Unfallstatistik 2021

Das Virus bremst weiter: Weniger Verkehr in der Pandemie

Weniger Verkehr in der Pandemie lässt Unfallzahlen sinken – Polizeipräsidium stellt Statistik 2021 vor

23.02.2022 | Stand 23.02.2022, 7:30 Uhr

Unter anderem mit gezielten Kontrollen versucht die Polizei die Durchschnittsgeschwindigkeiten auf den Straßen in Bayern und der Region zu senken. Foto: Hauser (Archiv)

Von Johannes Hauser

Ingolstadt – Seit fast einem halben Jahrhundert werden in Deutschland Verkehrsunfälle statistisch erfasst. Das Polizeipräsidium Oberbayern Nord hat jetzt die Zahlen für das Jahr 2021 vorgelegt. Die sind mit denen aus dem ersten Berichtsjahr 1953 freilich nicht wirklich zu vergleichen. Zu viel hat sich geändert: Der Verkehr ist ständig gewachsen und damit geschahen auch immer mehr Unfälle. Der dadurch steigenden Zahl von Verletzten und Toten wirken stets Innovationen entgegen: Autos und Straßen werden sicherer, die Gurtpflicht und andere Regelungen retteten Menschenleben. Und so schlagen sich in der jährlichen Unfallstatistik immer auch gesellschaftliche und technische Veränderungen nieder.

Das gilt auch für die Bilanz des zu Ende gegangenen Jahres. Wie schon 2020 war auch 2021 von Corona geprägt. Allerdings ist hier eine der eher seltenen positiven Auswirkungen der Pandemie erkennbar: „2021 ist neuer Anwärter für das Jahr mit den landesweit wenigsten Verkehrstoten seit Einführung der deutschen Unfallstatistik“, schreibt die Polizei. „Die weiterhin grundlegende Angst vor Infektionen, der zweite Corona-Lockdown von Januar bis Mai 2021 sowie diverse Einschränkungen bei Reisen und Kontakten haben die Mobilität auch im vergangenen Jahr maßgeblich mit beeinflusst. Darüber hinaus arbeiteten die Menschen vermehrt von zu Hause aus.“ Und so gilt, was wohl bereits für die Statistik 2020 galt: „Das Jahr kann statistisch mit den übrigen Jahren kaum verglichen werden.“ Dennoch bietet der gut 50 Seiten lange Bericht interessante Einblicke.

Weniger Unfälle,weniger Unfallopfer

Insgesamt sind in Bayern 2021 bei exakt 359002 registrierten Unfällen 443 Menschen ums Leben gekommen. Das sind 41 weniger als im Jahr zuvor bei 345411 Unfällen. Vor der Pandemie waren es deutlich mehr: 541 im Jahr 2019 (416611 Unfälle) und sogar 618 im Jahr 2018 (410252 Unfälle).

In Ingolstadt und den umliegenden Kreisen hat die Polizei 2021 insgesamt 13898 Unfälle aufgenommen (2020: 13580). In den Kreisen Eichstätt (3349/ 3103) und Pfaffenhofen (4112/ 3949) sind die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr etwas gestiegen, in Neuburg-Schrobenhausen (2575/2626) und der Stadt Ingolstadt (3862/3902) gesunken. Der Einfluss der Pandemie wird im Vergleich mit den Zahlen vor Corona deutlich: In der vergangenen Dekade sind die Unfallzahlen in der Region insgesamt stetig nach oben gegangen. 2019 erreichten sie mit 16436 einen Höchststand.

Im vergangenen Jahr starben auf den Straßen der Region 20 Menschen bei Verkehrsunfällen; acht im Kreis Pfaffenhofen, je fünf in den Kreisen Eichstätt und Neuburg-Schrobenhausen sowie zwei im Stadtgebiet von Ingolstadt. 2020 waren es insgesamt 23, im Jahr 2019 27.

Der Trend geht weiter zum Elektromotor auf zwei Rädern

Die wachsende Verbreitung neuer Verkehrsmittel wie Pedelecs – landläufig E-Bikes genannt – und E-Scootern schlägt sich auch in der Unfallstatistik nieder. 2021 sind im Zuständigkeitsgebiet des Präsidiums in 2131 Fällen Radler mit und ohne Motor in einen Unfall verwickelt gewesen. 358 von ihnen waren mit einem Pedelec unterwegs. Zehn Radler sind in Oberbayern Nord 2021 bei einem Unfall ums Leben gekommen. Sieben von ihnen trugen keinen Helm.

Laut Unfallstatistik wurden die meisten Unfälle (71,6 Prozent bei herkömmlichen Rädern und 79 Prozent bei Pedelecs) von den Fahrern selbst verursacht. Die meisten Unglücke geschahen wegen Vorfahrtsverstößen und beim Abbiegen. Manch einer ist außerdem mit seinem Gefährt überfordert. Nicht selten habe auch die „ungewohnte Geschwindigkeit“ von Pedelecs zu Unfällen geführt. Die Polizei rät deswegen dringend dazu, das E-Bike vor einem Ausritt in den Straßenverkehr „gründlich kennenzulernen.“

Das ist wohl auch bei E-Scootern ratsam. Die Straßenflitzer tauchen für das Jahr 2021 das zweite Mal in den Unfallstatistiken auf. Als „Elektrokleinstfahrzeuge“ gelten auch Segways, nicht aber Airwheels, Hover-boards oder E-Skateboards, „weil diese keine Lenk-/Haltestange haben“, erklärt die Polizei. 2021 sind im Präsidium 58 Unfälle in dieser Kategorie aktenkundig geworden. 2020 waren es 47. Verletzungen haben 45 Scooter-Fahrer erlitten. Der Anteil der selbst verschuldeten Unfälle ist mit 73 Prozent vergleichbar mit dem bei Radfahrern. „Hauptunfallursachen waren Alkoholeinwirkung, falsche Straßenbenutzung, Nichtbeachten von Vorfahrt/Vorrang und sonstige Ursachen (z.B. Gleichgewichts- und Handhabungsprobleme)“, schreibt die Polizei.

Die gesamte Verkehrsbilanz ist online abrufbar.

Zu schnell wird schnell gefährlich

Manche Trends hat auch Corona nicht verändert. So ist eine der häufigsten Unfallursachen schon seit Jahren nicht angepasste Geschwindigkeit. Die Polizei weist darauf hin, dass damit nicht zwingend Raserei gemeint ist oder das Überschreiten einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Es gehe vielmehr um ein verantwortungsvolles Tempo „im Hinblick auf die Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnisse sowie die eigenen Fahrfertigkeiten.“ Die Geschwindigkeit sei maßgeblich für die Frage, wie schwer ein Unfall ist, aber auch, ob er überhaupt passiert. Bei Unfällen auf der Autobahn war im Jahr 2021 einmal mehr nicht angepasste Geschwindigkeit die Ursache Nummer 1 (bei 25 Prozent von 5146 Unfällen). Direkt dahinter lag ein „ungenügender Sicherheitsabstand“ (23 Prozent).

Insgesamt hat die Polizei im Zuständigkeitsgebiet des Präsidiums Oberbayern Nord im vergangenen Jahr 1829 so genannte„Geschwindigkeitsunfälle“ aufgenommen. Dabei fällt auf, dass diese Zahl – anders als die Zahl der Gesamtunfälle – in der Pandemie nicht abgenommen hat. Sie bewegt sich innerhalb statistischer Schwankungen auf dem Vor-Corona-Niveau. Im Vergleich zu 2020 ist sie um knapp ein Drittel gestiegen.

In Ingolstadt fallen 107 der insgesamt 3862 Unfälle in diese Kategorie. Im Kreis Neuburg-Schrobenhausen waren es 92 von 2575, im Kreis Pfaffenhofen 174 von 4112 und im Landkreis Eichstätt 205 von 3349. Zur Einordnung: In der Gesamtzahl sind auch Radunfälle und Blechschäden enthalten. Betrachtet man die schweren und tödlichen Unfälle, sind Geschwindigkeitsüberschreitungen und nicht angepasste Geschwindigkeit seit Jahren die Haupt-Unfallursache, teilt das Präsidium mit. 2021 starben im nördlichen Oberbayern acht Menschen wegen nicht angepasster Geschwindigkeit.

„Die Bekämpfung dieser Unfallursache hat bei der bayerischen Polizei einen enorm hohen Stellenwert“, heißt es im Bericht zur Unfallstatistik. Dazu gehören öffentlichkeitswirksame Verkehrsüberwachungsmaßnahmen wie der Blitzmarathon. Ziel sei es, „langfristig die Durchschnittsgeschwindigkeit der Verkehrsteilnehmenden zu senken“. Würde es gelingen, diesen Wert nur um 1 km/h zu senken, würde das einen Rückgang der Verkehrsunfälle um vier Prozent bedeuten, rechnen die Statistiker vor.

DK