Podiumsdiskussion im Theater Ingolstadt
In der chaotischen Übergangsphase

Fabian Scheidler warnt vor einer ökologischen und sozialen Katastrophe

01.02.2024 | Stand 02.02.2024, 11:47 Uhr |

Am Ende aller Zeiten sind Tiere nur noch im Museum zu besichtigen: Szene aus dem Stück „Spuren und Geister“ mit dem die Theaterspielzeit in Ingolstadt eröffnet wurde. Foto: Olah

Unter dem Titel „Die drei großen Umwälzungen unserer Zeit“ wird am kommenden Sonntag, 11 Uhr, der Autor Fabian Scheidler über Klimawandel, Kriege und Wirtschaftskrisen sprechen. Moderiert wird die Veranstaltung im Foyer des Stadttheaters Ingolstadt von Gerd Schneider, Chefredakteur des DONAUKURIER. Im Vorfeld erläutert der Berliner Buchautor im Interview, warum die Welt fast täglich noch chaotischer wird und dringend Handlungsbedarf besteht.

Herr Scheidler, sind Sie ein Pessimist?
Fabian Scheidler: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich versuche lediglich, die Situation, in der wir uns global befinden, zu analysieren. Dabei treten natürlich auch düstere Aspekte zutage. Wir haben es schließlich mit einem gesellschaftlichen System zu tun, das gerade an seine Grenzen stößt. Ein Beispiel: Wir befinden uns in einer Krise des Lebens auf der Erde, wie es sie in der Geschichte der Menschheit bisher noch nicht gab. Wir befinden uns am Anfang des größten Artensterbens seit 65 Millionen Jahren, ausgelöst durch unsere industrielle Zivilisation. Ich bin aber nicht zutiefst pessimistisch, weil ich glaube, dass Menschen in der Lage sind, auch schwierige Situationen zu meistern.

Dennoch, wenn man Ihre Bücher liest, dann scheinen vor allem düstere Zeiten vor uns zu liegen. Etwa, wenn man von den drei großen Umwälzungen unserer Zeit liest, über die Sie in Ingolstadt reden wollen. Worum handelt es sich dabei?
Scheidler: Die erste Umwälzung habe ich bereits angesprochen: die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Dabei geht es nicht allein um das Klima, sondern um alle lebenserhaltende Systeme, Süßwasser, Böden, Ozeane, Wälder. Und das größte Artensterben, das es seit dem Untergang der Dinosaurier gegeben hat. Damals war ein Meteoriteneinschlag der Grund, heute hat es mit der speziellen sozialen Organisation zu tun, die ich in einem meiner Bücher die Megamaschine nenne. Sie bedroht tatsächlich die Zukunft der Menschheit.

Worum geht es bei der zweiten großen gesellschaftlichen Umwälzung unserer Zeit?
Scheidler: Das betrifft die geopolitische Situation. Der Westen war 500 Jahre lang die dominante politische Macht, eine Macht, die wie keine Zivilisation zuvor die gesamte Welt erobert hat. Die Dominanz des Westens kommt nun an ein Ende. Wir sehen das am Erstarken Chinas, am neuen Selbstbewusstsein des globalen Südens. Das bedeutet zum einen Chancen für eine multipolare Welt, zum anderen birgt es auch Gefahren, etwa eine militärische Auseinandersetzung zwischen China und den USA.

Die dritte Krise betrifft vermutlich unsere ökonomische Situation?
Scheidler: Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergegangen ist. Während der Pandemie hat sich das Vermögen der zehn reichsten Männer der Welt verdoppelt, gleichzeitig ging der Wohlstand eines Großteils der Weltbevölkerung deutlich zurück. Diese Ungleichheit führt zu politischen Verwerfungen, die auch rechte Parteien überall auf der Welt erstarken lässt. Das Vertrauen in politische Institutionen, die diese Ungleichheit nicht aufhalten, sondern oft sogar fördern, sinkt rapide. Das destabilisiert das System noch weiter. All diese Krisen finden gleichzeitig statt und führen dazu, dass wir uns in einer chaotischen Übergangsphase befinden.

Sprechen wir über das Wirtschaftssystem. Was haben Sie gegen dieses System, das uns allen unfassbaren Wohlstand gebracht hat in den vergangenen 200 Jahren, höhere Lebenserwartung, einen Anstieg an Bildung, an Gesundheit, eine wunderbare Zunahme an Freizeit und sozialer Absicherung? Und vor allem weit weniger Gewalt und Kriege.
Scheidler: Das kommt auf die Perspektive an. Natürlich, der Kapitalismus war für einen großen Teil der Weltbevölkerung ökonomisch ein großer Erfolg. Aber ich versuche, in meinen Büchern auch die andere Perspektive einzunehmen – die der Mehrheit der Weltbevölkerung, die unter diesem System enorm gelitten hat. Denken wir an die indigenen Völker Amerikas, die seit Kolumbus kolonisiert wurden und eine Kette von Völkermorden erdulden mussten. Das war damals schon kapitalistisch organisiert. Kolumbus und seine Leute waren verschuldet bei den Banken in Genua. Es ging letztlich darum, die Bankiers und die Handelsunternehmen reich zu machen. Ähnliches hat sich in Afrika und Asien abgespielt, unter Führung von großen Aktiengesellschaften. Dieses Wirtschaftssystem war also keinesfalls für alle eine Erfolgsgeschichte. Hinzu kommt, dass es immer weiter wachsen muss, um zu existieren – und das ist auf einem begrenzten Planeten ein Problem. Wenn wir unsere ökologischen Lebensgrundlagen zerstören, wird die Menschheit bald ärmer sein, als sie es je gewesen ist. Denn keine Gesellschaft kann ohne eine funktionierende Biosphäre existieren.

Sie treten am Wochenende hier in Ingolstadt auf, einer Stadt, die wie kaum eine andere profitiert von den Errungenschaften des Marktes, der Industrie, des Automobilbaus. Was für eine Vorstellung haben Sie von Ingolstadt?
Scheidler: Außer, dass hier Audi seinen Firmensitz hat, weiß ich, dass es sich um einen ausgesprochen wohlständigen Ort handelt mit dem höchsten Medianeinkommen in Deutschland. Dieser Wohlstand ist ihnen natürlich zu gönnen. Wenngleich auch hier die Welt im Umbruch ist.

Wie meinen Sie das?
Scheidler: Die Veränderungen betreffen auch die Automobilindustrie, unsere Form des Individualverkehrs, die ausgesprochen zerstörerisch für unseren Planeten ist. Nun versuchen Politik und Automobilindustrie, auf Elektromobilität umzustellen, was an sich richtig ist. Aber das reicht nicht aus, denn auch diese Antriebsform benötigt enorme Ressourcen, vor allem wenn die Hersteller auf zwei bis drei Tonnen schweren SUVs setzen. Wir brauchen massive Investitionen in andere Formen der Mobilität, etwa den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Wir erleben gerade Streiks bei der Bahn und dem Nahverkehr. Dabei geht es auch darum, dass mit der chronischen Unterfinanzierung dieser Sektoren keine Verkehrswende zu schaffen ist. Ich glaube, wir müssen den Verkehr mit weniger und kleineren Autos organisieren. Zugleich wird das Know-how einer Technologiestadt wie Ingolstadt gerade hier gebraucht: Für moderne integrierte Verkehrssysteme. Was auch entscheidend ist: Der gesellschaftliche Umbau kann nur gelingen, wenn er mit sozialer Gerechtigkeit verbunden ist. Sonst würden die Angestellten der Automobilindustrie und vieler anderer Sektoren zu recht revoltieren. Deswegen brauchen wir öffentliche Investitionen, die gut bezahlte Stellen in zukunftsfähigen Technologien, in Bildung und Gesundheit schaffen, wo wir einen dramatischen Personalmangel erleben. Das alles wiederum kann nur geschehen, wenn wir diejenigen, die bisher von den Krisen übermäßig profitiert haben, insbesondere Milliardäre und so manche Großunternehmen, stärker in die Pflicht nehmen, ihren fairen Anteil an einem solchen Programm zu leisten.

Habe ich Sie richtig verstanden, in Ingolstadt sollten weniger Autos produziert werden?
Scheidler: Wir sollten den Wandel, der ohnehin auf uns zukommt, gestalten. Deutschland wird im Automobilbau unweigerlich Marktanteile an China verlieren. China ist inzwischen führend bei der E-Mobilität. Diesem Prozess müssen wir uns stellen. Doch wenn Ingolstadt in der Entwicklung zukunftsfähiger Verkehrskonzepte vorangeht, muss die Stadt diesen Wandel nicht fürchten.

Herr Scheidler, was wollen Sie speziell den Ingolstädtern vermitteln mit Ihrer Diskussionsveranstaltung?
Scheidler: Mir geht es um Realismus, darum, die globalen Krisen, die sich gerade entwickeln, nüchtern zu betrachten. Und dabei auch einen gewissen Optimismus zu verbreiten. Nehmen wir mal das Auto: In den großen Städten ersticken die Menschen geradezu im Verkehr. Das ist mit einem Rückgang der Lebensqualität verbunden. Man kann das auch anders organisieren. Wir sollten versuchen, aus einer zu eng gefassten ökonomischen Logik auszusteigen. Es geht darum, mehr Lebensqualität, die Bewahrung der Natur und eine gerechtere Verteilung der Güter zu verbinden.

DK


Das Interview führte Jesko Schulze-Reimpell.

ZUR PERSON

Fabian Scheidler studierte Geschichte und Philosophie sowie Theaterregie und arbeitet als freischaffender Autor für Printmedien, Fernsehen und Theater. Sein Buch „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2021 folgten im Piper Verlag „Der Stoff, aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen“ sowie im Alexander Verlag „Das geistige Feld. Essentialien des Theaters“. www.fabian-scheidler.de