Dienstag, 18. Dezember 2018
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Prozess um Pfaffenhofener Messerattacken: Mediziner kommentieren die schweren Verletzungen der Opfer

"Wir hatten keine Zeit zu verlieren"

Ingolstadt
erstellt am 06.12.2018 um 17:20 Uhr
aktualisiert am 10.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt/Pfaffenhofen (DK) Die gefährlichen Messerattacken in einem Pfaffenhofener Mietshaus zu Weihnachten 2017 - und die Suche nach dem Warum. Die 1.Strafkammer des Ingolstädter Landgerichts hat sich am zweiten Prozesstag im Verfahren wegen zweifachen versuchten Totschlags gegen einen heute 56-jährigen Kraftfahrer (DK berichtete), mit den Eindrücken beschäftigt, die Polizeibeamte seinerzeit vom geständigen Täter gewonnen hatten.
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Gleich zwei Ermittler sagten aus, die schon damals von dem Mann geltend gemachten Erinnerungslücken zum Tatgeschehen und auch seine selbstmitleidigen Äußerungen hätten auf sie "aufgesetzt" und "gespielt" gewirkt. Die Frage nach der Selbstwahrnehmung und der Glaubwürdigkeit des Angeklagten dürfte in dem Prozess, der noch drei Fortsetzungstermine hat, eine entscheidende Rolle spielen - vor allem mit Blick auf die damalige Steuerungs- und somit auch die Schuldfähigkeit des 56-jährigen Angreifers.

Zum Prozessauftakt hatte der zuletzt arbeitslose Lkw-Fahrer die Messerstiche gegen einen heute 52-jährigen Nachbarn und dessen jetzt 18-jährigen Sohn unter Tränen gestanden. Vor dem Schwurgericht hatte er sich zermürbt durch beständige Grübelei über seine Tat und immer noch erschrocken über sich selbst gezeigt. Offenbar ist er nach wie vor der Auffassung (oder zumindest bemüht um die Wirkung), auch selber Opfer zu sein, weil er durch seine Verhaftung und die drohende lange Gefängnisstrafe nunmehr seine Familie zerstört sieht. Aber ist da vielleicht etwas zu viel Selbstmitleid im Spiel?

Diesen wichtigen Punkt wird vor allem der psychiatrische Gutachter, der erst in der nächsten Woche angehört werden soll, beleuchten. Der Mediziner, der ja auch die Hauptverhandlung begleitet, hat schon verschiedentlich bei Zeugen nachgefragt, wie sie das Verhalten des Angeklagten am zweiten Weihnachtstag während der Messerstecherei im Treppenhaus des Pfaffenhofener Mietshauses und in den Stunden danach einordnen. Einer der Kripobeamten dazu: "Ich hatte den Eindruck, dass diese Wehleidigkeit übertrieben war."

Die Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtsvizepräsident Jochen Bösl beschäftigte sich am Donnerstag auch mit der Spurensicherung und mit den in diesem Fall sichergestellten Asservaten. Während das bei der Tat benutzte große Küchenmesser, das Polizisten kurz nach dem Notruf von Nachbarn im Hof des Wohnhauses in einer Biomülltonne gefunden hatten, bereits am ersten Prozesstag begutachtet worden war, ging es nunmehr um die Kleidung der Opfer. Vorsitzender Bösl öffnete mit Handschuhen entsprechende Pakete, in denen die Hemden mit den vom Täter verursachten Einstichlöchern aufbewahrt werden.

Die Verletzungen der beiden Männer waren anschließend ebenfalls Thema der Beweisaufnahme. Der damalige Notarzt und auch ein seinerzeit im Pfaffenhofener Krankenhaus Dienst tuender Chirurg führten aus, wie sie die Stichwunden bei den beiden Männern eingeordnet bzw. versorgt hatten.

Und da konnte es den Zuhörern im Gerichtssaal schon ein wenig mulmig werden. Der Notarzt hatte am Tatort den Eindruck gewonnen, dass vor allem der vom Täter zuerst attackierte Familienvater dringend operativ behandelt werden musste. Er hatte Stiche in die Brust, in die linke Hand und in ein Bein abbekommen. Es habe der Verdacht auf eine Verletzung der Lunge und den damit oft verbundenen gefährlichen Pneumothorax (Zusammendrücken von Lunge und Herz durch eindringende Luft) bestanden. Beim damals noch 17-jährigen Sohn habe ein Stich in den Bauch zunächst eine Darmverletzung befürchten lassen. Auch hier sei Eile geboten gewesen. Der Mediziner: "Wir hatten keine Zeit zu verlieren."

Im Krankenhaus stellte sich dann die Wunde des Sohnes als die gefährlichere heraus. Wie der Operateur berichtete, war bei dem jungen Mann durch den Messerstich der Magen dreifach perforiert worden. Zwei Löcher auf der Rückseite entdeckten die Ärzte erst, als die das erste auf der Vorderseite bereits zugenäht hatten. Es habe somit eine "schwerste, lebensgefährliche Verletzung" vorgelegen, so der Chirurg, während der Vater mit angeritzter Leber und Lunge noch vergleichsweise "glimpflich davongekommen"sei.

Die Strafkammer befragte auch einige Nachbarn von Täter und Opfern, die damals zumindest kurze Segmente des Handgemenges im Treppenhaus mitbekommen hatten. Wesentliche neue Erkenntnisse ergaben sich dadurch aber nicht. Der Prozess wird am nächsten Dienstag fortgesetzt.
Bernd Heimerl
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