Mittwoch, 26. September 2018
Lade Login-Box.

Explosion in Bayernoil Raffinerie: Aufräumarbeiten haben begonnen.

Nach der Katastrophe

Vohburg
erstellt am 03.09.2018 um 20:34 Uhr
aktualisiert am 07.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Nach der verheerenden Explosion in der Bayernoil Raffinerie in Vohburg haben die Aufräumarbeiten auf dem Firmengelände begonnen. Und das ganze Ausmaß der Schäden im Ortsteil Irsching wird offenbar.
Textgröße
Drucken
In der Messwarte, dem Kontrollraum, arbeiteten einige Mitarbeiter, die bei der Explosion verletzt wurden.
In der Messwarte, dem Kontrollraum, arbeiteten einige Mitarbeiter, die bei der Explosion verletzt wurden.
Hauser
Vohburg
 "Gesperrte Gebäude nicht betreten. Anlage und Schalthäuser bei Starkregen/Wind verlassen!" Auf einer provisorisch angebrachten, silberfarbenen Tafel am Werkstor stehen Sicherheitsanweisungen für die Belegschaft. Das Tor selbst ist bei der Explosion am vergangenen Samstagmorgen weitgehend unbeschädigt geblieben. Das Pförtnerhäuschen hat schon mehr abbekommen. Ein Containergebäude daneben, ein einigermaßen intakter Teil des durch die Detonation extrem beschädigten Areals, in dem die Werksfeuerwehr untergebracht ist, dient derzeit als Hauptquartier. Die Bayernoil-Leute, die hier ein und ausgehen, sind noch etwas blass um die Nase. Sie wissen, dass man trotz des finanziellen Millionenschadens Riesenglück gehabt hat. Weil ein Übergreifen der Flammen auf die nahestehenden Tanks und damit eine noch viel größere Katastrophe verhindert werden konnte. Aber auch, weil sich an jenem verhängnisvollen Samstagmorgen, als kurz nach 5 Uhr der große Knall kam, nur 30 Menschen auf dem Werksgelände aufgehalten haben. An einem normalen Wochentag arbeiten hier pro Schicht bis zu 100 Mitarbeiter.
Fotostrecke: Gang über das zerstörte Bayernoil-Gelände
35

Es sind weder Tote noch Schwerverletzte zu beklagen. Die Polizei meldete gestern "nach derzeitigem Kenntnisstand" 16 amtlich dokumentierte Verletzte. Die meisten von ihnen wurden ambulant behandelt. Fünf kamen mit mittelschweren Verletzungen in umliegende Krankenhäuser. Viele von ihnen sind Mitarbeiter. Sie arbeiteten etwa in der Messwarte, dem Kontrollraum, der von der Druckwelle stark beschädigt wurde. Das sagte Norbert Botz, Leiter für Sicherheit und Umwelt bei Bayernoil, gestern gegenüber der Presse. Auch ein Mann der Werksfeuerwehr ist unter den Verletzten. Zwei der Mitarbeiter sind laut Bayernoil noch in ärztlicher Behandlung.
Die Löscharbeiten nach der verheerenden Explosion in der Bayernoil-Raffinerie in Vohburg waren auch am Montag noch nicht gänzlich abgeschlossen.
Die Löscharbeiten nach der verheerenden Explosion in der Bayernoil-Raffinerie in Vohburg waren auch am Montag noch nicht gänzlich abgeschlossen.
Hauser
Vohburg


Mit fünf Leuten war die Werksfeuerwehr in besagter Nachtschicht besetzt. Vier von ihnen durften ruhen, einer hielt Wache, als ein paar Minuten nach 5 Uhr der Gasalarm schrillte. Etwa zehn Sekunden später - 30 Werksfeuerwehrler von außen waren gerade alarmiert worden - kam der große Knall, dem das Feuer und weitere kleinere Explosionen folgten.
 

Explosion in Raffinerie

 


"85 Prozent des Standorts sind heilgeblieben", sagt Botz. Dennoch sei die Raffinerie "notabgefahren" worden. Wie lange die Anlage stillsteht, vermag niemand zu sagen. Noch immer wird das sich in dem betroffenen Anlagenteil befindliche Flüssiggas kontrolliert abgebrannt.
Kripo und Landeskriminalamt haben die Ermittlungen aufgenommen. Der komplette Standort ist derzeit stillgelegt.
Kripo und Landeskriminalamt haben die Ermittlungen aufgenommen. Der komplette Standort ist derzeit stillgelegt.
Hauser
Vohburg



Die Explosion ereignete sich in einem Prozessteil, in dem Benzin entschwefelt sowie die Produkte, also Benzin und Flüssiggas, veredelt werden. Der betroffene Bereich ist ein Komplex von vier Anlagen. Noch ist nicht ganz klar, in welcher der vier Anlagen genau der Brandherd war. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen zur Explosionsursache aufgenommen. Eine Ermittlungsgruppe wurde eingerichtet, am Sonntagnachmittag fand in bereits zugänglichen Teilbereichen eine erste Brandbegehung statt, bei der auch ein Gutachter des Landeskriminalamts sowie eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft dabei waren. Weil die Löscharbeiten noch nicht abgeschlossen sind, war ein Betreten des unmittelbaren Brandbereichs noch nicht möglich, so die Polizei. "Wegen des erheblichen Zerstörungsgrades und der Komplexität der zu erhebenden innerbetrieblichen Abläufe ist zu erwarten, dass die Ermittlungen zur Klärung der Brandursache erhebliche Zeit in Anspruch nehmen werden." Anhaltspunkte für eine Außeneinwirkung gibt es laut Hans-Peter Kammerer, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Nord, nicht.
Fotostrecke: Brand Bayernoil in Irsching
27
In der Raffinerie sind die Mitarbeiter mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Auch die Schäden in der Umgebung sind immens. Das Haus von Andreas Amann steht nur wenige Hundert Meter neben der Raffinerie. Ihn und seine Nachbarn hat die Explosion außerhalb der Raffinerie am stärksten getroffen. Amann ist mit seiner Familie erst am Abend vor dem Unglück aus dem Urlaub von der Nordsee heimgekommen. Als ihn die Explosion aus dem Bett geholt hat, ist er vor das Haus gelaufen. "Es war taghell und eine Rauchwolke war zu sehen", erzählt er. Halb im Schlaf hat der Geschäftsführer der Stadt Vohburg - noch auf der Straße stehend -, dann um 5.14 Uhr Bürgermeister Martin Schmid aus dem Bett geklingelt. "Martin, wir haben ein Problem", waren seiner Erinnerung zufolge die ersten Worte, die er dem Rathauschef sagte. Angesichts der sichtbaren Gefahr, wollte er seine Familie so schnell es geht in Sicherheit bringen und Abstand zur Raffinerie schaffen. Doch sie konnten nicht wegfahren, weil die Druckwelle der Explosion das Garagentor zerstört hat und sie nicht an ihr Auto kamen. Ein Verwandter hat die Familie abgeholt.
Währenddessen haben die Aufräumarbeiten in den durch die Detonation betroffenen Gebäudeteilen begonnen.
Währenddessen haben die Aufräumarbeiten in den durch die Detonation betroffenen Gebäudeteilen begonnen.
Hauser
Vohburg



Zu diesem Zeitpunkt hat Amann noch keinen Gedanken an die Schäden verschwendet, die an seinem Haus entstanden sind. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird erst jetzt sichtbar. Dutzende von Garagentoren in Irsching sind zerstört. Manche von ihnen wurden verbogen, andere brachen förmlich in der Mitte auseinander. Dachbalken hat es bis zu zehn Zentimeter verschoben, die Rolläden hat es wie in einem heftigen Sturm gegen die Fenster geschlagen, die splitterten. Bei einem Anwohner hat es mehrere Reihen von Dachziegeln nach oben geschoben und Nägel aus den Dachlatten gerissen. Ein Nachbar wollte nach der Explosion nach dem Rechten schauen und musste feststellen, dass seine Haustüre herausgerissen wurde.
Es steht kaum ein Haus in diesem Bereich, das durch die Druckwelle keine Risse bekommen hätte. An einem großen Stadl, der unmittelbar in der Flucht zur Raffinerie steht, zieht sich ein deutlich sichtbarer Riss bis hinauf zum Dachstuhl. Weitgehend unbeschädigt blieb dagegen eine großflächige Freiflächen-Photovoltaikanlage, die erst vor Kurzem installiert wurde und in unmittelbarer Nähe zum Explosionsherd steht.

Derweil sind die betroffenen Bürger aus Irsching dabei, die Schäden aufzuräumen. Abgedeckte Dächer waren gestern bereits keine mehr zu sehen, das wurde größtenteils noch am Samstag erledigt. Auch die ersten Handwerker waren bereits im Einsatz. Gegebenenfalls müssen noch Baugutachter eingeschaltet werden, um etwa Schäden im Mauerwerk oder im Dachstuhl zu beziffern. Etliche Emails sind auch in der Stadt Vohburg eingelaufen. Laut Beate Schoberer von der Verwaltung dürften es rund 150 gewesen sein. Die Bürger wollen wissen, wohin sie sich mit ihren Schäden wenden können und viele von ihnen kontaktieren daraufhin die Stadt, sie schicken Fotos von den Zerstörungen und haben Fragen. Die Stadt leitet diese Anfragen weiter an Bayernoil, wo man sich um die Abwicklung kümmern will. Laut einer Mitteilung sollten die Bürger die Schäden dokumentieren und reparieren lassen. Die Fotos und die Rechnungen sollen entweder schriftlich an die Bayernoil Raffineriegesellschaft mbH, Postfach 1252, 93328 Neustadt oder per Mail an info@bayernoil.de eingesendet werden.
 

Raffinerien und petrochemische Betriebe in der Region

Die Bayernoil Raffineriegesellschaft hat in der Region zwei aktive Standorte. Etwa 750 Mitarbeiter arbeiten in Vohburg (Kreis Pfaffenhofen) und Neustadt (Kreis Kelheim) im Verbund zusammen. Elf Pipelines verbinden die zwei Standorte. Auf dem etwa 127 Hektar großen Gelände in Vohburg werden sämtlich heute verwendeten Benzinsorten, Diesel-Kraftstoff, leichtes Heizöl, Kerosin, Bitumen, Schwefel, Flüssiggas und Raffinerieheizgas für den Eigenbedarf hergestellt. In Neustadt läuft die Produktion seit 1964 auf einem etwa 300 Hektar großen Gelände. Wie in Vohburg werden alle Benzinsorten, Diesel-Kraftstoff sowie schweres Heizöl, Propan, Butan und Raffineriegas hergestellt. Der Standort übernimmt nun die Produktion von Vohburg. Die Bayernoil Raffinerie in Ingolstadt wurde 2008 außer Betrieb genommen.

Raffinerien rund um Ingolstadt
Raffinerien rund um Ingolstadt
Grafik: DK
Vohburg

Eine weitere aktive Raffinerie betreibt das Unternehmen Gunvor in Ingolstadt. Der Standort versorgt den gesamten süddeutschen Raum mit fünf Millionen Tonnen Mineralölprodukten pro Jahr. Alle drei Raffinerien werden von der Transalpine Ölleitung (TAL) mit Rohöl versorgt. In Lenting befindet sich ein Tanklager mit einer Gesamtkapazität von 318 000 Kubikmetern. Die Tanks dienen ausschließlich der Zwischenlagerung, bevor das Rohöl durch zwei Abschnitte gepumpt wird. Einer verläuft nach Westen bis nach Karlsruhe. Der andere versorgt die Raffinerie in Ingolstadt sowie die Bayernoil-Raffinerie in Neustadt. Engpässe bei der Versorgung mit Rohöl werde es nicht geben, sagte Norbert Botz, Leiter für Sicherheit bei Bayernoil.  Der Mineralölwirtschaftsverband konnte auf Nachfragen unserer Zeitung noch keine Aussage zu den Auswirkungen der Explosion auf die Versorgung in Bayern machen. Zusätzlich auf der Karte eingezeichnet ist der Chemiepark in Münchsmünster, der ebenfalls mit Erdöl arbeitet.

Ruth Stückle, Markus Meßner
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!