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Unbekannte Kirche erinnert an Mord

erstellt am 03.03.2006 um 19:21 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 14:55 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (peh) Die Kapelle auf dem Westfriedhof, die Verschuldung der Landwirte und die Barackensiedlung am Turm Triva sind nur einige Themen unserer DK-Chronik. Wir lassen die Ereignisse vor 100, 75, 50 und 25 Jahren wieder Revue passieren.
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Vor 100 Jahren

Selbst alteingesessenen Schanzern dürfte die Gottesackerkapelle am Westfriedhof nur von außen bekannt sein. Vor 100 Jahren war die vernachlässigte kleine Kirche von der Stadt Ingolstadt renoviert worden. Doch erst als die Arbeiten beendet waren, tauchte die Frage auf, wer eigentlich für den Bauunterhalt der Kirche zuständig ist. Nachforschungen ergaben, dass nach einem Beschluss der kurfürstlich-bayerischen Regierung aus dem Jahr 1805 die Kapelle der Oberen und der Unteren Pfarr gehört. Die Stadt hätte also gar nicht zahlen müssen. Weil man das Geld aber schon ausgegeben hatte, deklarierte man das Ganze als einmaligen Zuschuss.

Die einfach gehaltene Kirche ist das ganze Jahr über geschlossen und wird nur zu Allerseelen geöffnet. Im Inneren erblickt der Besucher einen barocken Altar aus dem Jahr 1777, der so gar nicht recht zu der Kapelle passt. Dieser so genannte "Sieben-Zufluchten-Altar" stammt vermutlich noch aus der längst abgebrochenen Jesuitenkirche. Gleich links am Eingang steht ein Gedenkstein, der der an die ehemalige Besitzerin des Schwabenbräu an der Theresienstraße erinnert. Diese hatte im Jahr 1802 den Bau der Kapelle gestiftet.

Außen auf der südlichen Längsseite der Gottesackerkapelle befinden sich die Priestergräber, während im Norden drei verwitterte Grabsteine an ein schreckliches Verbrechen erinnern. Am 17. März 1800 waren die Melberin (Mehlhändlerin) Helena Prandtner und ihre Töchter Helena und Johanna auf heimtückische Art und Weise ermordet worden. Es war die Zeit, als während der Napoleonischen Kriege die Franzosen und die mit ihnen verbündeten Österreicher vor den Toren Ingolstadts lagen.

Zwei böhmische Soldaten namens Luzian und Hoferer gingen bei besagter Melberin ein und aus. Sie erschlichen sich das Vertrauen der Witwe und versprachen ihr, sie gegen Überfälle zu verteidigen. Die üblen Gesellen wollten jedoch nur an das Geld der Frau.

In der Nacht des 17. März 1800 setzten sie ihr schändliches Vorhaben in die Tat um und löschten die ganze Familie aus. Die drei Frauen wehrten sich nach Kräften, jedoch vergebens. Während des Kampfes verlor aber einer der Soldaten seinen Stock, und das sollte den Mördern zum Verhängnis werden. Die Polizei kam ihnen auf die Spur, und an ihren Kleidern klebte noch das Blut der Opfer. Luzian und Hoferer wurden zum Tode verurteilt und am 9, Juni 1800 hingerichtet. Die Leichen der Prandtnerin und ihrer Töchter aber wurden auf dem Friedhof der Sebastianskirche zu Grabe getragen und wenig später auf den Westfriedhof überführt.

Das Thema Bildung war vor 100 Jahren mindestens genauso aktuell wie heute. Freilich ereiferte sich damals niemand über die Pisa-Studie. Vielmehr freute man sich darüber, dass von den 30 000 eingezogenen bayerischen Rekruten gerade mal acht Analphabeten waren. Fein säuberlich vermerkt der Bericht weiter, dass von diesen keiner aus Ingolstadt stammte, dafür aber vier aus Oberfranken. Schließlich beschloss der Magistrat, für die Ingolstädter Schulen 25 Bilder von deutschen Fürsten anzuschaffen. Bei der Frage, ob man denn auch gleich die passenden Rahmen kaufen sollte (immerhin ein Betrag von 60 Mark), hörte die Vaterlandsliebe jedoch auf.

 

Vor 75 Jahren

Noch heute ist der Flurname Am Galgenberg in Gerolfing ein Begriff. Wie der Name schon sagt, befand sich östlich des Ingolstädter Ortsteils einst die Hinrichtungsstätte. Dort wurden später immer wieder die sterblichen Überreste der Gehenkten gefunden wurden. Ein 1931 entdecktes Skelett sorgte jedoch für Aufsehen. Grabräuber hatten nämlich die Knochen heimlich geborgen und über dubiose Kanäle verkauft. Das Verbrechen wurde jedoch entdeckt und hart bestraft.

1786 landwirtschaftliche Betriebe zählte vor 75 Jahren der gesamte Bezirk Ingolstadt. Die durchschnittliche Größe lag bei 13 Hektar. Damals wie heute war die Lage der Landwirtschaft jedoch nicht allzu rosig. Die Betriebe hatten insgesamt acht Millionen Mark Schulden, was in etwa 20 Prozent des Einheitswertes entspracht.

 

Vor 50 Jahren

Ein überaus harter Winter ging Anfang März 1956 langsam aber sicher zu Ende. Besonders darunter zu leiden hatten die Bewohner der so genannten Barackensiedlung am Turm Triva. In den zum Teil aus Holz errichteten Notunterkünften waren während der der strengen Kälte über Wochen hinweg die Wasserleitungen und die Toiletten eingefroren. Die Bewohner, darunter viele Kriegsflüchtlinge, mussten ihre Öfen praktisch Tag und Nacht heizen, um Eisbildung im Inneren zu verhindern. In vielen Hütten bildete sich dennoch massiver Schimmel an den Wänden. Holz und Wäsche verfaulten buchstäblich innerhalb eines Jahres. Durch den großzügigen Bau von Wohnungen ab Ende der 50er Jahre konnte die Barackensiedlung nach einigen Jahren aufgelöst werden.

Auch in Reichertshofen hatte die Gemeinde mit dem strengen Winter und Geldmangel zu kämpfen. Ende Februar 1956 musste sogar die Schule für eine Woche geschlossen werden. Der Grund war akuter Mangel an Brennstoff.

Während viele Menschen noch mit den Folgen des Krieges zu kämpfen hatten und teilweise unter katastrophalen Bedingungen hausen mussten, genossen andere bereits die Vorzüge des Wirtschaftswunders. So wurde in Lenting damals der vierte Fernseher in Betrieb genommen.

 

Vor 25 Jahren

Eine herbe Enttäuschung erlebten 1981 viele Audi-Mitarbeiter, die ihr Auto verkaufen und sich einen neuen Jahreswagen zulegen wollten. Jahrelang hatte dieses System bestens funktioniert. Die "Audianer" fuhren immer einen neuen Wagen und machten meistens sogar einen kleinen Gewinn. Überkapazitäten und eine Zurückhaltung der Käufer führten jedoch vor 25 Jahren dazu, dass die Audi-Mitarbeiter ihre neuen Autos zum Teil deutlich unter Wert veräußern oder auf den Neuwagen verzichten mussten.

Die Integration ausländischer Mitbürger nahm der Stadtrat 1981 in Angriff. Damals verabschiedeten die Stadtväter einen 15-Punkte-Katalog, um die in Ingolstadt lebenden Gastarbeiter und deren Familien in die Gesellschaft einzugliedern.

 

Bernhard Pehl
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