Twitter, ein Online-Kurznachrichtendienst, für den fast alle Teilnehmer des Aktiventreffens fleißig tippen, spielt bei der Operation Magellan eine große Rolle – obwohl eigentlich richtig miteinander gesprochen werden sollte. "Es findet eine Paralleldiskussion statt", erklärt der 41-jährige Körner. Dabei werden die Aussagen der Referenten sofort eifrig mit den für jedermann nachlesbaren Twitter-Kurznachrichten diskutiert. Jeder im Raum tauscht sich online mit jedem aus. Daraus ergeben sich dann direkte Gespräche, erklärt Popp. "Auch wenn wir uns hier treffen, kommunizieren wir über die Medien, die wir sonst auch benutzen", sagt der 26-Jährige.
80 Piraten mit fast ebenso vielen Notebooks haben sich in Ingolstadt versammelt. Die Dunkelziffer ist höher. Mindestens 14 Piraten verfolgen die Diskussionen und Vorträge im Internet. Dafür filmt der Rosenheimer Andreas Miesauer mit und sendet die Aufzeichnung trotz schlechter Internetverbindung als Livestream. "Mit 200 Kilobit." Der Mitschnitt soll dann auch zum Download zur Verfügung gestellt werden für die Piraten, die nicht kommen konnten. "Weil alles sehr dezentral ist, und junge Leute sich die Fahrt nicht leisten können", erklärt Miesauer. Die digitalen Teilnehmer interagieren aber sehr wohl mit den Piraten auf der Versammlung. Fragen werden per Chat an die Redner gestellt, Kommentare abgesetzt. Das landesweite Treffen findet im Ingolstädter Gewerkschaftshaus statt, weil es sehr zentral für alle bayerischen Kreisverbände liegt. Nur Internet gibt es im Saal nicht. Kein Problem für die Piraten, die bis an die Zähne mit elektronischen Spielereien bewaffnet sind. Sie teilen sich die UMTS-Verbindungen mobiler Modems.
Politische Fragestellungen sollen im Hintergrund bleiben. Und was auf der Tagesordnung steht, bestimmen die Piraten in basisdemokratischer Manier selbst mit einem Klick bei einer Online-Abstimmung. Bei Operation Magellan gehe es um organisatorische Fragen, erklärt Popp: Wie wirbt man Mitglieder? Wie gründet man einen Kreisverband? Wie funktioniert Straßenwahlkampf? So ein Treffen soll auch motivieren. "Die Leute wissen, dass wir aus der Sturm-und-Drang-Phase raus sind", räumt der Ingolstädter ein. Zuversicht sei aber da. Außerdem wolle man bald in ein erstes Landesparlament einziehen. Gute Aussichten darauf gebe es 2011 bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus in Berlin.
Julia Reda von den Jungen Piraten, die das Segel-Logo der Partei noch um ein neckisches Kopftuch erweitert haben, ist zufrieden mit dem Treffen in Ingolstadt. "Inhaltlich kommt mehr rüber, als bei Parteitagen", sagt die 23-Jährige Studentin für Politik und Publizistik. "Die persönlichen Gespräche am Rand sind sehr wichtig." Die Jungen Piraten mit einem Altersschnitt von 20 Jahren kürzen sich Jupi ab. "Das hat sich so eingebürgert", erklärt Reda. Analog heißen die älteren Piraten Opis – bei einem Durchschnittsalter von 29 Jahren, der noch unter dem der Jungen Union liegt.
Kurznachrichten dokumentieren die Versammlung bis ins Letzte öffentlich. Das System ist so transparent, dass es durch die schiere Menge an Daten schon wieder unübersichtlich wird. Für Reda alles eine Frage der richtigen Suche. "So wie man auf der Straße Informationen filtert, muss man das im Internet auch lernen." Wenn man sich bei Twitter speziell für Informationen zur laufenden Operation Magellan interessiere, müsse man eben den richtigen Hashtag – eine Art Suchfilter – eingeben. Der lautet für die Piratenversammlung "#omby". Zeitweise führt er bundesweit die Liste der meistgenutzten Hashtags an.
Den Beweis, dass das Datenfeuerwerk des Ingolstädter Piratentreffens nicht unbemerkt in den Weiten des Internets versandet, erbringt ein FDP-Bundestagsabgeordneter: Jimmy Schulz hat bei einer parallelen FDP-Veranstaltung im Stadttheater bei Twitter gelesen, dass sich die Piraten im Gewerkschaftshaus treffen. Da hat der Obmann der FDP-Fraktion in der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" kurzerhand vorbei geschaut. Programm und Themen gibt es reichlich. Doch nach dem mehrstündigen Treffen wollen die zuletzt verbliebenen Teilnehmer dann ein wenig Feiern gehen – oder im Piratenjargon gesprochen: "Socializing betreiben".
