Stadtgeflüster
Vom Christkindl und Gendern

Die tägliche Glosse des Donaukurier für Ingolstadt

21.11.2023 | Stand 21.11.2023, 18:35 Uhr

Das Christkindl 2023, dargestellt von der 24-jährigen Anita Werner. Foto: Eberl

Der Ingolstädter Christkindlmarkt wird an diesem Mittwoch um 17 Uhr vom Christkindl eröffnet. In die Rolle ist diesmal Anita Werner geschlüpft, und sie ist ein echter Glücksgriff: Ihr Lächeln ist bezaubernd, ihr Wesen ist offen und freundlich. Sie wird die Herzen der Menschen im Sturm erobern, soviel steht fest.

Die 24-Jährige arbeitet beim Ausländeramt und engagiert sich ehrenamtlich. Beim Pferderennen auf dem Barthelmarkt konnten Besucher erleben, wie sie auf ihrem Haflinger im gestreckten Galopp über die Wiese preschte – im Dirndl. Eine taffe, junge Frau. Verständlich, dass sie die Jury überzeugt hat.

Alle Jahre wieder gehen etliche Bewerbungen für die Stelle ein, die der Innenstadt-Marketingverein IN-City natürlich korrekt ausschreibt: Christkindl gesucht (m/w/d). Vorsitzender Thomas Deiser hat auf Nachfrage erklärt, dass sich noch nie ein junger Mann oder eine diverse Person beworben hätten.

Wieso eigentlich nicht? Zumal das Christuskind ganz eindeutig männlichen Geschlechts ist. Wieso wird das Christkindl dann trotzdem immer und überall von weiblichen Menschen dargestellt? Was wäre, wenn ein junger Bursche den Mini-Job übernehmen und den Christkindlmarkt eröffnen würde? Könnte er die Kinderaugen nicht zum Strahlen bringen? Würde den Senioren nicht das Herz aufgehen bei seinem Besuch? Das steht in den Sternen. Eines aber ist gewiss: So ein Christkindl wäre ein Marketing-Coup für Ingolstadt.

Aber unsere Gesellschaft ist wohl noch nicht soweit, ist zu befürchten. Manche Leute laufen ja schon vor Zorn rot an, wenn sie nur ein Gender-Sternchen erblicken. Und manche Branchen sind eben fest in Frauenhand: Alle städtischen Kitas werden von Frauen geleitet. Umgekehrt stehen an der Spitze der acht städtischen Referate sieben Männer und nur eine einzige Frau – die Stadtbaurätin. Bei der Neubesetzung des Kulturreferats, so ist zu vernehmen, wird es wohl wieder auf einen Mann hinauslaufen. Immerhin regieren bei uns zwei Bürgermeisterinnen mit.

Regieren Männer besser als Frauen, haben wir die KI gefragt. Die Antwort: Die Fähigkeiten einer Person, effektiv zu regieren, hängen von individuellen Qualitäten ab und sind nicht ausschließlich vom Geschlecht bestimmt. Nicht ausschließlich? Und wie ist das mit dem Christkind? Das Geschlecht des Christkinds wird traditionell als weiblich oder geschlechtsneutral betrachtet, sagt die KI. Vielleicht wird es mal Zeit, über Traditionen nachzudenken.