An einem dieser lauen, langen Sommerabende, wie wir sie in diesem Jahr schon so viele hatten. Wir saßen draußen im Garten, die Turmuhr des Münsters schlug gerade zehn, im Nordwesten leuchtete der Himmel noch strahlend klar und wir unterhielten uns gerade darüber, wie herrlich es doch ist, dass es jetzt so lange hell bleibt. Mit leisem Gruseln dachten wir dabei an den Winter, wo es um diese Zeit schon seit Stunden Nacht ist, und wir schon längst vor den Fernseher sitzen und ans zu Bett gehen denken.
Im Hintergrund brabbelte aus dem Radio der Nachrichtensprecher vor sich hin, als wir auf einmal aus unserem Sommertraum aufschreckten. Die Europäische Union habe eine Online-Umfrage zur Abschaffung der Sommerzeit gestartet, tönte der Radiomann uns entgegen. Wie? Was? Haben die jetzt nichts Besseres zu tun? , fragten wir uns und glaubten zuerst an einen Aprilscherz im Juli.
Da ertrinken Flüchtlinge im Mittelmeer, der amerikanische Präsident erklärt uns den Handelskrieg und wer weiß was noch, die Engländer verlassen die Union, Italien steht am finanziellen Abgrund, in Frankfurt greift der EZB-Präsident mit seiner Null-Zins-Politik nach unserem Ersparten und in der benachbarten Ukraine brodelt es seit Langem gefährlich. Und was tut die EU? In der ersten Online-Befragung der Bevölkerung in ihrer Geschichte fragt sie nach der Zukunft der Sommerzeit!
Offenbar hat die Umfrage, die allerdings nicht bindend ist, aber doch den Nerv der Europäer getroffen. So brachen dem Vernehmen nach gleich am ersten Tag die Server unter dem Ansturm der Teilnahmewilligen zusammen. Die Fragen sind übrigens auf Englisch zu beantworten. Ganz nebenbei bemerkt, eine Sprache, die ab dem 31. März nächsten Jahres, dem Tag des Brexit, außer rund viereinhalb Millionen Iren keiner der dann noch etwa 450 Millionen EU-Bürger mehr als Muttersprache sprechen wird. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat sich inzwischen an der Befragung beteiligt. Und für ihn war es ganz klar: Sommerzeit for ever!