Kommentar
Diese EM ist ein schöner Urlaub vom Alltag – aber kein neues Sommermärchen

24.06.2024 | Stand 24.06.2024, 16:24 Uhr |

Fans aus ganz Europa feiern mit den Menschen in Deutschland eine Fußball-Party. Foto: Imago Images

Ein Hauch von Katar weht bei dieser Fußball-Europameisterschaft noch durch Deutschland – weil sich Qatar Airways und Visit Qatar als Sponsoren des Turniers betätigen. Ansonsten jedoch hat die EM 2024 zum Glück nichts mit der Wüsten-WM 2022 zu tun, die eine gigantische Sportswashing-Veranstaltung war und von der Fifa trotzdem als „bestes Turnier aller Zeiten“ bezeichnet wurde.

EM 2024 ist nicht künstlich wie WM 2022 in Katar

Aus Sicht des Weltverbandes, der einzig an Gewinnmaximierung interessiert ist, mag das sogar stimmen. Doch für die Fans fühlt sich diese EM nach zwei WM-Turnieren in Russland und Katar sowie einer paneuropäischen Pandemie-EM so viel schöner an: Sie findet in einem demokratischen Land mit gewachsener Fußballkultur statt, die Deutschen sind gute, weltoffene Gastgeber, die Zuschauer in den auch nach der EM genutzten und ohne Arbeitssklaven errichteten Stadien benötigen keine Animateure, es gibt genügend bezahlbare Unterkünfte, Restaurants und Bars. Hunderttausende Gäste aus ganz Europa feiern mit den Menschen in Deutschland eine Fußball-Party. Diese EM fühlt sich, anders als die WM in Katar, nicht künstlich an. Sie ist ein Turnier für alle, auch für Homosexuelle und Leute mit kleinerem Geldbeutel.

Bahn-Chaos als größtes Manko

Sicher, die ausländischen Fans und Journalisten stellen gerade fest, dass es um das legendäre deutsche Organisationstalent und die öffentlichen Transportsysteme schon mal deutlich besser bestellt war. Es ist enttäuschend, dass – lässt man Berlin außen vor – nur vier der 51 Partien im Osten Deutschlands stattfinden und nur zwei Teams ihr Quartier dort aufgeschlagen haben. Auch die nationalistischen Scharmützel zwischen Fans und Funktionären der Balkanrepubliken nerven. In Erinnerung bleiben wird – neben dem Bahn-Chaos – aber vor allem die friedlich-fröhliche Atmosphäre.

Diskussion über Gelbe Karten statt braune Parteien

Ein neues Sommermärchen ist und wird die EM 2024 trotzdem nicht – und das ist auch gut so. Ein einmaliges Ereignis wie die WM 2006 mit ihrer beschwingten Stimmung lässt sich in politisch und wirtschaftlich angespannten Zeiten nicht so leicht reproduzieren. Es tut allerdings gut, mal über Gelbe Karten statt braune Parteien zu diskutieren, über die Verteidigung der ukrainischen Mannschaft statt des ukrainischen Staatsgebietes und über singende Schotten statt den schweigenden Scholz. Vielleicht sollten wir die EM einfach als vierwöchigen Urlaub vom krisengeplagten Alltag sehen – mehr kann man von einem Fußballturnier nicht verlangen.