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Ingolstädter Friseur Fatih Lök schneidet Obdachlosen und Flüchtlingen kostenlos die Haare – ein Sozialprojekt

Den "inneren Helden erwecken"

Ingolstadt
erstellt am 26.08.2015 um 21:40 Uhr
aktualisiert am 14.02.2018 um 16:29 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Eine Schere kreuzt die Klinge mit einem Rasiermesser. „Heldenmacher“ steht auf dem kreisrunden, schwarzen Button. Das Emblem hat Fatih Lök auf einer mobilen Werbefahne festgehalten.
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Ingolstadt: Den "inneren Helden erwecken"
Haare schneiden als Sozialprojekt: Der freiberufliche Friseur Fatih Lök schneidet Flüchtlingen wie dem 18-Jährigen Ali Reza aus Afghanistan, aber auch Obdachlosen kostenlos die Haare - Foto: Eberl
Ingolstadt

Der türkischstämmige, in Ingolstadt geborene freiberufliche Friseur zieht damit durch die Fußgängerzone und stellt sie auf, wenn er kostenlos einem Obdachlosen oder einem Asylbewerber die Haare schneidet. „I want to make you happy“, schreibt Fatih Lök auf seiner Facebook-Seite. Ein Video zeigt, wie er gerade einem Bettler Haare und Bart schneidet. Nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Nachahmer. Vor Kurzem hat der 27-Jährige mit seinem sozialen Projekt in Barcelona begonnen. Der neue Haarschnitt soll den „inneren Helden“ des Menschen, der vor ihm sitzt, erwecken. „Das, was hinter uns liegt, und das, was vor uns liegt, ist nichts verglichen mit dem, was in uns liegt“, sagt er. In Fatih Lök schlummert eine literarische Ader, wie an diesem Zitat des US-amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau zu erkennen ist, mit dem er im Juli sein Fotoalbum „Barcelona“ in dem sozialen Netzwerk kommentiert hat. Es gebe so viele Möglichkeiten zu helfen – auch ohne Geld. „Love is better than money“, Liebe ist besser als Geld, ist einer der Wahlsprüche Fatih Löks. Er habe mit seiner Aktion den ersten Schritt machen wollen, „damit andere Leute aufwachen“.

Die Schere, erzählt Lök, sei ihm sozusagen in die Wiege gelegt worden. Seine Mutter habe gerade ihre Ausbildung zur Friseurin gemacht, als sie mit ihm schwanger wurde. Fatih Lök arbeitet heute als freiberuflicher Männerfriseur. Einen Salon hat er nicht. Er nimmt stattdessen Aufträge entgegen. Einen festen Preis für seine Arbeit hat er nicht. Die Leute bezahlen, „was ihnen vom Herzen abfällt“. Durch Mundpropaganda hat sich Fatih Lök einen Namen gemacht. Auch über Facebook kann man zu ihm Kontakt aufnehmen.

Neulich war der Friseur in dem Zeltlager, das als Notunterkünfte für Asylbewerber am Hallenbad aufgestellt wurde. Er schnitt Flüchtlingen nicht nur kostenlos die Haare, sondern brachte auch gleich noch Spielsachen für die Kinder mit. Dem 18-jährigen Ali Reza aus Afghanistan verpasst er einen praktisch kurzen, aber nicht minder modischen Männerhaarschnitt. Im Gespräch mit der Redakteurin nutzt der Flüchtling die Gelegenheit, kundzutun, wie sehr er den Deutschen dankbar sei, „dass sie Flüchtlinge aufnehmen“. Die Kriegssituationen in den Ländern, aus denen sie kämen, seien „unbeschreiblich schrecklich“, übersetzt ein Deutsch sprechender Landsmann die Botschaft Rezas. Seit zehn Tagen ist der Afghane in der Notunterkunft in Ingolstadt. Wie es ihm nach der Flucht gehe? „Den Umständen entsprechend gut.“

Die Aktion von „Heldenmacher“ Fatih Lök ist an diesem Tag die Attraktion in dem Zeltlager. In Reih und Glied sitzen die Asylbewerber vor dem Zelt am Hallenbad auf einer Bank. „Es ist schön, wenn man den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann“, sagt Lök. Fünf Erwachsene und einige Kinder kommen dran. Dann zieht der „Heldenmacher“ mit seiner mobilen Friseurstation ab. Dieser Tage macht er Station in der Notunterkunft in Gerolfing. Auch hier werden die Asylbewerber wieder geduldig anstehen. Für sie ist der „Heldenmacher“, der ihnen für Gottes (oder Allahs) Lohn die Haare schneidet, der eigentliche Held.

Von Ruth Stückle
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