Martin Creeds Auftritt in Ingolstadt
Ich weiß nicht, was eine Performance ist

26.01.2024 | Stand 26.01.2024, 15:00 Uhr

Zum Lachen und Nachdenken: Martin Creed bei seiner Performance im Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt. Foto: Birkl

Martin Creed gehört zu den Künstlern, von denen viele Menschen denken würden, sie wären gar keine Künstler – sondern Scharlatane. Weil er mit seinem Werk, Grenzen austestet, die Grenzen der Kunst, unserer sinnlichen Wahrnehmung, unserer Sprache, unseres Denkens. So ist auch die Performance, die er angekündigt hat, kaum wirklich eine Performance. Sondern eher eine Art Vortrag mit Konzerteinlage. Oder irgendetwas anderes. Zu einem Thema, das sich kaum wirklich fassen lässt. Das Thema ist möglicherweise der Akt dieses Vorgangs selbst, eine Art Selbstreflexion, eine Selbstvergewisserung über ein performatives Geschehen.

Wie auch immer. Jedenfalls, das „Was-immer-es-war“ geriet zum großen Erfolg im ausverkauften zweiten Obergeschoss des Museums für Konkrete Kunst: Das Publikum fühlte sich bestens unterhalten, jubelte und feierte Martin Creed. Wohl auch, weil der britische Künstler so unfassbar klug, inspiriert und sympathisch agiert, in seinem Diskurs, der immer im Zwischenbereich von Kabarett, Philosophie, Kunst, absurdes Theater und Nonsens balancierte – und hier jederzeit das richtige Kräfteverhältnis fand.

Aber worum ging es vordergründig? Um Martin Creed selbst, der wie ein lebendes Kunstwerk in seinem skurrilen Anzug, dem eckigen Hut, dem Pfeil auf dem Herzen, dem Kleiderbügel am Sakko vor den Besucherreihen schritt und meist einfach nur redete. Etwa über die Kommunikation zwischen ihm und dem Publikum. Und da ist er ein philosophischer Skeptiker durch und durch. Er entschuldigt sich, dass er eine verspiegelte Brille trägt – aber die Spiegel wären auch innen, so dass er eigentlich gar nichts vom Publikum erkennen könne. Kommunikation erklärt er mit einer Metapher: Ein Auto auf einer Straße und ein Zug fahren nebeneinander her. Autofahrer und Zug-Passagier können sich zuwinken. Aber es wird niemals dem Zugfahrer gelingen, auf die Straße zu gelangen oder umgekehrt.

Überhaupt Skeptizismus. Wichtig sind uns letztlich unserer Gefühle. Aber wie sollen wir wirklich an sie herankommen? Mit der Sprache, mit Worten? Sie besteht hauptsächlich aus Linien, und die können Gefühle nicht adäquat erfassen. Und unsere Augen? Die sind immer nach außen gerichtet, unsere Wahrnehmung kann sich selbst nicht wahrnehmen. „Wären sie nach innen gerichtet, würden sie nur Dunkelheit sehen“, sagt Creed. „Gefühle sind so etwas wie menschliche Haare“, meint er und ruft dabei besonders Gelächter bei einem glatzköpfigen Gast hervor. Die Haare seien irgendwie da, selten so wie man es sich wünscht, würden manchmal beschnitten und frisiert mit zweifelhaftem Erfolg. Jedenfalls sind Gefühle diffus und vage. Sie sind nicht klar und definiert. Deshalb wäre der Satz „das Leben ist hart“ unsinnig. „Life is soft“ (Das Leben ist weich), erklärt Creed und lacht.

Am Ende des Abends kommt er noch einmal auf das Thema zurück, als ein Besucher ihn fragt, wie er auf seine künstlerischen Ideen komme und was er dabei denke. Nun, sagt er, er selbst könne sich dabei nicht wahrnehmen, „das können nur andere“.

Sprachskeptizismus scheint die gesamte Performance zu durchziehen. „Everybody needs somebody or something to love“, singt er mit seinem hohen, klaren Tenor, und begleitet sich selbst an der Gitarre dabei. Aber manchmal hassen wir auch. Creed ist unglücklich darüber – und schlägt vor, einfach die Buchstaben zu ändern. Aus „hate“ (Hass) wird „hat“ (Hut). Aus „lonely“ (einsam) könnte man „lovely“ (schön) machen. Und aus „war“ (Krieg) das Wort „bar“. Lassen sich so alle Probleme wegdefinieren? Creed als Meister des Orwell'schen „Neusprech“?

So selbstreferenziell der Anfang der Performance, so selbstbezüglich ist auch das Ende. Und genauso widersinnig. Denn ein Ende ist im Leben gar nicht vorgesehen, die Existenz ist ein Kontinuum, sagt Creed. So singt er schließlich ein Lied, in dem es vor allem um die in der englischen Sprache oft verschluckten und nicht ausgesprochenen Wortendungen geht – die er nun penetrant betont.

Ein Ende also ohne Ende. Creed liebt die Paradoxien, die Ungereimtheiten, die offenen Fragen. „Ich weiß nicht, was Kunst ist“ lautet der Titel seiner Ausstellung im MKK. „Ich weiß nicht, was eine Performance ist“, sollte man seinen Auftritt betiteln.

DK