Interview

„Lauter geniale Frauen“

Die Cellistin Raphaela Gromes über Feminismus in der Musikszene und ihr neues Album „Femmes“

20.01.2023 | Stand 20.01.2023, 15:38 Uhr

Vorurteile in unseren Köpfen überwinden: Raphaela Gromes hat in Archiven gestöbert und vergessene Perlen der Musikgeschichte auf ihrem neuen Album eingespielt. Foto: wildundleise

Frau Gromes, sind Sie Feministin?
Raphaela Gromes: Wenn man Feminismus so definiert, dass man sich für die Gleichberechtigung von allen Menschen einsetzt, dann bin ich eine Feministin.

Ihr neues Album hat den einfachen Namen „Femmes“ – Frauen. Warum ist der Titel auf französisch?
Gromes: Wenn man einmal davon absieht, dass „Femmes“ viel schöner klingt als „Frauen“, hat es viel damit zu tun, dass Frauen in Frankreich früher emanzipiert waren als in Deutschland oder in den meisten anderen Ländern. Wenn man sich die philosophische Szene im 18. und 19. Jahrhundert in Frankreich anschaut, sieht man, dass dort eine größere Weltoffenheit herrschte. Man kann sie sich vorstellen, diese Frauen, die Zigaretten geraucht haben, Hosen trugen und Fahrrad gefahren sind, egal was die Männer darüber dachten. Oder sie lebten in lesbischen Beziehungen, auch weil sie ihr Leben frei gestalten wollten. Das war natürlich ein fruchtbarer Boden für viele Künstlerinnen und auch Komponistinnen.

Französische Frauen sind besonders stark vertreten auf Ihrem Album. Aber wie kam es überhaupt zu dieser Auswahl, es finden sich ja mehr als 20 Komponistinnen auf der Doppel-CD?
Gromes: Die Idee zum Album kam vor ein paar Jahren von einer guten Freundin. Ich fand das sofort sehr spannend. Auch weil mir selbst auffiel, dass ich kaum zehn Komponistinnen kannte und ahnte, dass es viel mehr geben musste. Ich habe also eine Anfrage an das Archiv Frau und Musik in Frankfurt gestellt, Kontakt aufgenommen mit Verlagen, die sich auf Komponistinnen spezialisiert hatten wie zum Beispiel der Furore Verlag und Hildegard Publishing. Dort bin ich tatsächlich schnell fündig geworden. Unzählige, zum Teil noch nie veröffentlichte oder eingespielte Werke trafen bald bei mir ein. Und Julian Riem und ich habe uns viel Zeit genommen, die Stücke durchzuspielen und auf uns wirken zu lassen. Am Ende hatten wir etwa 100 gute Werke vorliegen und mussten schweren Herzens eine Auswahl treffen. Damit wir möglichst viele Komponistinnen vorstellen konnten, wurde es – anders als ursprünglich geplant – auch ein Doppelalbum: Der erste Teil mit dem fantastischen Orchester Festival Strings Lucerne, mit denen ich schon seit Jahren zusammenarbeite, und auf der 2. CD Kammermusik mit meinem Klavierpartner Julian Riem.

Auf welche Entdeckung sind Sie besonders stolz?
Gromes: Es sind tatsächlich viele Werke auf dem Album, von denen ich total begeistert bin, gerade auch von Komponistinnen, von denen die meisten noch nie etwas gehört haben. Zum Beispiel: Maria Walpurgis von Bayern hat mich überrascht, eine Komponistin aus der Barockzeit. Aus ihrer Oper „Talestri“ haben wir eine Arie ausgewählt, die vor Energie, Virtuosität und Temperament förmlich vibriert.

Was fast ein wenig verblüfft: Auf dem Album sind nicht nur Komponistinnen zu finden, sondern auch Komponisten wie Purcell und Mozart. Wie kam es dazu?
Gromes: Nachdem wir die Amazonenkönigin aus „Talestri“ gefunden haben, fanden Julian Riem und ich es reizvoll, ihr noch eine andere starke Frauenfigur aus der Barockzeit gegenüberzustellen. Wir sind dann schnell auf Dido aus „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell gekommen. Und dann natürlich Carmen, an die man sofort denkt, wenn es um starke Frauen in der Musik geht. Ich hatte schon immer große Lust, diese wunderbaren Melodien von Bizet auf dem Cello zu spielen. Julian hat dann tatsächlich einen ganz anderen Zugang zu dieser Figur gefunden, einen weniger virtuosen als vielmehr einen, der bei dem düsteren Schicksalsmotiv ansetzt und in dessen Mittelpunkt der Femizid steht.

Warum ist es eigentlich immer noch so ungewöhnlich, wenn Musik von Komponistinnen gespielt wird?
Gromes: Ich glaube, das liegt daran, dass hier einfach noch zu wenig geforscht wurde. Veranstalter setzen außerdem sehr gerne Werke aufs Programm, von denen sie wissen, dass das Publikum sie liebt – Stücke von Beethoven, Mozart usw. Es gibt natürlich einen Trend, diesen Werken auch weniger bekannte Stücke gegenüberzustellen. Aber das ist meist keine Musik von Komponistinnen, weil deren Werke immer noch selten publiziert, schwer zugänglich und weniger in unserem Bewusstsein angekommen sind.

Inzwischen gibt es mehr Komponistinnen. Aber in der Vergangenheit spielten sie kaum eine Rolle. Woran lag das? Weil sie keine gute Musik komponieren konnten? Oder weil sie es nicht durften?
Gromes: Weil sie nicht durften, eindeutig. Wir haben gerade über Frankreich gesprochen. Dort gab es leider auch Philosophen, die Begründungen formulierten, Frauen nachhaltig zu diskriminieren – etwa Jean-Jacques Rousseau. Er hat zum Beispiel postuliert, dass „die Weiber im Ganzen genommen“ keine Kunst liebten, keine Kenner seien und durchaus kein Genie besäßen. Diese erziehungstheoretischen Gedanken Rousseaus hatten auch in Deutschland eine große Wirkung. So schrieb Friedrich Schlegel etwa: „Das Weib gebiert den Menschen, der Mann das Kunstwerk.“ Und im Lexikon konnte man finden, dass der Mann das erste Geschlecht sei, das geniale Schaffende und Schöpferische, die Frau hingegen sei ihm untergeordnet, sie sei das empfangende, passiv leidende zweite Geschlecht. In diesem Zeitgeist des 18. und 19. Jahrhundert hat natürlich kaum jemand den Frauen zugetraut, originelle Kunstwerke zu schaffen. Frauen durften nicht studieren und kein eigenes Geld verdienen. Die einzige verbleibende Aufgabe der Frau war es, Hausfrau zu werden. Genau das hat Abraham Mendelssohn auch seiner Tochter Fanny geschrieben. Ihr Bruder Felix könne Komponist werden, aber sie solle bitte all ihre Träume aufgeben und sich „ernster und emsiger zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau, bilden“.

Was für einen Ausweg gab es für Frauen in dieser Zeit?

Gromes: Viele Frauen haben sich gegen dieses Diktat gewehrt und haben in vielen Fällen auch darauf verzichtet zu heiraten, um selbstständig arbeiten zu können, wie zum Beispiel Emilie Mayer oder unter einem männlichen Pseudonym veröffentlicht, um nicht diskriminiert zu werden. In einigen Fällen sind Frauen selbst zu den Professoren an den Musikhochschulen gegangen, um dennoch Unterricht zu erhalten. Manche Professoren war da aufgeschlossen – wie etwa Camille Saint-Saëns oder Gabriel Faure.

Und wie sieht es heute aus? Gibt es immer noch eine Benachteiligung von Frauen?
Gromes: Nun, auf den Konzertprogrammen machten 2019/ 20 laut einer Studie vom „Archiv Frau und Musik“ Werke von Komponistinnen gerade einmal zwei Prozent aus, bei zeitgenössischer Musik sind es etwa 13 Prozent. Aber es ist manches besser geworden.

Wie steht es bei Interpreten? In der Popmusik etwa gibt es etwa doppelt so viele männliche Stars wie weibliche.
Gromes: Laut dieser Studie sind auch Solistinnen seltener eingeladen als ihre männlichen Kollegen und in den Orchestern fällt nach wie vor auf, dass Stimmführerpositionen oft mit Männern besetzt sind. Aber es wird besser, denn das allgemeine Bewusstsein entwickelt sich zurzeit stark, dass wir Vorurteile in unser aller Köpfe überwinden und dass Strukturen verbessert werden müssen.

War es eigentlich schwer, ein Album bei Sony durchzusetzen mit ausschließlich weiblich bestimmter Musik?
Gromes: Tatsächlich nicht, was mich fast überrascht hat. Die Leute dort waren von Anfang an begeistert und haben mich unterstützt.

Und ist trotz allem zu erwarten, dass die CD sich gut verkauft?
Gromes: Ich hoffe es. Es wäre jedenfalls ein gutes Zeichen, wenn die Menschen inzwischen so aufgeschlossen wären, sich Musik von lauter genialen Frauen anzuhören, übrigens aus neun Jahrhunderten bis zurück zu Hildegard von Bingen. Ich denke, diese CD würde jede Sammlung bereichern.

DK



Das Interview führte

Jesko Schulze-Reimpell.


ZUR PERSON

Raphaela Gromes wurde 2012 mit dem Musikförderungspreis des Konzertvereins Ingolstadt ausgezeichnet. Die 31-jährige Münchnerin wurde seitdem mit zahlreichen weiteren Preisen geehrt, unter anderem auch mit dem Echo Klassik für ihr Offenbach-Album. Seit 2016 ist Raphaela Gromes Exklusivkünstlerin bei Sony Classical. In den vergangenen Jahren hat sie zahlreiche CDs veröffentlich, die fast alle in den Klassik-Charts standen.