Donnerstag, 19. Juli 2018
Lade Login-Box.

Ökologisch sinnvoll sind offene Eingänge derzeit nicht – aber wirtschaftlich, sagen Geschäftsleute

Tag der offenen Tür bei minus 15 Grad

Ingolstadt
erstellt am 06.02.2012 um 20:03 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 20:08 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Egal wie tief die Temperaturen sinken, bei vielen Geschäften in der Innenstadt bleiben die Türen weit geöffnet. Begründet wird das mit dem Komfort für die Kunden. Umweltschützer protestieren.
Textgröße
Drucken
Ingolstadt: Tag der offenen Tür bei minus 15 Grad
Unsichtbare Barriere: Im Geschäft herrscht wohlige Wärme, während draußen gebibbert wird. Ein warmer Strom aus der Lüftungsanlage trennt die Luftmassen. Anders als in diesem Fall verzichten viele Geschäfte deswegen vollständig auf Eingangstüren. Umweltschützern ist das ein Gräuel. - Foto: Rössle
Ingolstadt
Temperatursprünge von über 30 Grad Celsius binnen weniger Sekunden sind in der Innenstadt an der Tagesordnung. Fußgänger müssen dazu nur von der Straße in ein Geschäft abbiegen. Ein warmer Luftstoß von oben und schon umfängt den Kunden wohlige Wärme, während die Spaziergänger einen Meter dahinter noch frieren. Meist muss man dazu nicht einmal die Hände aus den Manteltaschen nehmen, denn viele Geschäfte halten ihre Portale auch bei eisigen Temperaturen sperrangelweit offen. Vor den Türen steigt die warme Luft flirrend in den eisigen Himmel.

Einen „Irrsinn“ nennt das Georgine Müller vom Bund Naturschutz in Ingolstadt. Angesichts des Klimawandels sei ein solches Verhalten nicht zu tolerieren. Ähnlich kritisch geht sie mit den sommerlichen Gepflogenheiten mancher Geschäfte ins Gericht. Dann werden die Innenräume stark heruntergekühlt. Auch dabei bleiben die Türen meist offen. „Ein unnötiger Energieverbrauch“, befindet sie. Der Stadt sind in diesem Fall die Hände gebunden. „Es gibt hier keine rechtliche Handhabe“, sagt Michael Klarner vom Presseamt.

Der World Wide Fund for Nature hat den Wärmeverlust, der durch einen offenen Geschäftseingang entsteht, auf den Energiebedarf eines Wohnhauses berechnet. „Das könnte durchaus in dieser Größenordnung liegen“, bestätigt Werner Maier, Sachverständiger für baulichen Wärmeschutz in Ingolstadt. Der warme Hauch an der Eingangstür – Experten sprechen von einem Luftschleier – trennt die Luftmassen vor und in dem Geschäft „wie ein Rollladen“, erklärt Maier.

In den Geschäften ist man sich den energetischen Mehrkosten durchaus bewusst. Allerdings „geht es einfach nicht anders“, heißt es in einem Laden in der Moritzstraße. Eine geschlossene Tür stelle eine zu hohe Hemmschwelle für viele Kunden dar. Sie hätten das Gefühl, „ausgesperrt“ zu sein. Ähnlich wird in einem Laden in der Theresienstraße argumentiert. Die Betreiberin erwartet Einbußen von „bis zu 50 Prozent“, wenn die Glastür geschlossen bleibt. Andere fürchten um die Sicherheit ihrer Kunden, die gegen die durchsichtigen Türen laufen könnten. Auch auf diese Gefahr hin, sind die sonst offenen Eingänge der Buchgeschäfte bis auf einen Durchgang mit Glasscheiben verschlossen. Einige Kunden hätten sich bereits darüber beschwert, erzählt der Betreiber einer Buchhandlung. Andere fragten kritisch nach, wenn die Türen offen blieben. „Allen kann man es eben nicht recht machen.“

Stefan Tavenrath ist in der Zentrale von Esprit in Ratingen für die Architektur der Filialen zuständig. „Wir versuchen grundsätzlich, alles möglichst offen zu halten“, bestätigt er. Der Kunde soll ohne abzubremsen in das Geschäft kommen können. Sollte es zu kalt werden, sei es den Filialen freigestellt, die Türen zu schließen. Das allerdings ist nicht bei allen Geschäften möglich, räumt er ein. Auch in Ingolstadt gibt es bei vielen Läden nur die Wahl zwischen völliger Offenheit und dem Ladenschlussgitter.

Im Modehaus von Franz Mayr werden zur kalten Jahreszeit Türen in den sonst offenen Eingang gebaut. Von den drei Portalen sind derzeit zwei geschlossen. Dass die Türen eine Hemmschwelle für Kunden sein könnten, räumt er ein: „Ich seh aber nicht ein, dass ich die ganze Fußgängerzone heizen soll“, sagt Mayr. Einen Luftschleier gibt es hier trotzdem. Er soll sicherstellen, dass im Geschäft kein unnötiger Zug entsteht, wenn die Türe geöffnet wird.

Auch bei S’Oliver muss die Kundschaft durch eine Tür. Wegen der Kälte ließe sich die Temperatur im Laden nicht ökologisch vertretbar auf angenehmen Werten halten, sagt Filialleiter Jörg Seidlitz. Weniger Geschäft befürchtet er nicht. Ähnlich sieht es Martina Seidenschwarz bei Bonito nebenan. Sie lüftet, wenn viele Leute im Laden sind, oder fragt die Kundschaft, ob die Türen geschlossen werden sollen. Dass bei geschlossenen Türen weniger Leute kommen, glaubt sie nicht. „Das ist totaler Schmarrn“, sagt sie. „Die Ingolstädter wohnen nicht erst seit gestern hier. Die wissen, dass wir immer offen haben.“

 

Von Johannes Hauser
Kommentare
Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!