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Helmut Henseler wuchs im Nahen Osten auf – heute ist er Präsident der Deutsch-Jordanischen Gesellschaft

Zwischen Karl May und Terrorangst

Ingolstadt
erstellt am 12.04.2013 um 21:31 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 20:20 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Helmut Henseler hat seine Kindheit in Jordanien verlebt, heute engagiert sie der ehemalige Audianer als Präsident der Deutsch-Jordanischen Gesellschaft (DJG) gegen Vorurteile und Klischees. Jetzt feiert die Organisation in Ingolstadt ihr 50-jähriges Bestehen.
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Ingolstadt: Zwischen Karl May und Terrorangst
Zwischen den Kulturen: Am Flughafen von Amman wurden 1955 der damals fünfjährige Helmut Henseler (im Bild mit Puppe) und seine Familie in Empfang genommen. Neun Jahre lebte er in dem arabischen Land. Heute ist er Präsident der Deutsch-Jordanischen Gesellschaft, die heuer ihr 50-jähriges Bestehen feiert und Reisen und Schüleraustausche nach Jordanien organisiert. Im Bild oben der Sikh in Petra - Fotos: Rössle, privat
Ingolstadt
Helmut Henselers Begeisterung für Jordanien ist eine Liebe auf den zweiten Blick. Im April 1955 folgte er mit seiner Mutter und seiner Schwester dem Vater in das arabische Land. Der war bereits zwei Jahre zuvor nach Jordanien gezogen, um eine Zementfabrik aufzubauen, deren Direktor er später wurde. „Ein Abenteuer“ sei die Reise aus dem Sauerland in die Wüste für den damals Fünfjährigen gewesen, erinnert sich Henseler heute. Als die Familie schließlich auf dem Flughafen Amman/Marka aus der DC 3 der Pan America Airways kletterte, wartete auf dem Rollfeld bereits eine kleine Delegation, um die Familie in ihrer neuen Heimat zu begrüßen.

Die Eltern ersetzten den beiden Kindern die Schule. Henseler lernte allerdings nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben, sondern auch Autofahren. „Als Sechsjähriger bin ich mit dem Laster auf dem Fabrikgelände herumgefahren“, erzählt er. Sein treuester Gefährte war ein Schäferhund. Mit ihm durchstreifte er oft den ganzen Tag die hügelige Umgebung des kleinen Ortes Fuhais, 40 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Amman. „Ich kam mir vor wie ein Entdecker“, erinnert sich der 63-Jährige. „Ein Held aus den Karl-May-Romanen, die ich damals so gerne las.“

Das Abenteuer dauerte neun Jahre. 1964, Henseler war 14, zog die Familie zurück nach Deutschland. „Zum ersten Mal habe ich eine Schule von innen gesehen“, sagt er. Er machte Abitur, studierte Maschinenbau in Aachen, und kam schließlich über Stuttgart zu Audi nach Ingolstadt. Die Begeisterung für Autos hat ihn nach den ersten staubigen Fahrversuchen nicht mehr losgelassen. Dennoch: Das Jordanien-Kapitel seines Lebens sah er als abgeschlossen an. „Ich habe meinen Blick nach vorne gerichtet.“

Mitte der 1990er Jahre kam es dann in Ingolstadt zu einer folgenreichen Begegnung. Ein Kollege und späterer Freund berichtete Henseler von einem jordanischen Studienkollegen, zu dem er immer noch Kontakt halte. 1997 begleitete Hensler seinen Freund schließlich auf eine Reise in seine frühere Heimat, die er vor über 30 Jahren verlassen hatte. „Das hat alles in Gang gesetzt“, sagt Henseler und schildert die Herzlichkeit, mit der er nach all der Zeit empfangen wurde, die vielen Menschen, die sich an ihn und seine Familie erinnern konnten, die umwerfende Gastfreundschaft. „Es war ein Schlüsselerlebnis.“

Zurück in Deutschland suchte Henseler eine Möglichkeit, sich zu engagieren. In Hannover stieß er auf die Deutsch-Jordanische Gesellschaft. Er wurde Mitglied und verlieh der „in dieser Zeit nicht sehr aktiven“ Organisation durch seinen Einsatz neuen Schwung. 2008 wurde er ihr Präsident. Die Gesellschaft hat sich die Völkerverständigung zur Aufgabe gemacht. „Wir versuchen auf allen Ebenen, bilaterale Kontakte anzuregen oder zu intensivieren“, erklärt Henseler. Die Gruppe organisiert Reisen, Schüleraustausche, berät Gruppen aller Art und hilft, Vorurteile und Klischees abzubauen. Die Wahrnehmung des arabischen Landes schwanke im Westen zwischen Verklärung à la Karl May und Terrorangst, hat er erfahren. Immer wieder müssten Eltern von der Unbedenklichkeit eines Schüleraustausches überzeugt werden.

In diesem Jahr feiert die Deutsch-Jordanische Gesellschaft ihr 50-jähriges Bestehen. Am Samstag, 20. April, findet zunächst eine Mitgliederversammlung im Ingolstädter Audi-Forum statt. Um 18 Uhr beginnt der öffentliche Teil, in dem sich eine Reihe von Fachreferenten mit Organisationen beschäftigen, die sich der Völkerverständigung verschrieben haben. Im Oktober wird die DJG noch einmal in Hannover feiern.

Henseler plant schon seine nächste Reise nach Jordanien. Seit seiner Rückkehr 1997 fliegt er im Schnitt zweimal im Jahr in das Land. Wer will, kann ihn bei der Studienreise vom 22. Mai bis zum 1. Juni in das Land seiner Kindheit begleiten. „Es wird eine Reise werden, die man in keinem Reisebüro buchen kann.“

Von Johannes Hauser
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