so wie er es vor 25 Jahren seinem Sohn Manuel versprochen hat. Fotos: Kreitmeir

„25 Jahre hinterlassen viele Spuren – im Land, in den Kindern und im Herzen“, sagt Michael Kreitmeir, wenn er an die Anfänge seines Kinderdorfs in den Bergen Sri Lankas blickt. Am 7. Dezember 1999 hatte der gebürtige Eichstätter und frühere TV-Journalist mit Unterstützung aus seiner alten Heimat dort drei Kinderhäuser eröffnet. Jetzt sind es 29 Häuser und es ist ein fast autarkes Dorf entstanden, das über 1000 Menschen ernährt und vor allem 100 Mädchen und ein paar Buben Schutz, Sicherheit und eine Zukunft bietet.

Auf 800 Metern Höhe und nur umgeben von Bergwäldern erstreckt sich das Dorf auf vielen Hektar Land. Wer von ganz unten zu den letzten Häusern ganz oben gelangen will, muss immerhin 350 Höhenmeter überwinden. „Es ist eigentlich ein Paradies“, sagt Kreitmeir. Ein Paradies, das mehr und mehr bedroht wird: „Unser größtes Problem ist derzeit die riesige Affenpopulation und die zunehmende Abholzung der Lebensräume dieser Tiere“, erzählt Kreitmeir. Horden mit täglich über 500 Affen ziehen durch das Dorf und lassen vieles verwüstet zurück. „Das ist ein existenzielles Problem“, sagt der 57-Jährige. Mit wilden Elefanten, Wildschweinen und Stachelschweinen komme die Gemeinschaft klar. Doch nicht mit den immer größer werdenden Affenherden. „Ich fühle mich wie in einer Arche Noah, die untergeht, und mir fehlt der Gleichmut zuzuschauen.“

Und auch für die Mädchen, denen Little Smile Schutz bieten will, werden die Bedrohungen von außen größer. „Fast alle Mädchen haben körperliche, aber auch sexuelle Gewalt erlebt, alle haben einen schrecklichen Hintergrund“, sagt Kreitmeir. Mädchen, die zum Beispiel schon mit 14 Jahren Kinder bekommen und gar nicht in der Lage sind, sie zu behalten. „Mit viel Glück kommen die Mädchen nach einem oft jahrelangen Martyrium zu uns, aber die Kinder in staatliche, geschlossene Einrichtungen, die eher Gefängnisse sind.“ Ein Grund, warum in Little Smile zunehmend auch kleine Kinder aufgenommen werden. Die jüngsten sind gerade einmal drei Jahre alt und bleiben, bis Kreitmeir sie nach vielen Jahren an einen anständigen Arbeitgeber vermitteln und guten Gewissens in ein völlig eigenständiges Leben entlassen kann.

Doch schon lange davor lauert die Gefahr. Eine Gefahr, die Little Smile bisher nicht kannte: Handys, die Kreitmeir den älteren Mädchen natürlich nicht verbieten kann. „Hier versprechen die Typen den jungen Mädchen das Blaue vom Himmel, spielen ihnen Liebe vor und versuchen, sie unter ihre Kontrolle zu bringen.“ Viele Mädchen träumen sich in eine Bollywood-Kultur und hoffen auf unerfüllbare Wünsche. „Wenn sie sich dann auf die Männer einlassen, landen sie wieder in einer Spirale aus Gewalt und vielleicht sogar Prostitution.“

Um dagegen anzukommen, helfe nur Bildung. Doch die staatlichen schulischen Angebote schildert Kreitmeir als desaströs. Deshalb setzt Little Smile, auch wenn die Gemeinschaft das rechtlich gar nicht dürfte, auf eigene schulische Bildung der Kinder und Jugendlichen. Darunter zum Beispiel auch auf das Erlernen von drei Sprachen: Tamilisch und Singhalesisch, die beide in Sri Lanka gesprochen werden, und dazu auch noch Englisch. Zudem gehe es neben Lesen, Schreiben und Rechnen stets auch um Themen wie ihre eigene Gesundheit, aber auch den Schutz der Natur, in der sie leben. „Und was noch viel wichtiger ist, wir vermitteln ihnen Werte“, sagt Kreitmeir. „Werte, die das Fundament bilden für all das, woran ich glaube und wofür ich arbeite.“

Dazu kämen später all die Fertigkeiten und Fähigkeiten, um sie in ein eigenständiges Leben entlassen zu können. Und auf das werden sie Schritt für Schritt vorbereitet, indem sie erst nur außerhalb von Little Smile arbeiten, aber noch unter Obhut und Schutz des Kinderdorfs bleiben, bis sie sich schließlich mit einer eigenen Wohnung ganz von Little Smile abnabeln. Und Kreitmeir sieht dabei jedem Mädchen mit ein bisschen Angst, aber auch viel Freude über ihre Selbstständigkeit hinterher.

Doch mit jedem Kind, das in seine Obhut kommt, und mit jedem Mädchen, das er in sein selbstbestimmtes Leben entlässt, sieht sich Kreitmeir auch selbst altern. „Ich bin jetzt 67, ich werde keine weiteren 25 Jahre mehr haben.“ Allerdings hat er in der 37-jährigen Annkatrin Blank, die seit vielen Jahren an seiner Seite in Sri Lanka arbeitet, eine Nachfolgerin, in die er sein ganzes Vertrauen setzen kann.

Während Michael Kreitmeir vor zwei Jahren im Gespräch mit unserer Zeitung noch leise Zweifel hatte, ob er mit den damals vergangenen 22 Jahren „nicht etwas anderes hätte machen sollen“, ist er sich jetzt sicher: „Little Smile ist das Beste, was ich aus meinem Leben machen konnte.“ Und er weiß auch, dass er nicht mehr dauerhaft nach Eichstätt zurückkehren wird: „Ich werde hier in Sri Lanka sterben.“

EK