Erlebnisführung
Francesca Pane inszeniert im Stadtmuseum Frauengeschichte(n) aus vier Jahrtausenden

16.05.2023 | Stand 16.09.2023, 22:04 Uhr |

Das berühmte Bernstein-Collier spielt eine große Rolle in der szenischen Erlebnisführung zu Frauenleben von der Bronzezeit bis heute im Stadtmuseum Ingolstadt. Hier mit Vicky Müller-Toussa (rechts) und Ute Lottes. Foto: Luff

Ein neues Projekt von Francesca Pane feierte am Wochenende im Stadtmuseum Ingolstadt Premiere. Die Künstlerin präsentierte zusammen mit Vicky Müller-Toussa, Ute Lottes und Werner Scheuerer „Goldene Augenblicke – Frauengeschichte(n) von der Bronzezeit bis heute.“ Die szenische Erlebnisführung war ein voller Erfolg, denn wieder einmal durften die Besucher tief in die Ingolstädter Geschichte eintauchen und dabei die Grenzen zwischen Museum, Theater und Führung überschreiten. Diesmal drehte sich alles um den Bernstein, das „Gold der Ostsee“.

Dieser Stein entstand der Legende nach dadurch, dass Freya, die nordische Göttin der Liebe, goldene Tränen weinte, als ihr Mann sie verließ. Die Tränen fielen in die Ostsee und wurden zum Bernstein, dem seit Jahrtausenden eine magische, heilende und beruhigende Wirkung zugesprochen wird und der ein wichtiges Fernhandelsgut darstellte. Das Ingolstädter Stadtmuseum birgt mit dem berühmten Bernsteincollier (um 1600 v. Chr.) und den knapp 300 Bernsteinperlen aus der Grabkammer der Adeligen von Pförring (ca. 400 n. Chr.) gleich zwei sensationelle Funde der Region aus verschiedenen Zeiten.

Als kostbare Schmuckstücke erwachten sie nun in drei Szenen zum Leben und gaben Einblick in den mutmaßlichen Alltag hochrangiger Frauen.

Werner Scheuerer begleitete die Zuschauer auf ihrem Rundgang durch das Stadtmuseum und führte sie dabei vom Chaos, aus dem nach germanischer Vorstellung Himmel und Erde entstanden, über die Bronzezeit und die Wirren der Völkerwanderung bis in die Gegenwart. Seine sachkundigen Erläuterungen stellten den notwendigen Rahmen für die drei Szenen dar, die aus der Feder von Francesca Pane stammen, fiktiv sind, aber so authentisch wirkten, als hätten sie sich tatsächlich so ereignet. Vicky Müller-Toussa mimte jene unbekannte Adelige, die in der Bronzezeit Hunderte Kilometer weiter im Norden als Braut für einen Adeligen der Donauregion auserkoren wird zwischen drei Männern wählen darf: Soll sie den starken und mutigen Dunar, den gottesfürchtigen Leleo oder den freiheitsliebenden Aquario heiraten? Sie entscheidet sich für Aquario und erhält von ihrer Mutter (Ute Lottes) nicht nur kostbare Stoffe für Kleider und Reithosen, sondern auch das Bernsteincollier, das sie als weise Frau auszeichnet und zur Ratgeberin des Stammes prädestiniert.

In die Wirren der Völkerwanderung und des zu Ende gehenden Römischen Reiches führte die zweite szenische Lesung. In der Nähe von Pförring stand einst das Römerkastell, das den Limes sichern sollte, aber im 3. Jahrhundert n.Chr. von Alemannen zerstört wurde. Hier ließ Francesca Pane in der Rolle einer germanischen Adeligen im Dialog mit ihrer Freundin (Vicky Müller-Toussa) die denkwürdige Begegnung mit einem Römer Revue passieren: Der römische Offizier, ein Witwer, beschenkt die Germanin, die im wieder erbauten Kastell lebt, verbringt mit ihr eine Liebesnacht, obwohl deren Mann gerade auf Kriegszug ist, und übergibt ihr am Ende ein wertvolles Bernsteincollier.

Dass der Bernstein Frauen aus vier Jahrtausenden verbindet, zeigte die letzte Szene, die in der dekadenten Welt der Hochadeligen der Gegenwart spielt und im Barocksaal vorgeführt wurde. Es geht um arrangierte Hochzeiten und den guten Ruf, um Egoismen und Ehekrisen. Der Bernstein spielt als Heil- und Linderungsmittel für kindliche Zahnschmerzen in den Dialog der drei Adeligen mit hinein – schon Hildegard von Bingen wusste um die Heilkraft des Steins. So schließt sich am Ende der Kreis.

Francesca Pane gelang es mit ihren beiden Mitstreiterinnen in grandioser Manier, die spannenden Bernstein-Mythen vor historischem Ambiente zu zeigen und Geschichte erlebbar zu machen.