Die Festivalreporterinnen
„Faust“, technisch raffiniert: Kammerspiele Landshut zu Gast in Ingolstadt

07.06.2024 | Stand 07.06.2024, 7:03 Uhr |

Abgang oder Übergang? Die Falltür in „Faust 01“ ermöglicht kreative Szenenwechsel. Foto: Kammerspiele Landshut

Ungewöhnlich startet die Theatervorstellung am Sonntagabend im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt. Pünktlich um 19 Uhr ertönt ein Gong, nicht etwa auf der Bühne, sondern im Mittelfoyer des Stadttheaters. Es ist der Auftakt zu Goethes Klassiker: „Faust“.

Das Kleine Theater der Kammerspiele Landshut ist zu Gast bei den 39. Bayerischen Theatertagen mit der Produktion „Faust 01 – Fragmente23“.

Nach dem Startgeräusch mischen sich die Schauspieler unter das Publikum. Sie animieren die Zuschauer im Foyer, sich zur Garderobe zu begeben – an den Ort, wo die erste Szene der Tragödie stattfindet. Danach geht es zum Bühnenraum.

Live-Aufnahmen im Bühnenraum

Auch hier huschen die Darsteller durch das Publikum und verkünden die nächste Szene. Von diesem Zeitpunkt an werden die Zuschauer in den Bann des Stücks gezogen. Eine Nähe zu den Figuren entsteht, die sich im weiteren Verlauf verfestigt.

Im Bühnenraum angekommen, beginnt die unterhaltsame und zugleich stimmige Inszenierung unter der Regie von Sven Grunert. Sofort fällt das originelle, vielschichtige Bühnenbild auf. Ein zentrales Element ist die Bildschirmwand. Hier werden Live-Aufnahmen aus den Kameras im Bühnenraum übertragen.

So kommt es vor, dass die Figuren auf der Bühne erscheinen, ohne tatsächlich anwesend zu sein.

Dies verleiht dem Zuschauer mehr Interpretationsraum innerhalb der Szenen. Nicht zuletzt wird dadurch eine perfekt dosierte Abwechslung geboten.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Falltür mitten auf der Bühne. Durch diese Tür tauchen Figuren wortwörtlich ab und schaffen somit einen geschmeidigen Übergang zwischen den Szenen. Letztlich sorgt das Bühnenbild samt Technik für eine kreative, moderne und technisch raffinierte Inszenierung.

Von Wissbegier zu Lustgetriebenheit

Eine Bühne erwacht erst durch ihre Darsteller zum Leben. Geweckt wurde diese durch die optimal besetzten Rollen des Abends. Nicola Trub verleiht dem Charakter des Gretchens eine erkennbare Vielseitigkeit. Sie beeindruckt insbesondere in den ergreifenden Momenten ihres Wahnsinns am Stückende.

Klar und mit hoher Präzision verkörpert Andreas Sigrist den unersättlichen Gelehrten Dr. Heinrich Faust, dessen Wandel vom wissbegierigen zum lustgetriebenen Menschen zu erkennen ist.

Im Kontrast dazu steht die Figur des Mephisto. In dieser Rolle agiert Johannes Meier dynamisch, feurig und impulsiv. Durch seine hemmungslose Art schafft es Mephisto sowohl Nähe zu Faust als auch zum Publikum aufzubauen. Direkte Ansprachen ans Publikum, das Springen durch Stühle oder das Platznehmen in den Zuschauerreihen sorgen für heitere, mitreißende Atmosphäre.

Der Mut zahlt sich aus. Am Ende manifestiert sich die positive Stimmung in einem langanhaltenden Jubel, der allen Schauspielern und Verantwortlichen gilt. Insgesamt bietet die Aufführung eine vielseitige, unterhaltsame und originaltreue Darbietung von Goethes „Faust“.

von Julia Sergienko