Ingolstadt

„Ukrainische Geflüchtete gut versorgt“

Ab September spezielle Brückenklassen nur für diese Schüler – das führt zu Fragen im Migrationsrat

23.06.2022 | Stand 23.06.2022, 19:45 Uhr

In dieser Halle an der Straußenlettenstraße werden aktuell 52 ukrainische Kriegsflüchtlinge vom BRK versorgt. Foto: BRK

In Ingolstadt leben aktuell etwa 1500 Geflüchtete aus der Ukraine. Der überwiegende Teil wohnt in privaten Unterkünften – bei Verwandten, Freunden oder hilfsbereiten Menschen. Darunter etwa 682 Kinder und Jugendliche: Die jüngeren besuchen Regelklassen an Grundschulen, an weiterführenden Schulen bestehen sogenannte Willkommensgruppen. Momentan kommen keine weiteren Kriegsflüchtlinge in Ingolstadt mehr an, da Bayern sein Aufnahme-Soll mehr als erfüllt hat. Das alles erfuhren die Mitglieder des Migrationsrats bei der Sitzung am Mittwochabend.

Laut Sozialamtsleiterin Bettina Nehir ist inzwischen auch die ESV-Halle als Unterkunft geschlossen worden. Ein Teil der geflüchteten Ukrainer lebt nun in der Straußenlettenstraße. Die Halle der Firma AVL im Gewerbegebiet an der Manchinger Straße, die Kapazitäten für 200 Personen bietet, wird vom BRK betrieben. Weitere Geflüchtete sind in Hotels untergekommen – insbesondere alte, kranke oder behinderte Menschen. Auch Familien mit autistischen oder traumatisierten Kindern seien dabei, so Nehir. Außerdem habe die Stadt 50 neue Unterkünfte angemietet, sagte die Leiterin des Sozialamts weiter. Die Südhausbau habe für ein Jahr zehn Wohnungen kostenlos zur Verfügung gestellt. Einige Familien hat die Lebenshilfe auf Gut Aufeld aufgenommen. Ukrainer, die nur auf der Durchreise sind, leben im Ankerzentrum.

Bei der Zuständigkeit für die Geflüchteten gab es einen Wechsel: Seit Juni sind Jobcenter und, im Alter ab 65 Jahren, Sozialamt für die Ukrainer verantwortlich. „Der Rechtswechsel war ein Kraftakt, hat aber gut geklappt“, betonte Nehir. „Jeder ist gut versorgt.“

Etliche Ukrainer sitzen auf Koffern und wollen zurück

Ehrenamtliche engagieren sich weiter stark für die Kriegsflüchtlinge, hieß es weiter. So planen die Johanniter ein Projekt für die zahlreichen stark traumatisierten Kinder und haben dafür eine ukrainisch sprechende Psychologin gefunden. Ehrenamtskoordinatorin Barbara Blumenwitz erklärte, dass Angebote von den Ukrainern aber nicht in dem Maße in Anspruch genommen würden wie von anderen Geflüchteten. „Viele sagen, dass sie hier nur zu Besuch sind. Sie sitzen auf ihren Koffern.“ Tatsächlich sind einige bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Auch die Ingolstädter Schulen engagierten sich sehr, wie Franz Wagner, Leiter des Staatlichen Schulamts, berichtete. „Die Zusammenarbeit funktioniert gut. Das große Problem ist die fehlende Perspektive.“ Die Zahl der Kinder und Jugendlichen sei zuletzt noch gestiegen auf insgesamt 682 – darunter 200 im Alter bis 6 Jahre, 160 zwischen 6 und 10 Jahren, 168 von 10 bis 15 und 154 von 15 bis 21 Jahren.

Die jüngeren Kinder besuchen die Regelschulen in ihrem Sprengel. Die älteren Kinder und Jugendlichen werden auf Mittelschulen, Realschulen, Gymnasien oder an FOS, BOS oder Berufsschulen verteilt. Dort gibt es Willkommensgruppen. Diese bestehen laut Wagner nur noch bis 27. Juli, im kommenden Schuljahr sollen laut einem aktuellen Beschluss des Ministeriums an allen weiterführenden Schulen Brückenklassen geschaffen werden: Dort werden Deutsch, Mathematik und Englisch sowie Fächer wie Musik oder ukrainische Kultur- und Sprachpflege unterrichtet. „Die Schüler sollen sprachlich befähigt werden, sodass sie ins Schulsystem integriert werden können“, erklärte Wagner.

Sofort tauchte im Migrationsrat die Frage auf, ob auch Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan diese Brückenklassen besuchen können, was der Schulamtsdirektor verneinte. „Die sind nur für ukrainische Geflüchtete – ein spannendes Thema für die neue Antidiskriminierungsstelle.“ Deren Aufbau war zuvor Thema im Migrationsrat gewesen.

Dringender Handlungsbedarf bei Roma-Familien

Ab dem nächsten Schuljahr gilt Schulpflicht für alle Kinder aus der Ukraine – auch für die Roma. Diskriminierung und Rassismus gebe es auch unter Ukrainern, konstatierte Karoline Schwärzli-Bühler vom Jugendmigrationsdienst. „Wie also sieht es mit den Roma aus?“, fragte sie. „Ist für sie ein Projekt geplant?“ Bettina Nehir räumte ein, dieses Thema stehe dringend an, denn es spreche auch niemand Romanes: „Da müssen wir uns etwas überlegen. Wir haben schon Kontakt mit Erich Schneeberger vom Landesverband der Sinti und Roma aufgenommen.“

Aktuell leben rund 40 geflüchtete Roma in einer Unterkunft – Frauen mit vielen Kindern. „Eine erwartet gerade ihr 13. Kind“, so Nehir.