Ingolstadt
Unterm Brennglas

Eindringlicher Theaterabend: Schirin Khodadadian inszeniert Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ im Kleinen Haus

11.12.2022 | Stand 17.09.2023, 21:02 Uhr

Bedrückende Enge: Judith Nebel, Sarah Schulze-Tenberge, Philip Lemke, Peter Rahmani, Enrico Spohn und Sarah Horak. Foto: Olah

Von Anja Witzke

Ingolstadt – Klaustrophobisch eng ist es hier in Ingolstadt. Die Wände trutzig. Das Hineinkommen schwer. Und die Häuser darin so gedrängt, dass man überall anstößt, sich ducken muss. Hier kann sich keiner frei hinstellen. Und schon gar nicht nach der Decke strecken. Hier wird man klein gehalten. Hier sitzt man zwischen den Stühlen. Und könnte erfrieren in der Eiseskälte – mitten im Fegefeuer.

Was für ein phänomenales Bühnenbild hat Carolin Mittler da ins Kleine Haus gebaut. Ein Edelstahl-Bunker auf Stelzen. Darin ein kleinerer, der sich beliebig verschieben, wegstoßen, anrempeln lassen kann. Das Holz darunter mutet wie das Ufer der Donau an. Denn dort liegt zu Beginn ein Mädchen. Olga wird später ins Wasser gehen. Ihr einziger Ausweg aus Schwangerschaft und Verleumdung. Oder ist das Holz nur Brennmaterial für das Fegefeuer, das im Laufe der Inszenierung zu flackern beginnt?

„Fegefeuer in Ingolstadt“ ist Marieluise Fleißers Bühnenerstling von 1924 und erzählt vom Anderssein, von Macht, Manipulation, psychosozialer Aggression in dem geschlossenen System einer Kleinstadt: Die Klosterschülern Olga ist schwanger, der Kindsvater hat sich längst eine andere angelacht und zwingt sie zur Abtreibung. Roelle, der Olga verehrt, will mit seinem Wissen um die Schwangerschaft ihre Zuneigung erpressen. Im Fegefeuer der Gesellschaft sehnen sich die beiden Außenseiter nach gegenseitiger Rettung. Doch die pubertäre Meute hat sich längst ein neues Spiel ausgedacht, um ihre Opfer psychisch wie physisch zu drangsalieren. Wer am meisten gequält wird, ist am schnellsten dabei, wenn es gegen andere geht.

Regisseurin Schirin Khodadadian hat ihrer Inszenierung am Stadttheater Ingolstadt Fleißers Erzählung „Meine Zwillingsschwester Olga“ von 1923 als eine Art Prolog vorangestellt, bildet sie doch den motivischen Ausgangspunkt für das Stück. Judith Nebel erzählt von den eigentümlichen Beziehungen, dem kindlichen Nachahmen der Erwachsenenwelt, von Grenzüberschreitungen, von Unheimlich-Unheilvollem. Wie sich der Sandner im Speicher erhängen wollte. Und dass er später ein SA-Mann wurde. Keck beginnt Judith Nebel diesen Monolog. Ein zartes Persönchen im silbernen Mini auf hohen Absätzen. Und doch reißt sie nur mit Worten ganze Abgründe auf.

Und wie ein Echo hallt die Geschichte im Stück nach: der restriktive Geist der Kleinstadt, geprägt von Katholizismus und Militarismus, die Orientierungslosigkeit der Jugendlichen, die um eine Position im sozialen Gefüge ringen, Druck mit Gegendruck beantworten und Angst in brutale Rituale transformieren, die den aufkeimenden Nationalsozialismus bereits vorwegnehmen. Fast 100 Jahre ist Fleißers Stück schon alt und zeichnet doch in Sachen Gruppendynamik und Ausgrenzung ein erschreckend aktuelles Bild.

Mit nur sieben Spielerinnen und Spielern bringt Schirin Khodadadian Fleißers „Stück über das Rudelgesetz“, wie sie es selbst nannte, auf die Bühne. Das bringt überraschende Rollenwechsel und spannende Einsichten. Denn Sascha Römisch übernimmt beispielsweise sowohl die Rolle von Vater Berotter als auch von Mutter Roelle. Und obwohl die Elterntypen grundverschieden sind – er zu schwach, sie fast schon übergriffig –, sieht man doch, wie gering ihr Einfluss auf die junge Generation ist. Als Vorbild taugen sie nicht. Der Kampf wird mit den Altersgenossen ausgefochten – und hier zeigen sich alle unerbittlich. Wie unter einem Brennglas untersucht Schirin Khodadadian dieses System aus Abhängigkeit und Nachahmung, Macht und Gängelei, das vom Privaten ins Gesellschaftliche und Politische abstrahlt.

Unglaublich präzise hat die Regisseurin mit ihrem Ensemble gearbeitet. Und obwohl es gerade die (Kunst)Sprache der Fleißer ist, die von Kraft und Poesie strotzt und hier mit anmutigem Trotz und großer Kälte zelebriert wird, so passiert vor allem viel in den Gesichtern. Jeder Blick, jede Blickrichtung, jedes Hin-, Weg-, Andersschauen ist von Bedeutung. Die Körper doppeln die Deklamation in grazilen Choreographien.

Carolin Mittlers Raum ist ein (Denk-)Gefängnis mit spiegelnden Wänden und einem großflächigen Schaufenster. Hier bleibt nichts verborgen, zumal hinter jeder Wand ein Lauscher steht. Drinnen: gefangen in erstickender Atmosphäre. Draußen: Spießrutenlaufen vor lokalen Voyeuren. Die Kostüme: eng anliegend und knapp bis zur Schamlosigkeit. Glanz wollen sie sein, gesehen werden in diesen Outfits. Aber weil alle die gleichen tragen, verschwinden sie doch in der Gleichförmigkeit der Masse.

So eindringlich wie drastisch führt uns Schirin Khodadadian die Erbarmungslosigkeit der Täter und die Ohnmacht der Opfer vor Augen – und Gewalt, die neue Gewalt gebiert. Sie zeigt das Parabelhafte von Fleißers Stück. Und dafür steht ihr ein erstklassiges Ensemble zur Verfügung: Sarah Horak als von allen Seiten bedrängte Olga, Peter Rahmani als Roelle mit abstrusem religiösen Größenwahn, Judith Nebel als Hermine Seitz, Sarah Schulze-Tenberge als Clementine sowie Enrico Spohn und Philip Lemke u.a. als seltsames – auch seltsam gefährliches – Duo Gervasius und Protasius. So artifiziell wie virtuos agieren sie. Mitunter sogar komisch. Leicht geht ihnen das volkstümlich Expressive der Sprache von den Lippen. Und mühelos gelingt ihnen der Sprung durch die Zeit – von den Pubertierenden der Weimarer bis zur Bundesrepublik mit Party, Musik, Alkohol und dem erneuten Erstarken der Rechtspopulisten.

Was bleibt? Vor allem das Erschrecken über den Mangel an Menschlichkeit – damals wie heute. Und ein Theaterabend, der lange nachhallt. Langer Applaus!

DK




ZUR PRODUKTION

Theater:

Kleines Haus,

Stadttheater Ingolstadt

Regie: 
Schirin Khodadadian
Bühne und Kostüm: 
Carolin Mittler
Musik: 
Katrin Vellrath

Vorstellungen:

bis 20. Januar 2023

Kartentelefon:

(0841) 30547200