Fleißarbeit im Stadtarchiv
Die Ingolstädter Ratsprotokolle bis 1699 sind jetzt vollständig restauriert

13.03.2023 | Stand 17.09.2023, 1:04 Uhr |

Die Ereignisse des Jahres 1599 sind in diesem Band der Ratsprotokolle der Stadt Ingolstadt zusammengefasst. Bis 1699 sind alle diese Folianten restauriert. Für das 18. und 19. Jahrhundert hat Archivarin Martina Pohl bereits Förderanträge gestellt. Foto: Hammer

Während bei der Feuerwehr im Brandfall wahrscheinlich nicht viel genug Löschwasser und Löschsand vorhanden sein kann, sieht es damit in einem Stadtarchiv anders aus. Hier stört sowohl Wasser wie auch Sand, vor allem, wenn letzterer sich zusammen mit anderen Verunreinigungen in Protokollbänden befindet.

Im Rahmen einer aufwendigen Restaurierungsmaßnahme haben Fachleute nun Teile des Ratsprotokollbestands auch von Löschsand befreit und allgemein wieder Instand gesetzt. Die 2022 mit Drittmittelunterstützung der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes (KEK) in Berlin restaurierten 46 Ratsprotokolle des 17. Jahrhunderts stehen nun wieder uneingeschränkt und neu verpackt der interessierten Öffentlichkeit zur Einsichtnahme zur Verfügung.

„Sandkörner in Amtsbüchern sind grundsätzlich ein Zeichen für eine sorgfältige Nutzung eines Bandes während seiner Entstehung“, weiß Diplom-Archivarin Martina Pohl vom Zentrum für Stadtgeschichte. Den Schreibern war es offensichtlich nicht egal, wie das Schriftbild nach Abschluss ihrer Arbeiten aussah, weswegen sie die noch feuchte und weniger schnell als heute trocknenden Tinten mit. Löschsand aufnahmen.

Bei diesem Sand handelte es sich gerne um feinen See- oder Flusssand, der mit pulverisiertem Glas oder anderen zerriebenen Stoffen eingefärbt war. Dieser auch Schreibsand genannte Vorgänger des späteren Löschpapiers wurde nach seiner Verwendung aus den Buchseiten in der Regel ausgekehrt, weswegen man auf ihn in Archiven heute nur gelegentlich stößt.

„Der Löschsand an sich wäre auch nicht problematisch, würde er sich nicht in den Mittelfälzen der einzelnen Bandlagen sammeln und so zu einer einseitigen Verdickung des Buchblocks und dadurch zu einer Verschiebung von dessen Lagengefüge führen“, erklärt Pohl weiter.

Will heißen: Die oben und unten liegenden Lagen eines Buchblocks wandern nach links, während sich die dazwischen befindlichen Lagen nach rechts bewegen. Der gesamte Buchblock wird also in sich mechanisch verschoben. Pergamenteinbände – wie bei den meisten restaurierten Ratsprotokollen - können diese Bewegung nur bedingt ausgleichen, so dass auch sie eine Verformung durchmachen.

Für das Amtsbuch bedeutet dies, dass seine Seitenkanten über den Einband hinausragen und so leichter mechanisch beschädigt werden als bei einem intakten Buchblock. Erst mit Ausblasen des Schreibsands kann der Buchblock wieder in seine ursprüngliche Form zurückgeformt werden – mit Geduld und dem nötigen Druck wird so eine über Jahrhunderte entstandene Verformung revidiert. Der Buchblock kann dann anschließend vom Restaurator wieder fachgerecht in seinem Einband fixiert werden.

Aber nicht nur vom Löschsand haben die Restauratoren die Ratsprotokolle befreit, auch Staub, Verschmutzungen und Schimmelpilzsporen wurden aus ihnen fachkundig entfernt. Vor allem die Außenseiten der empfindlichen Pergamenteinbände wurden ebenfalls von Anhaftungen und Verfärbungen befreit und vorhandene Risse und Löcher in den Bandseiten sowie den flexiblen Pergamenteinbänden hinterklebt oder ergänzt. Jeder Band wurde so individuell instandgesetzt.

Doch warum so viel Aufwand um alte Pergamentbände? „Für die Geschichtswissenschaft ist vor allem der Inhalt der Protokolle interessant“, betont Martina Pohl. Neben den politischen Geschehnissen und Entscheidungsfindungen des obersten Stadtgremiums der jeweiligen Zeit, geben die Bände zwischen den Zeilen auch einen Einblick in das Alltagsgeschehen der Bürgerschaft. Die restaurierten Ratsprotokolle geben beispielsweise Bericht über den Ausbau der Ingolstädter Festung. Auch die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges und der Pestwellen des 17. Jahrhunderts spiegeln sich darin wider.

Für seine Bemühungen um den Erhalt des Ratsprotokollbestands hatte das Stadtarchiv – wie berichtet – 2022 eine Unterstützung aus Bundesmitteln erhalten. Es konnten 46 Ratsprotokolle aus der Zeit von 1600 bis 1699 mit nahezu 30000 Seiten restauriert werden. Damit ist laut Pohl der Bestand von 1523 bis bis einschließlich 1699 vollständig restauriert.

Zwei weitere Anträge für das 18. und 19. Jahrhundert hat das Stadtarchiv ebenfalls gestellt. Nach der Restaurierung sollen alle Bände digitalisiert werden. Damit steht dem Archiv noch eine Menge Arbeit bevor, denn die Ratsprotokolle von fast 500 Jahren (1523 bis 2019) sind vollständig im Bestand. Darin enthalten sind sämtliche Beschlüsse des Hauptstadtrats, die das Archiv vom Sitzungsdienst erhält. Hauptinteressent ist übrigens die Stadtverwaltung selbst, von woher viele Anfragen kommen.