Das spätkaiserzeitliche Kammergrab von Pförring ist als Rekonstruktion jetzt im Stadtmuseum Ingolstadt zu sehen. Das Original ist das älteste Grab in Bayern, bei dem ein christlicher Hintergrund denkbar scheint.
Das spätkaiserzeitliche Kammergrab von Pförring ist als Rekonstruktion jetzt im Stadtmuseum Ingolstadt zu sehen. Das Original ist das älteste Grab in Bayern, bei dem ein christlicher Hintergrund denkbar scheint.
Rössle/Stadt Ingolstadt
Pförring
Sie war bei ihrem Tod wohl zwischen 20 und 30 Jahre alt, für damalige Verhältnisse ziemlich groß und gehörte wohl der Oberschicht an, wie sich aus den reichen Beigaben schließen lässt. Über 1500 Jahre ruhte Anna, wie die Archäologen sie nannten, in ihrem Kammergrab. Ihre Entdeckung war eine archäologische Sensation, wie sich rasch herausstellte: Es handelt sich um "das älteste Grab in Bayern ist, bei dem mit guten Gründen über einen christlichen Hintergrund nachgedacht werden kann", so der Ingolstädter Archäologe Gerd Riedel. Mit der Rekonstruktion des spätantiken Kammergrabs aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts besitzt das Stadtmuseum Ingolstadt nun über einen weiteren herausragenden Anziehungspunkt.

Der Fund aus Pförring ist nicht nur einer der außergewöhnlichsten im gesamten Raum Ingolstadt. Es stammt aus einer "archäologisch wie historisch besonders interessanten Epoche", so die Experten, und hat daher eine große wissenschaftliche Bedeutung. Denn aus dieser historischen Umbruchzeit der letzten Jahrzehnte des Weströmischen Reiches sind in Mitteleuropa nur sehr wenige archäologische Quellen und Gräber bekannt, wie etwa die Männerbestattung von Kemathen bei Kipfenberg.

Was das Kammergrab von Pförring außerdem so bedeutend macht: Die Grabung war wesentlich sorgfältiger als die aller bisherigen spätkaiserzeitlichen Kammergräber, zumal sich im Lössboden von Pförring Spuren der hölzernen Grabkammer besonders gut beobachten ließen.

Nach deren Abschluss kamen die Funde in die Werkstatt des Landesamts für Denkmalpflege nach München, wo mit der Konservierung begonnen wurde. Die weiteren Restaurierungsarbeiten bis zur Ausstellungsreife aller Funde hat der Markt Pförring ermöglicht.

Die umfangreiche Dokumentation und Restaurierung bot eine hervorragende Grundlage für eine 1:1-Rekonstruktion. Daher entschloss sich der Markt Pförring, die herausragenden Funde als Leihgaben an das Stadtmuseum Ingolstadt zu geben. Die Stadt Ingolstadt sagte im Gegenzug die Rekonstruktion des Kammergrabs zu, die jetzt vorgestellt wurde.

Neben Kulturreferent Gabriel Engert war auch der stellvertretende Landrat von Eichstätt, Bernhard Sammiller, voll des Lobes über die Arbeit der Fachleute und die Präsentation. Die Forscher hätten eine einmalige Arbeit geleistet. "Unsere Wissenschaftler haben es in dieser Ausstellung geschafft, nicht nur den materiellen Wert des Fundes darzustellen, sondern vor unseren Augen entsteht die Zeit, in der unsere Dame Anna gelebt hat. " Jochen Haberstroh, Hauptkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, hat den Fund seit seiner Entdeckung vor sechs Jahren intensiv verfolgt. Er lobte vor allem die "vorbildhafte interkommunale Zusammenarbeit" zwischen Ingolstadt und Pförring. Grabungsleiterin Vera Planert ließ die Gäste im Barocksaal in ihrem Rückblick an der Arbeit der Archäologen teilhaben. Es sei schon ziemlich bald klar gewesen, dass es sich um einen außergewöhnlichen Fund handelt. Nach ihren Worten war es eine faszinierende Erfahrung, so nah und intensiv an einer bedeutenden Entdeckung mitzuwirken. Derzeit schreibt sie ihre Dissertation über das Grab. Hans-Peter Volpert ist ein Fachmann für archäologische Rekonstruktionen und zeichnet als solcher für die Installation im Stadtmuseum verantwortlich. Wissenschaftlich genau, aber mit viel Liebe zum Detail hat er das Projekt verfolgt. Neben Brot, Butter, Käse und Nüssen ist dort beispielsweise auch eine (freilich nicht echte) Schweinshaxe zu sehen - in der Grabkammer hatten die Forscher Schweinsknochen gefunden.

Webschwert und eine Muschel aus dem Roten Meer

Die junge Unbekannte aus Pförring wurde in einer großen, aus Holz gezimmerten Grabkammer beigesetzt. Sie lag etwas erhöht, vermutlich auf einem Bett, an die westliche Wand der Grabkammer gerückt. Im mittleren und östlichen Teil der Grabkammer stand eine hölzerne, mit eisernen Beschlägen versehene Truhe. Die Archäologen entdeckten zudem Keramikgefäße, einen unzerbrochen erhaltenen Glasbecher, einen Geweihkamm sowie ein sogenanntes Webschwert. Einige Funde werden im Stadtmuseum gezeigt.

Von größter Bedeutung für die Fachleute waren freilich die vielen Schmuckstücke und Beigaben, wie eine Kette aus kleinen Korallenperlen, die mit zwei silbernen Schließhaken verschlossen waren, eine weitere Kette mit großen Perlen aus Bernstein und Glas sowie ein Gürtelgehänge mit persönlichen Gebrauchsgegenständen wie die Muschel einer Meeresschnecke aus dem Roten Meer sowie ein Paar bronzener Zierschlüssel. Am Kopf fanden sich 14 figürlich verzierte, vergoldete Pressbleche aus Silber, die möglicherweise Lämmer darstellen und so auf einen christlichen Kontext hinweisen, sowie mindestens 30 pyramidenförmige Beschläge aus vergoldetem Silber, zu denen bislang lediglich an fünf Fundplätzen (unter anderem Tunesien, Ungarn, Niederösterreich) Parallelen gefunden wurden. DK