Interview
„Jetzt muss mal was anderes ins Programm“: Gerhard Weinberg hat das Orgelwerk von Max Reger eingespielt

20.02.2024 | Stand 20.02.2024, 19:00 Uhr

Gerhard Weinberger: „Ich bin ja der einzige Organist weltweit, der das Gesamtwerk von Bach und Reger aufgenommen hat.“ Foto: privat

Herr Weinberger, bei Ihrer Einspielung sämtlicher Orgelwerke von Johann Sebastian Bach haben Sie stets Orgeln ausgesucht, die zum Repertoire passen. Wie sind Sie bei Reger verfahren?
Gerhard Weinberger: Es war von Anfang an klar für mich, dass ich ausschließlich auf Orgeln der Reger-Zeit, also Instrumente, die zwischen ca. 1873 und 1916 gebaut wurden, die Werke einspielen würde.

Was zeichnet Instrumente aus dieser Zeit aus?
Weinberger: Die spätromantische Orgel hat einen symphonischen, einen orchestralen Charakter. Ich habe mir Orgeln herausgesucht, die besonders grundtönig klingen, also einen eher dunklen Klang haben und nicht so schreiend hell sind wie manche moderne Instrumente. Ich habe besonders auf diese vielen Farben gesetzt und natürlich auf die extreme Dynamik, die so typisch ist für Reger. Er schreibt ja oft ein dreifaches oder sogar vierfaches Piano vor.

Was für Erlebnisse hatten Sie mit den verschiedenen Orgeln, die Sie ausgewählt hatten?
Weinberger: Die Orgeln dieser Zeit, von Sauer, Steinmeyer, Walcker und anderen, haben im Vergleich zu modernen Instrumenten deutlich weniger Spielhilfen. Die Register sind nicht wirklich programmierbar. Man muss vieles manuell einstellen, was Probleme schafft, und man hat eine Walze, die man für die Dynamik, z.B. bei großen Steigerungen, – oft aber auch nur bedingt je nachdem, wie sie eingestellt ist, – gebrauchen kann.


Was war für Sie die größte Herausforderung beim Einspielen der Reger-Werke?

Weinberger: Die größte Herausforderung bestand genau bei diesen Problemen bei der Registrierung. Man muss sich sehr intensiv mit den Instrumenten und der Komplexität dieser technisch und musikalisch sehr schwierigen Werke auseinandersetzen. Auch der Anschlag der Tasten ist gewöhnungsbedürftig, die Traktur ist häufig pneumatisch statt mechanisch.

Wie schätzen Sie die Bedeutung von Reger als Orgelkomponist ein?
Weinberger: Reger ist der bedeutendste Orgelkomponist nach Bach und der bedeutendste romantische Orgelkomponist. Von den bedeutenden deutschen romantischen Komponisten wie Schumann oder Brahms haben nur sehr wenige viele Orgelwerke hinterlassen. Reger hat allein mehr als 100 Choralvorspiele geschrieben.

Sie haben auch als Professor in Detmold Organisten ausgebildet. Wie wichtig ist Reger für die Studenten gewesen?
Weinberger: Reger hatte natürlich neben der großen französischen spätromantischen Orgelmusik eine Rolle gespielt. Ich habe aber Wert darauf gelegt, dass bei der Abschlussprüfung von den Studenten auch ein großes Reger-Werk gespielt wird.

Gibt es überhaupt schon Gesamtaufnahmen des Orgelwerks von Reger?
Weinberger: Ja, es gibt sie, aber nur sehr wenige. Manche spielen nur auf modernen Orgeln. Ich aber habe es vorgezogen, nur auf Instrumenten der Reger-Zeit aus dem deutschsprachigen Raum zu spielen.

Von welcher Größenordnung kann man bei Ihrer Einspielung ausgehen?
Weinberger: Über 18 CDs, insgesamt mehr als 200 Werke.

Wie lange haben Sie dafür gebraucht?
Weinberger: 13 Jahre. Ich habe 2010 begonnen und mir natürlich Zeit gelassen.

Zuletzt haben Sie Bach und Reger vollständig aufgenommen. Was steht jetzt an?
Weinberger: Wahrscheinlich nichts mehr. Ich bin ja der einzige Organist weltweit, der das Gesamtwerk von Bach und Reger aufgenommen hat. Außer: Konzerte, wie jetzt am 3. März in Pfaffenhofen.

Mit Werken von Reger?
Weinberger: Da muss ich überlegen. Ja, ein kleines Werk, „Passion“ aus op. 145.

Hängt Ihnen Reger jetzt zum Hals heraus?
Weinberger: Eigentlich nicht. Aber jetzt muss mal was anderes ins Programm.

Das Interview führte

Jesko Schulze-Reimpell.


ZUR PERSON

Gerhard Weinberger kam 1948 in Pfaffenhofen zur Welt und machte in Eichstätt sein Abitur. 1971 wurde er beim ARD-Wettbewerb mit dem 2. Preis ausgezeichnet. Seit 1977 ist er Professor, zunächst in München, später in Detmold. Er spielte das Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach und von Max Reger auf CD ein. Die Bach-Aufnahme wurde mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Gerhard Weinberger wird zusammen mit seiner Frau am 3. März, 20 Uhr, in der Pfaffenhofener Stadtpfarrkirche ein Orgelkonzert geben im Rahmen der Rathauskonzerte.