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Es geht bald wieder rund

Ingolstadt
erstellt am 29.10.2018 um 19:19 Uhr
aktualisiert am 02.11.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Alle sieben Jahre treten die Schäffler auf. Eine Tradition, die in Ingolstadt seit 1902 von der MTV-Abteilung gepflegt wird. 2019 stimmen die Männer wieder das bekannte Lied "Aber heid is koid" an. Die Proben laufen auf vollen Touren.
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Nachwuchssorgen kennen die Ingolstädter Schäffler nicht: Bei der jüngsten Kampagne 2012 war der damals dreieinhalbjährige Leonhard Büchl als Mini-Schäffler dabei.
Nachwuchssorgen kennen die Ingolstädter Schäffler nicht: Bei der jüngsten Kampagne 2012 war der damals dreieinhalbjährige Leonhard Büchl als Mini-Schäffler dabei.
Rössle/Archiv
Ingolstadt
Die Proben laufen hervorragend, der Nachwuchs ist mit Feuereifer dabei, die Stimmung hervorragend: Die Schäfflergilde des MTV Ingolstadt kann zufrieden sein. Nur die Natur hat der traditionellen Figurentanzgruppe, die im Jahr 1902 erstmals in Ingolstadt auftrat, heuer einen Strich durch die Rechnung gemacht. Genauer gesagt ein Insekt namens Buchsbaumzünsler. Denn der hat heuer nahezu alle Buchsbäume in der Stadt kaputt gemacht. Und genau dieses Grün verwenden die Schäffler immer zum Schmuck ihrer Reifen. Mit dem Gartenamt der Stadt will die Traditionsvereinigung sich nach Alternativen umschauen.

Doch bis dahin ist noch eine Menge Zeit, denn bei den Proben wird zwar gleich mit den Reifen getanzt, die aber noch blank sind. Vorerst ist Training angesetzt, und zwar zwölf Wochen lang jeden Samstagvormittag in der alten Turnhalle des Scheiner-Gymnasiums. Dann müssen die teilweise nicht gerade einfachen Figuren wie Laube, Schlangentanz, kleine und große Krone oder Kreuz und die richtig schwierigen Reifenwechsel sitzen. Doch bei dieser zweiten Probe läuft es ziemlich rund, wie Vortänzer Hans Hagn jun. bestätigt, der während der Laube mit den ewig gleichen drei Zwischenschritten durch das Spalier der Schäffler hindurchtanzte. "Da hatten wir schlechtere Jahre." Er muss es wissen, ist er doch schon das sechste Mal dabei. "Ich hab' schon alles gemacht", erinnert er sich: Mini-Schäffler, Tänzer und jetzt zum zweiten Mal Vortänzer. Das Amt habe ich von meinem Vater übernommen." Und der Vortänzer gibt mit seiner kleinen Fahne die Einsätze vor, während er die andere Hand auf die Hüfte stützt, er ist der, auf den sich alle Augen richten.

Bei den Ingolstädter Schäfflern ist dies nicht ungewöhnlich, wie man dem Namen Hagn generell öfters begegnet. So ist Hans Hagns Sohn Max auch schon mit von der Partie. Der Fünfjährige tritt in die Fußstapfen seines Vaters: Er ist zusammen mit dem siebenjährigen Johannes einer der beiden Minischäffler und mit Feuereifer dabei. Voller Elan machen sie das nach, was Hans Hagn vortanzt.

Auch Vinzenz Hagn setzt eine lange Familientradition fort. "Ich bin in der dritten Generation Fassschläger", erzählt er nicht ohne Stolz, währenddessen Tanzlehrer Willi Hagn den Neulingen bei der Probe die Schönheiten und Schwierigkeiten der kleinen Krone beibringt: Vier Kronen mit je fünf Leuten müssen sich beim Tanzen flüssig formieren - und dann wieder locker einen großen Kreis bilden. "Mein Urgroßvater war der letzte Fassmacher in Ingolstadt. Und mein Vater und Großvater waren alle Fassschläger und hießen alle Vinzenz", erzählt derweil der Nachfahre, der seinen Einsatz erst später hat. Tradition hat einen hohen Stellenwert bei den Schäfflern, die nach der Pest 1517 in München als erste wieder auf die Straße gingen und ihren Zunfttanz aufführten. "Das Amt wird immer vom Vater an den Sohn übergeben", sagt Vinzenz, der zuvor schon dreimal mitgetanzt hat.

Wobei das Fassschlagen schwieriger ist, als es ausschaut. Der Schläger muss mit seinen zwei Hämmern exakt im Rhythmus zur traditionellen Melodie "Aber heid is koid" auf die Eisenreifen eines Fasses klopfen. "Außerdem braucht er den richtigen Winkel, sonst rutscht er ab", weiß Rudi Rindfleisch. Als Fassträger hat er vor 35 Jahren begonnen und hat seit einigen Kampagnen das Amt des Fahnenträgers inne. "Das ist eine Ehre", sagt Rindfleisch, der das Amt einst von dem bekannten Josef Schmidtner übernommen hat. Er war des Öfteren in der italienischen Partnerstadt Carrara mit dabei und kann von schweißtreibenden Auftritten berichten, als die Sänger bei hochsommerlichen Temperaturen über 30 Grad die Textzeile "Aber heid is' sakramentisch koid" anstimmten. "Die Kleidung ist ja ausgelegt für den Winter", sagt Rindfleisch, während die Tänzer bei der Probe die Schlange bilden. Der Name kommt nicht von ungefähr: Die schlängelnde Bewegung gibt der Formation später bei den Auftritten die Möglichkeit, um die Zuschauer herumzutanzen, was für die Akteure jedes Mal ein großer Spaß ist.

Beim Training in der alten Turnhalle nutzt Rindfleisch die Zeit und gibt seinem Stellvertreter Christoph Bankmann wertvolle Tipps. Denn die richtige Technik ist wichtig, damit sich die Fahne nicht eindreht und immer schön schwingt. An die zehn Kilo wiegt das gute Stück schon, was auf Dauer ganz schön in die Arme geht. "Der Winkel ist wichtig", sagt Rindfleisch und rät Bankmann, das untere Fahnenende am Ledergürtel der Zunftkleidung abzustützen: "Das schaut immer gut aus, wenn eine Hand frei ist."

Jede Position der Schäfflergilde ist doppelt besetzt, falls mal einer ausfällt. "Wir haben acht Wochenenden. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon mal eine so lange Saison hatten", erzählt Vortänzer Hans Hagn. Weit über 100 Auftritte dürften es wieder werden. Da sei es durchaus verständlich, wenn mal ein Tänzer ein Wochenende frei haben möchte. Auch wenn alle mit Herzblut dabei sind. "Die Leute freuen sich darauf", sagt Hagn. Und das, da sind sich die Schäffler einig, liegt nicht zuletzt daran, dass gemäß der Überlieferung nur alle sieben Jahre getanzt wird. Daran halten auch die Ingolstädter eisern fest - zwischen den Kampagnen begleiten sie höchstens mal einen Festzug, mehr nicht.

Auf die neue Saison freut sich auch Edgar Staniszewski. Sein Vater war Schäffler, und der heute 55-Jährige war als kleiner Bub schon Mini-Schäffler. "Wen man es nicht mehr gewohnt ist, merkt man es am Anfang schon", räumt er nach sieben Jahren Pause ein. Doch er schätzt die Schäfflergilde auch aus einem anderen Grund: "Man sieht sich nicht so oft, aber man findet sofort einen Draht zueinander", sagt er. Und damit ist er nicht alleine. Auch Rudi Rindfleisch schätzt die Kameradschaft in der Truppe, die freilich nur dann funktioniert, wenn auch eine gewisse Disziplin und ein Gemeinschaftssinn herrschen.

Nachwuchssorgen kennen die Ingolstädter Schäffler nicht. Auch heuer sind wieder etliche Neulinge unter den Tänzern. "Man kommt schon ganz schön ins Schwitzen", räumt Korbinian Reischl in der Pause ein, die Lehrer Willi Hagn jun. nach einer Stunde ansetzt. Der 19-Jährige hat sich die 20 Minuten dauernden Vorführungen früher mit seinem Vater ein paar Mal angeschaut, wurde gefragt - und ist heuer erstmals dabei. Auch Stefan Gutscher ist ein Neuling. "Ich hab' gewusst, was auf mich zukommt", erzählt der 25-Jährige, der vor allem die lange Tradition des Schäfflertanzes hochhalten will. Zur Tradition gehört auch, dass die Ingolstädter Schäffler Mitglied des MTV Ingolstadt sein müssen. Und sie müssen Männer sein. Es gibt nur eine einzige Ausnahme. "Die Frauen spielen die Kasperl. Das war schon immer so", erzählt Simone, die - wen verwundert's - mit Nachnamen Hagn heißt.

Ein Schäfflertanz wäre freilich nicht vollständig ohne weitere Positionen: Der Reifenschwinger, der auf das Fass klettert und Reifen mit vollen Schnapsgläsern umherwirbelt, wobei kein Tropfen verloren gehen darf. Die schönste Aufgabe der ganzen Gilde jedoch haben jene zwei gestandenen Mannsbilder, die das Stadium des Tanzens vermutlich längst hinter sich gelassen haben und jetzt als Fassträger umso wertvollere Dienste leisten...
Bernhard Pehl
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