Ingolstadt

Gas „Made in Ingolstadt“

Von 1863 bis 1973 produzierten die Stadtwerke Stadtgas

08.08.2022 | Stand 08.08.2022, 20:30 Uhr
Hans Fegert

Der 44 Meter hohe Scheibengasbehälter prägte von 1954 bis 2005 die Gegend am Nordbahnhof. Der Kugelgasbehälter vorne im Bild wurde 1957 errichtet. Foto: Fegert

Deutschland bezieht sein Erdgas aktuell zu über 94 Prozent aus Importen, nur sechs Prozent stammen aus heimischer Förderung. Früher war das anders.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte in den deutschen Städten gerade der Einzug von Gasbeleuchtungen begonnen. Der Augsburger Unternehmer August Riedinger erhielt im damals nur 7500 Einwohner zählenden Ingolstadt die entsprechende Konzession zur Gasherstellung. Zum Bau der ersten Gasanstalt stellte ihm die Stadt einen kostenlosen Bauplatz an der Esplanade neben dem Feldkirchener Tor zur Verfügung.

Seit dem 10. Oktober 1863 wurden daraufhin in einem knapp sechs Kilometer langen Versorgungsnetz 116 Straßenbeleuchtungen mit Gas versorgt. In jener Zeit musste jede Gaslaterne noch von Hand angezündet und auch wieder gelöscht werden. Die Lampenverglasung war regelmäßig von Ruß und Schmutz zu befreien.

Zur Herstellung des Leuchtgases wurde der Rohstoff Steinkohle in luftdicht abgeschlossenen Retorten auf Temperaturen von 1000 bis 1200 Grad Celsius erhitzt und auf diese Weise das darin enthaltene Gas freigesetzt. Zurück blieb als Nebenerzeugnis der sogenannte Koks, der für Heizzwecke weiterverwendet werden konnte. Das so erzeugte Gasgemisch wurde dann, nachdem es von unerwünschten Bestandteilen wie Teer, Ammoniak oder Schwefelwasserstoff gereinigt war, in einen Scheibengasbehälter geleitet. Von dort wurde das Gas in die Leitungen zu den entsprechenden Gaslaternen eingespeist, wobei bereits im ersten Betriebsjahr 57000 Kubikmeter verbraucht worden sind.

Siegeszug des „Leuchtgases“

Für die Stadt war jene Neuerung ein großer Fortschritt. Der Siegeszug des „Leuchtgases“ war nicht mehr aufzuhalten. Bei besser Betuchten hatte binnen kürzester Zeit die alte Petroleumlampe für immer ausgedient. Das neue Licht der Gasflammen war heller und zudem noch einfacher zu handhaben, als die altbewährten Lichtquellen mit Petroleum oder Spiritus. Nach und nach wurden auch private Verbrauchsstellen, amtlich „Privatflammen“ genannt, an die bereits vorhandenen Gasleitungen in den vernetzten Straßen angeschlossen.

Auch ein großer Teil der in der Stadt ansässigen 35 Brauereien nutzte sehr bald diese neue Ingolstädter Energiequelle zum Beheizen der Sudkessel. 1881 nahm die der Gasanstalt gegenüberliegende „Königliche Geschützgießerei und Geschossfabrik“ die Kriegswaffenproduktion auf und wurde damit zum ersten Großabnehmer der Gasanstalt. Der Weg zur Industrialisierung war geebnet. Bei Handwerksbetrieben wie Bäckereien und privaten Haushalten fand der Gasbetrieb für Back- und Herdstellen ebenfalls sehr schnell neue Abnehmer. Im Jahre 1897 ging für 275000 Reichsmark das Gaswerk als „Städtische Gasanstalt“ an die Stadt Ingolstadt über. Infolge der immer größer werdenden Nachfrage nach dieser begehrten Energiequelle erreichte die Produktionskapazität bald ihre Grenzen. Das Werk musste 1903 dringend erweitert werden.

Ab dem 1. Juni 1914 machte die neugegründete „städtische Elektrizitätsanstalt“ dem „Leuchtgas“ den Garaus. Das städtische Gas wurde fortan nicht mehr für Beleuchtungszwecke verwendet – die Straßenbeleuchtungen wurden elektrifiziert. Doch dies bedeutete für die Gasproduktion noch keinen Rückschlag, ganz im Gegenteil, das „Heizgas“ wie es jetzt bezeichnet wurde, hielt nun vermehrt in den Haushalten Einzug.

Trotz Gasrationalisierungen für Privathaushalte während des Ersten Weltkrieges wurden 1917 ernsthafte Pläne ins Auge gefasst, infolge des akuten Platzmangels an einem neuen Standort eine technisch modernere Gasfabrik zu errichten. Die Machbarkeit scheiterte jedoch an wirtschaftlichen Problemen. Ein erneuter Anlauf scheiterte ebenfalls 1939 als Folge des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs. Zumindest konnte auf einem städtischen Areal an der Ringlerstraße ein neuer Scheibengaskessel errichtet werden, der wiederum 1944 von einem US-Tiefflieger in Brand geschossen wurde.

Bereits zur Planungszeit des neuen Gaswerkes an der Ringlerstraße Anfang 1950 wurden ernsthafte Überlegungen diskutiert, ob eine Ferngasleitung von Nürnberg nach München als Mittelachse eines künftigen bayerischen Versorgungsnetzes nicht wirtschaftlicher wäre. Im Hinblick auf die hier ansässigen Industriebetriebe sowie die zu erwartenden Neuansiedelungen entschloss sich die Stadt Ingolstadt trotz des günstigeren Herstellungspreises des Nürnberger Großgaswerkes für die Eigenproduktion.

Tagesproduktion von 35000 Kubikmetern

Im November 1950 erfolgte dann auf dem neuen Gelände der erste Spatenstich. Die Leistungskraft der Gaserzeugungsanlagen wurde auf eine Tagesproduktion von 35000 Kubikmetern bemessen. Die „Städtischen Werke“, wie das Unternehmen in dieser Zeit genannt wurde, nahm im Juni 1952 die moderne Anlage in Betrieb. Neben dem 1944 ausgebrannten, 4500 Kubikmeter fassenden Scheibengasbehälter, der 1948/49 erneuert werden musste, entstand auch ein weithin sichtbarer, 44 Meter hoher und 20000 Kubikmeter fassender Vorratsbehälter gleicher Bauart. Vier Jahre später musste bereits ein weiterer Gasbehälter errichtet werden.

Man entschied sich für einen 16-Meter-Durchmesser großen „Kugel-Hochdruck-Behälter“, der zwar nur 2150 Kubikmeter Rauminhalt aufwies. Da jedoch das Gas mit hohem Druck hineingepresst wurde, erreichte das Fassungsvermögen mit 17000 Kubikmetern mehr als 75 Prozent des 44 Meter hohen Behälters. Somit war eine kontinuierliche Gasproduktion mit Bevorratung gesichert, deren Verbrauch durch weitere Großabnehmer und vor allem durch die Erweiterungen der Wohngebiete außerhalb der Altstadt gewährleistet war.

Nachdem sich in der Zeit ab 1963 drei neue Ölraffinerien in Ingolstadt ansiedelten, errichteten die städtischen Werke eine Gasspaltanlage für zwei mal 80000 Kubikmeter Stadtgas. Den Ausgangsrohstoff dieser Anlage bildete nun Butan, das als Nebenprodukt den Ingolstädter Ölraffinerien künftig preiswert zur Verfügung stand.

Zehn Jahre später entschied sich der Ingolstädter Gasproduzent zur Umstellung auf Erdgas und stellte die aufwendige Eigenproduktion ein. Durch den Beitritt als Gesellschafterin in die „Bayerngas GmbH“ hatte sich die Stadt für diese Energieversorgung bereits 1970 den Zugang gesichert. Mitten in der Phase des „Kalten Krieges“ floss dann ab Oktober 1973 das „Russengas“, wie es damals bezeichnet wurde, nach Ingolstadt. Das umweltfreundliche Erdgas setzte sich über alle Erwartungen sehr schnell durch.

Heute liefern die Stadtwerke jährlich etwa 180 Millionen Kubikmeter Erdgas an die Verbraucher. Im hundertsten Jahr des Bestehens der Ingolstädter Gasversorgung 1963 waren es noch 13 Millionen Kubikmeter Stadtgas.